Im Landesmuseum lässt sich Eiszeitkunst buchstäblich begreifen Foto: lm/Leliveldt, Lohmann

Wir staunen über die Venus vom Hohle Fels. Im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart begeistert die Eiszeitkunst nun auch seheingeschränkte und blinde Menschen.

Die Frauenfigur Venus vom Hohle Fels oder der Löwenmensch sind internationale Stars. Als Kronzeugen jener Zeit, in der die Menschen zum einen ein plastisches Abbild ihrer Umwelt entwickeln wollten, zugleich aber auch Wege suchten, das Übersinnliche Form werden zu lassen und damit buchstäblich fassbar zu machen.

 

Eben dieses Fassbare bringt jetzt eine Sonderausstellung im Landesmuseum Württemberg zurück: „Urformen. Eiszeitkunst um Anfassen“ – zu erleben im Ständesaal im Erdgeschoss des Landesmuseums. Dort warten in einem insbesondere auf seheingeschränkte und blinde Menschen konzentrierten Parcours zum einen eine Reihe von Nachbildungen aus der Eiszeitkunst-Hitliste, zum anderen Tast-, Riech- und Hörstationen. Die Idee: „Über die inklusiv erlebbaren Kunstwerke taucht die Ausstellung tiefer in die eiszeitliche Lebenswelt ein. Die verwendeten Werkzeuge und die verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Mammutelfenbein und Gagat, werden haptisch erfahrbar.“ Und: „Im Original kaum noch erkennbare Details der Tier- und auch Menschendarstellungen werden in Tastobjekten herausgearbeitet und sind damit auch visuell besser erkennbar.“ Sprich: Der inklusive Ansatz hilft allen.

Ein Star der Eiszeitkunst: Löwenkopf aus der Vogelherdhöhle Foto: lmw/Hendrik Zwietasch

Damit unterstreicht das Projekt „Urformen. Eiszeitkunst um Anfassen“ die inhaltliche Bedeutung der Forderung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, mehr auf inklusive Szenerien zu achten. In der Staatsgalerie Stuttgart, die auch zu ihrer aktuellen Modigliani-Erfolgsschau Angebote für sehbehinderte und blinde Menschen macht, hatte denn auch Kunststaatssekretär Arne Braun (Grüne) jüngst betont, es gehe „eben nicht um ein ,nice to have’“.Vielmehr ergäben sich aus den Inklusionskonzepten der Museen „grundsätzliche Fragen für die gesellschaftliche Teilhabe“.

Ausstellungsarchitektur ermöglicht Orientierung

Sich alleine in einem Museum, in einer Ausstellung, bewegen zu können, zählt seit langem zu den Forderungen seheingeschränkter und blinder Menschen. Leitsysteme auf dem Fußboden schließt der Denkmalschutz für den Ständesaal im Landesmuseum im Alten Schloss aus. Und so spielt das Wissenschaftsteam um Fabian Haack buchstäblich über Bande. Weiße Holzleisten dienen ebenso als visuelle wie auch als räumliche Orientierung.

Aus Mammut-Elfenbein werden Duplikate der Eiszeit-Kunstwerke gefertigt Foto: tr/T. Rittelmann

Was aber ist in dieser Schau, die eigentlich ein Doppel ist, eindringlicher? Die 23 nachgeschnitzten und vervollständigten Eiszeitfiguren in der wesentlich von der Baden-Württemberg Stiftung geförderten Wanderausstellung „Urformen – Die figürliche Eiszeitkunst Europas“ (auch hier ist Anfassen erlaubt) oder die fünf eigens für das Landesmuseum entwickelten interaktiven Stationen? Tatsächlich besticht hier der Zusammenklang. Nicht nur, wenn in der vielfachen Vergrößerung für die interaktive Station ein Löwenkopf erst seine linearen Geheimnisse und seine Detailgenauigkeit offenbart.

Schrankenlos: freier Eintritt

Sechs Euro kostet der Eintritt für Erwachsene in die Schausammlung (ermäßigt: fünf Euro), Jugendliche bis 17 Jahre haben freien Eintritt. Und eben diese Schausammlung gehört zugleich zum Thema „Urformen. Eiszeitkunst zum Anfassen“ hinzu. Als ideal könnte sich erweisen, in der Schausammlung zu staunen, in der Sonderausstellung bei freiem Eintritt genau zu fühlen (Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr) – um dann mit neuen Kräften im zweiten Landesmuseum-Stock den Eiszeit-Stars neu zu begegnen. Mehr Mitnehmen durch Inklusion? Für Christina Hack, neue Wissenschaftliche Direktorin des Landesmuseums, „ist genau dies das Ziel“.