Die Leonberger Landfrauen bekommen ständig Zuwachs – auch jungen. Foto: Landfrauen Leonberg

Vielerorts müssen die Landfrauen noch mit einem angestaubten Image aufräumen. Dabei boomt es in den Ortsvereinen – viele neue Mitglieder gibt es inzwischen ebenso wie ein vielfältiges Programm.

Ohne Frauenpower, da ist sich Eva Wöhr sicher, geht auf dieser Welt gar nichts. Für die Leonberger Landfrauen, bei denen sie gemeinsam mit Ilse Kerber den Vorsitz innehat, ist eigentlich jeden Tag Weltfrauentag, der 8. März wird da nicht besonders gefeiert. 24 Kreisverbände mit 580 Ortsvereinen gehören zum Landfrauenverband in Baden-Württemberg, die größte Frauenorganisation des Bundeslandes überhaupt – und eine historisch durchaus politische obendrein.

 

Vor Ort bilden sie ein starkes Netzwerk: „Die Frauen genießen es, untereinander zu sein“, erklärt Ilse Kerber, „und, dass sie sich bei uns stark machen können.“ Besonders das soziale Miteinander sei dabei wichtig. In den Ortsverbänden geht es deshalb besonders um gemeinsame Aktivitäten, regelmäßige Treffen, Vorträge und Kurse – die Erwachsenenbildung sei der große Auftrag der Landfrauen, so Kerber. Politische Arbeit findet besonders im Landesverband statt. Dieser positionierte sich 2015 klar für die Aufnahme von Geflüchteten oder setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die damit zusammenhängende Auflösung von klassischen Rollenbildern ein. Und erst im vergangenen Jahren waren es Landfrauen aus Friesland, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass ein Mammografie-Screening auch für Frauen zwischen 70 und 75 kostenfrei ist.

In Leonberg gibt es auch die jungen Landfrauen

„Ich denke, dass wir das schon richtig machen“, sagt Ilse Kerber über die Arbeit der Landfrauen. Für sie deutlich zu sehen an den Mitgliederzahlen: Einen „wahnsinnigen Zulauf an Mitgliedern“ haben die Leonberger Landfrauen, berichten Kerber und Wöhr – und das ohne aktives Mitgliederwerben und nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda. 186 Mitglieder hat der Ortsverband, gerade erst sind 18 Frauen dazugekommen. „Es kommen Frauen im Ruhestand, die etwas suchen, wo sie dabeisein und sich einbringen können“, sagt Wöhr.

Gleichzeitig hat der Leonberger Ortsverband aber auch eine eigenen Abteilung für die jüngeren Mitglieder, die Jungen Landfrauen Leonberg. Anfänger-Computerkurse, wie es sie etwa im regulären Ortsverband gibt, werden dort nicht besucht, stattdessen werden Wildkräuterkurse gegeben oder Yoga gemacht. „Frauen zwischen 30 und 40 haben eben andere Interessen“, sagt Wöhr.

Neue Orientierung, wenn die Kinder aus dem Haus sind

Die Hirschlander Landfrauen standen vor rund einem Jahr kurz vor dem Aus, der Vorstand konnte und wollte aus Altersgründen nicht mehr weitermachen. Wäre da nicht der Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde gewesen, nach dem einige Frauen – unter ihnen Angela Munz – zusammenstanden, und wäre nicht eine Woche später Erntedankfest gewesen, bei dem Sandra Hagenlocher – auf einem landwirtschaftlichen Hof zuhause – aktiv geworden ist. „Sie fehlte uns noch bei den Landfrauen“, erzählt Munz. Hagenlocher wurde angesprochen und ist seitdem dabei.

Quasi aus dem Nichts hatte sich auf diese Weise eine Gruppe von Frauen zusammengefunden, die alle in einer vergleichbaren Lebenssituation waren: Die Kinder waren aus dem Gröbsten raus, das Netzwerk von Eltern der Kindergartenfreunde löste sich nach und nach auf. Die Mütter, wiewohl auch berufstätig, wollten sich neu orientieren.

Es geht um das Miteinander

Schnell wurde das Netzwerk größer, die Landfrauen suchten Mitstreiter dort, wo sie in ihrem Alltag aktiv waren. Ob in Vereinen oder in der Arztpraxis. Stets ging es um das Miteinander: man sang im Chor und wurde zudem Landfrau. Es sei kein entweder oder, wie beide betonen, auch nicht ausschließend: auch Männer seien Fördermitglied.

Im Herbst 2022 waren es 86 Landfrauen, ein Jahr später 118 – und Hagenlocher und Munz wissen schon von den nächsten zehn, die sich anschließen wollen. Aus allen Generationen, aus allen Berufen. Wenn man mit einer Frau, die noch keine Landfrau sei, darüber rede, sie diese das nächste Mal dabei, sagt Hagenlocher. Möglich macht das ein vielfältiges Programm – von Backen bis Instagram – , das jede anspreche.

Alle dürfen mitmachen

Die Programmvielfalt gebe es schon lange, sagen beide. Nur sei es eben nicht auf Berufstätige zugeschnitten gewesen – nachmittags um vier können eben viele nicht. Dabei gehe es den Landfrauen ja um Bildung, konkret um „Weiterbildung in der Gemeinschaft mit Spaß und Motivation“. Dabei spiele keine Rolle, was man beruflich mache. „Im Verein sind wir alle gleich“. Da sind sich beide einig. Auch die Leonberger Landfrauen betonen das: „Bei uns können wirklich alle Frauen Mitglieder werden“, sagt Ilse Kerber. „Wir weisen niemanden ab.“

Dass die Landfrauen auf ein solch großes Interesse stoßen, hat den Verantwortlichen zufolge keineswegs allein mit den jüngeren Neumitgliedern zu tun. Die älteren, langjährigen Landfrauen, werden bei den Aktionen und Festen eingebunden, zwei von ihnen sind im Vorstand, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, so Hagenlocher. Dabei geht es nicht allein darum, die Expertise nicht zu verlieren. Es gehört zum Selbstverständnis der Landfrauen, generationenübergreifend zu agieren: für 2024 lautet das Jahresmotto gar „Miteinander Zukunft gestalten“. Vergangenes Jahr wurden zudem die Landstrolche gegründet für Kinder von sechs Jahren an. Die Ältesten sind um die 90, das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren.

Aufräumen mit dem antiquierten Image

Bisweilen müssten sie noch mit dem angestaubten Image aufräumen, Landfrauen würden nur backen, oder man dürfe sich ihnen nur anschließen, wenn man eben dieses Handwerk beherrsche. Angestaubt sei auch heute nach wie vor nicht die Bedeutung des Weltfrauentags, sagt Hagenlocher. Die Wirtschaftsingenieurin und nennt etwa den Frauenanteil im baden-württembergischen Landtag. „Der Weltfrauentag hat seine Bedeutung in vielen Bereichen.“ Das galt früher, das gelte aber auch heute.