Rudi Völler gibt der Mannschaft um Thomas Müller die Richtung vor. Foto: imago//emmler

Dem Fanliebling gelingt mit der deutschen Nationalmannschaft ein erster Stimmungsumschwung. Doch der 63-Jährige will wieder Sportdirektor sein – und einen passenden Bundestrainer finden.

Geschafft. Rudi Völler hatte zwar sein typisches Lächeln aufgesetzt, aber der 63-Jährige gab nach dem Länderspiel gegen Frankreich zu, dass ihm die vergangenen Tage viel abverlangt hatten. „Sehr stressig“ sei es gewesen. Nach der 1:4-Blamage der deutschen Nationalmannschaft gegen Japan war der Fanliebling ja als Krisenmanager gefragt. Er musste seinen Kumpel Hansi Flick in einer hektischen Aktion des Amts als Bundestrainer entheben, gleichzeitig die Fußballnation beruhigen und stundenlang über Nachfolgelösungen diskutieren – und zu guter Letzt selbst als Teamchef einspringen.

 

Erleichterung machte sich erst nach dem 2:1-Sieg breit. Denn selbst für einen wie Völler, dem vieles leicht von der Hand geht, ist die Situation herausfordernd. Zumal die Lebensplanung des Weltmeisters von 1990 für diese Phase ursprünglich mehr Ruhe vorgesehen hatte. Doch bereits nach der Winter-WM 2022 sah sich der Ex-Funktionär von Bayer Leverkusen dem hilflosen Deutschen Fußball-Bund (DFB) gegenüber in der Verantwortung und ließ sich zum Sportdirektor ernennen, bis zur Heim-EM im nächsten Jahr. Und jetzt hat er den Schlamassel.

Eine verwandelte Mannschaft

Noch 275 Tage sind es bis zur Europameisterschaft. Zeit genug, um einer zuletzt leb- und strukturlosen Mannschaft einen neuen Geist einzuhauchen. Das hat der Auftritt der DFB-Elf mit Toren von Thomas Müller (4.) und Leroy Sané (87.) gegen Frankreich (Antoine Griezmann traf per Foulelfmeter/89.) gezeigt. Wie verwandelt wirkte die deutsche Auswahl nach den schweren Tagen zuvor in Wolfsburg nun in Dortmund. Plötzlich wurde wieder gelaufen, gekämpft und gespielt. Zusammen ergab das gegen den Vizeweltmeister ein Mannschaftsspiel, wie es in den vergangenen Monaten unter Flick nicht mehr zu sehen gewesen war.

Dennoch machte Völler nach dem Schlusspfiff mehrfach klar, dass es sich mit ihm nur um eine Aushilfsmission gehandelt habe. Einmalig und der Not geschuldet. Das muss man ihm glauben. Er ging praktisch als Bundestrainer ins Bett und stand am nächsten Morgen als Sportdirektor auf.

Doch Völler kennt die Mechanismen des Geschäfts und weiß, dass sich aus dem Rudi-Rausch eine Dynamik entwickeln kann, der er sich kaum noch zu entziehen vermag. Der einst zielstrebige Mittelstürmer verhält sich deshalb defensiv. Er kann ja so schlecht Nein sagen. Die Gala zum 60-jährigen Bestehen der Bundesliga in Berlin hat er kurzerhand abgesagt. Um sich zu erholen, aber wohl auch, um der Frage auszuweichen, warum er nicht bis nächsten Sommer als Teamchef weitermacht. Es hat sich doch so gut angelassen.

Völler weiß jedoch auch, dass ein vorübergehendes Stimmungshoch nicht genügt, um die Nationalelf in das nächste Turnier zu führen. Sie kommt aus einem lang anhaltenden Tief. Es braucht einen Mann, der die Aufgabe mit Überzeugung und Leidenschaft, aber ebenso mit der Fähigkeit, eine Einheit zu formen, angeht. Exzellente Einzelspieler gibt es genug. Völler reizt dieses Projekt nicht mehr. Er fühlt sich damit ausgelastet, den passenden Bundestrainer zu finden.

„Mein Wunsch wäre es, dass wir bis zur nächsten Länderspielperiode im Oktober den neuen Trainer vorstellen können“, sagt Völler. Gemeinsam mit dem DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf und dessen Vize Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) leitet er die Trainerfindungskommission und will vor der USA-Reise zum Abschluss kommen.

Von Julian Nagelsmann bis Felix Magath

Von Julian Nagelsmann über Felix Magath bis hin zum Niederländer Louis van Gaal reicht die Kandidatenliste. Nichts wird ausgeschlossen. Nicht einmal, dass erstmals in der Verbandshistorie ein Ausländer den Posten übernimmt. „Es soll ein Deutsch sprechender Trainer und ein Topmann sein“, sagt Völler. Für Neuendorf gehören die Attribute „durchsetzungsstark“ und „belastbar“ zum Anforderungsprofil. Und Watzke liebäugelt mit Dortmunder Lösungen.

Der BVB-Berater Matthias Sammer winkte jedoch gleich ab. Genau wie zuletzt Jürgen Klopp, der Sehnsuchtstrainer aller Deutschen. Er bleibt beim FC Liverpool. Weshalb sich die Gedanken auf Nagelsmann verdichten. Erstaunlich ist dabei, dass beim DFB bislang niemand auf die Idee gekommen ist, die Personalie frühzeitig zu sondieren. Zum Beispiel im vergangenen Juni, als bereits erkennbar war, dass Flick überfordert ist.

Falls doch jemand beim Verband auf die Idee mit dem freigestellten Fußballlehrer des FC Bayern gekommen sein sollte, dann hat sie niemand verfolgt. Aus München verlautet nun, dass an ihnen eine Verpflichtung Nagelsmanns (bis 2026 unter Vertrag) nicht scheitern würde. Geld dürfte dennoch eine Rolle spielen. Weil der DFB klamm ist und der FC Bayern keine Abfindung bezahlen möchte. Was verdeutlicht: Völler stehen weiter anstrengende Tage bevor.