Der Gemeinderat stellt im Haushalt Mittel für die SSB bereit, damit diese den Lärm, den Stadtbahnen und Gleise verursachen, messen und auswerten kann. In Möhringen und Stuttgart-West soll auch direkt etwas zur Lärmminderung getan werden.
Möhringen/S-West - Wenn die Stadtbahn enge Kurven fährt, wird es laut. Ebenso, wenn sie über Weichen rumpelt. Oder dort, wo die bisherigen Holzschwellen gegen Betonschwellen ausgetauscht wurden, wie Anwohner berichten. Die Lärmbelastung für diejenigen, die an den Gleisen wohnen, ist hoch, unter anderem rund um den Möhringer Bahnhof – dort verkehren fünf Stadtbahnlinien plus die Bahnen, die zum SSB-Betriebshof fahren und von dort kommen. Längere Züge und dichtere Takte tragen dazu bei, dass die Lärmbelastung in den vergangenen Jahren gestiegen ist, berichten Anwohner. In Spitzenzeiten fahre alle anderthalb Minuten eine Bahn vorbei. Sie wünschen sich, dass es wieder leiser wird in ihren Häusern.
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Nun hat der Gemeinderat im Doppelhaushalt 2022/2023 finanzielle Mittel für die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) bewilligt, damit diese den Stadtbahnlärm erfassen und auswerten kann. Zudem stehen Mittel für technische Anlagen zur Lärmminderung und eine etwaige Optimierung von Lärmschutzwänden bereit.
Beschwerden wegen Lärms aus dem ganzen SSB-Gebiet
„Es tut sich was zum Wohle der Anwohner“, sagt Jürgen Häberle. Der Vaihinger hat 2019 zusammen mit weiteren Betroffenen die Bürgerinitiative „Reduzierung Stadtbahnlärm“ ins Leben gerufen. Sie fordert, dass der Lärm durch die Stadtbahnen weniger wird. Die Initiative hat dabei nicht nur Möhringen im Blick, sondern explizit die ganze Stadt und die Kommunen darüber hinaus, die durch die SSB-Stadtbahnen erschlossen sind. Auch von dort, berichtet Häberle, kämen Beschwerden wegen des Lärms.
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Die Bürgerinitiative sei im regen Austausch mit der SSB, der Politik und der Verwaltung. Die Zusammenarbeit sei gut. Im Oktober 2021 habe es ein Gespräch im Stuttgarter Rathaus gegeben, bei dem das Referat Städtebau, Wohnen und Umwelt, das Amt für Umweltschutz, die SSB, Gemeinderatsvertreter aller Fraktionen und Mitglieder der Bürgerinitiative dabei gewesen seien. „Alle waren sich einig, dass es wichtig ist, etwas gegen den Lärm zu tun“, berichtet Häberle. Seitens der CDU, der SPD und der Grünen lagen drei Anträge zum Haushalt vor, in dem sie mehr Lärmschutz forderten. Federführend sei Jürgen Sauer, Betreuungsstadtrat der CDU, gewesen, „er hält auch den Kontakt zu uns als Bürgerinitiative“, sagt Häberle. Die Haushaltsanträge seien fraktionsübergreifend mehrheitlich bewilligt worden.
Gemeinderat bewilligt Mittel für Lärmerfassung und Lärmschutz
Mit den Mitteln soll ein Stadtbahnwagen mit Technik zum sogenannten Lärmmonitoring ausgestattet werden. „Die SSB plant derzeit Messfahrten und arbeitet an einem Konzept für ein mit Messtechnik ausgestattetes Stadtbahnfahrzeug“, teilt die SSB-Sprecherin Birte Schaper mit. Bisher gehe die SSB davon aus, ein bestehendes Fahrzeug auszurüsten. Zweitens bekommt die SSB Geld für Personalkosten, damit die erfassten Lärmdaten ausgewertet werden können. Im Doppelhaushalt stünden 50 000 Euro für einen Messwagen bereit, bestätigt Stadtsprecherin Marie Kraft. „Zudem erhält die SSB in den Jahren 2022 und 2023 Mittel für den Betrieb und die Auswertung der Messungen in Höhe von 200 000 Euro pro Jahr. Hierin sind die Kosten für zusätzliches erforderliches Personal bei der SSB enthalten.“
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Drittens soll ein Gutachten klären, ob der Lärmschutz am Kauslerweg in Möhringen und zwischen Balinger Straße und der Haltestelle Vaihinger Straße ausreichend ist. „Lärmschutzwände können sehr wirksam die Lärmbelastung an Straßen oder Schienenwegen mindern“, sagt Kraft. „Die Höhe der Wirksamkeit muss jedoch stets individuell durch ein schalltechnisches Gutachten nachgewiesen werden. Deshalb wird der SSB im Jahr 2022 ein Zuschuss aus dem Stadthaushalt in Höhe von 50 000 Euro für Gutachten- und Planungskosten zur Verfügung gestellt.“ Wenn die Gutachten für die beiden Gebiete entsprechend positive Ergebnisse lieferten, erhalte die SSB im Jahr 2023 einen städtischen Investitionszuschuss für die Baukosten von Lärmschutzwänden in Höhe von 200 000 Euro.
Maßnahmen kommen Anwohnern im gesamten Netz zugute
Zudem hat die SSB bereits Geld in Systeme investiert, die den Lärm mindern sollen. „Die SSB hat zwei Versuchsanlagen zur Schienenkopfkonditionierung aufgebaut, eine in Möhringen und eine im Stuttgarter Westen“, erklärt Birte Schaper. Diese Anlagen „schmieren“ die Gleise und reduzieren so das Quietschen in den Kurven. Noch sind sie allerdings nicht in Betrieb. „Die Fachleute hoffen, zeitnah einen ersten Testbetrieb der Versuchsanlagen durchführen zu können“, sagt Schaper. Zwei weitere solche Systeme sind am Gleisbogen zwischen Möhringer Bahnhof und der Haltestelle Riedsee sowie zwischen Möhringer Bahnhof und Haltestelle Sigmaringer Straße geplant. Die Kosten dafür trägt die SSB. „Die Maßnahmen sind zwar zunächst in Möhringen, werden aber letztlich im gesamten Netz der SSB Vorteile bringen“, sagt Jürgen Häberle.
Die Bürgerinitiative freut sich über die Unterstützung der Politik. „Das bestätigt uns in unseren Forderungen“, so der Sprecher. Zudem lobt er die SSB: „Sie ist bemüht, Probleme abzustellen. Unsere Themen werden ernst genommen.“ Die Initiative sieht sich noch nicht am Ziel, „aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Häberle. Die Mitglieder wünschen sich, bei Neubauplanungen früher einbezogen zu werden, Häberle nennt als Beispiel die Pläne für die Linie U5B, die in Zukunft Plieningen mit der Innenstadt verbinden soll, über eine Übereckverbindung zwischen den Haltestellen Sigmaringer Straße und Riedsee.