1972 wurde das Landesjugendorchester Baden-Württemberg gegründet. Johannes Klumpp dirigiert das Jubiläumskonzert – und ist überwältigt von der Begeisterung und dem Arbeitswillen der Nachwuchsmusiker.
Dass eine Hundertschaft von Menschen zusammen Musik macht, ist an sich nichts Besonderes. So etwas nennt man dann Orchester, und Orchester gibt es (immer noch) viele – Ensembles für Profis, Ensembles für Laien. Und Ensembles für Menschen dazwischen, die noch nicht der einen, aber auch nicht mehr der anderen Gruppe angehören. Solche Ensembles sind die deutschen Landesjugendorchester und das Bundesjugendorchester: In ihnen sammeln musikalisch hochbegabte Schülerinnen und Schüler vor Beginn ihres Musikstudiums erste Erfahrungen im Orchesterspiel. Die ältesten Landesjugendorchester entstanden 1968 in Hamburg und Niedersachsen, das zweitälteste ist das Ensemble aus dem Bundesland, dessen Nachwuchs sich regelmäßig die meisten Preise bei der Exzellenz-Auslese im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ erspielt: Baden-Württemberg.
Was ist das Besondere am hiesigen Landesjugendorchester (LJO)? „Die Euphorie ist fast grenzenlos“, sagt Johannes Klumpp, der als eine Art ständiger Gastdirigent das Jubiläumskonzert an diesem Samstag leitet. Er begeistert sich für die Begeisterung. Drei Stunden Proben vormittags, drei Stunden Proben nachmittags, dazu noch eineinhalb Stündchen am Abend: „Das würde kein Profiorchester mitmachen.“ Die jungen Leute seien bereit, alles zu geben, ja, sich womöglich auch mal richtig zu quälen, und sie hätten ein „extrem hohes Lerntempo“. Diese Qualitäten machen dann sogar wett, dass die Fluktuation groß ist, dass man also die künstlerische und menschliche Nähe, die bei einer der beiden jährlichen Arbeitsphasen entstanden ist, in der nächsten erst wieder neu erarbeiten muss. „Man fängt jedes Mal wieder von vorne an“, sagt Klumpp – „es gibt keine eingespielten Mechanismen.“
Einmal im Jahr gibt es ein Bewerbungsvorspiel
Beim Landesjugendorchester entsteht zwar kein bleibender spezifischer Ensembleklang, aber Dirigenten können ihre eigenen Ideen sehr gut hörbar machen. So zumindest sieht das der Dirigent, der das Orchester seit dem Ende der 41 Jahre (!) währenden Ära des Gründungsdirigenten Christoph Wyneken begleitet und durch sein Mitwirken an der künstlerischen Planung auch das Profil des Klangkörpers mitbestimmt. Einen Chefdirigenten gibt es seit 2013 nicht mehr.
Wo sind die Grenzen eines Nachwuchsorchesters? Schwer zu sagen. Johannes Klumpp hat mit dem LJO schon Werke des 20. Jahrhunderts aufgeführt, auch mal eine Beethoven-Sinfonie ganz ohne Vibrato. Die Frage bei der Programmplanung sei vor allem, was die Musikerinnen und Musiker technisch leisten, was sie in der verfügbaren Probenzeit einer Projektarbeitsphase umsetzen und ob die solistischen Partien von Orchesterwerken adäquat besetzt werden können. Das stellt sich dann auch bei den jährlichen Bewerbungsvorspielen heraus. Zwar sind durch die Coronazeit Defizite im Ensemblespiel entstanden, aber die individuelle Qualität hat nicht gelitten. „Die Qualität der 14- und 15-Jährigen, die momentan in der Geigengruppe sitzen, macht Hoffnung. Und große Lust, dabei zu bleiben.“
Jubiläumskonzert Werke von Schumann, Bruch, Brahms. Sonntag, 12. Juni, 17 Uhr, Beethovensaal Stuttgart. Karten: 07 11 / 2 55 55 55.