Die Kunstturnerin Dorien Motten erlebt im belgischen Leistungszentrum Gent Angst und Erniedrigung. In Stuttgart entdeckt sie wieder den Spaß an ihrer Sportart und geht nun gegen die Missstände in der Heimat vor.
Stuttgart - Dorien Motten hat eine sechs Jahre alte Nichte. Sie hat das Turnen für sich entdeckt, und die Tante ist so etwas wie das große Vorbild. Einmal solche Salti schlagen oder so einen tollen Flickflack. Einmal so virtuos wie Tante Dorien an den Stufenbarrenholmen schwingen und fliegen – diese Bilder hat die kleine Nore schon im Kopf. Dorien Motten (29), belgische Bundesliga-Turnerin des MTV Stuttgart, aber beschleicht ein ungutes Gefühl, wenn sie über eine mögliche Turnkarriere ihrer Nichte nachdenkt: „Wenn Nore mich irgendwann mal fragt, ob sie da hin soll – ich würde sie nicht gerne da hinschicken.“
Da hin. Ins nationale belgische Turnzentrum in Gent. Dort, wo Dorien Motten von 2010 bis 2016 ihre Horrorgeschichte erlebt hat – die sie nun, knapp vier Jahre nach dem Ende, öffentlich macht. Es ist eine Missbrauchsgeschichte, die in diesen Wochen nicht die einzige ist in der Frauenturnwelt. Eine Reihe von ehemaligen oder noch aktiven Turnerinnen meldeten sich zuletzt zu Wort. Ihre Inspiration war immer dieselbe: Der Missbrauchsskandal im US-Turnen und die Netflix-Dokumentation „Athlete A“ ermutigten Athletinnen wie Dorien Motten, sich aus der Deckung zu wagen und nicht mehr länger zu schweigen.
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Die Geschichte von Larry Nassar, der 18 Jahre lang Teamarzt der US-Frauen war, schockierte die Sportwelt. 2015 wurden erstmals Vorwürfe öffentlich, wonach Nassar junge Turnerinnen sexuell missbraucht habe. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Dokumentarfilm zeigt nun, wie sein System funktionierte. Ehemalige Turnerinnen schildern eindrücklich, wie der Mannschaftsarzt sie bei Behandlungen unangemessen berührte und missbrauchte. Mehr als 250 Turnerinnen, darunter US-Superstar Simone Biles, beschuldigten Nassar öffentlich – es sind mehr als 250 Mutmacherinnen für andere Athletinnen weltweit, die nun auch ihre Geschichten erzählen.
Das Lachen verschwindet
Dorien Motten ist eine davon – bei ihr geht es um jahrelangen emotionalen Missbrauch im Turnzentrum in Gent. Motten, die in den Jahren 2014 und 2015 im belgischen WM-Team stand, sagt: „Von 2010 bis 2016 wurde ich dort von den verantwortlichen Trainern gedemütigt, eingeschüchtert und gemobbt. Jeden Tag wurde mir gesagt, ich sei wertlos, ich sei faul und fett, und ich würde nie etwas erreichen.“ Als sie geweint habe, sei sie gefilmt worden, und diese Bilder seien vor ihren Kolleginnen gezeigt worden, ergänzt Motten: „Meine Trainer sagten mir, ich sei ein weinendes Baby, das nicht stark genug sei, um eine erfolgreiche Turnerin zu werden. Als ich das jeden Tag hörte, glaubte ich es irgendwann selbst.“
Dabei kam Motten eigenen Angaben zufolge als fröhliche, lebenslustige Turnerin nach Gent. Gerade volljährig geworden, wollte sie im Jahr 2010 durchstarten, Karriere machen und Spaß an ihrem Sport haben. Doch schon am ersten Trainingstag bekam Motten ein Gespür dafür, dass das eher schwierig werden würde. Sie fiel von einem Gerät, stand auf und sagte laut: „Beim nächsten Mal mache ich es besser.“ Dorien Motten lachte. Noch.
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Die neuen Kolleginnen, die teils schon seit Jahren in Gent trainierten, schauten Motten fassungslos an. Wie kannst du nur lachen? Was traust du dich da? Bist du bescheuert? Das waren die Fragen, die unausgesprochen in der Luft lagen. Schnell, so schildert es Motten, machten ihr die Trainer klar, wie es zu laufen habe: Turnen ist Schmerz! Turnen muss wehtun! Turnen darf keinen Spaß machen! „Nach zwei Jahren hatten sie mich – ich habe dann nur noch geweint und nicht mehr gelacht“, sagt Dorien Motten – für die es keinen Ausweg gab. Denn wer in Belgien als Turner zu einem Großereignis wie Olympischen Spielen oder einer WM will, der muss regelmäßig im einzigen nationalen Zentrum trainieren. Anders geht es nicht. Also blieb Motten in Gent. Sechs Jahre lang.
Ein neuer Umgang
Im Jahr 2016 zog sie verzweifelt die Reißleine und schloss mit dem professionellen Turnen ab – eigentlich. Ein paar Wochen später ging sie mit ihrer Mutter, die selbst Trainerin war, in eine kleine Halle in der Heimat in Limburg und machte ein paar Übungen. Ohne Druck, aber wieder mit Spaß. Motten merkte, wie sie plötzlich Übungen schaffte, von denen die Trainer in Gent behaupteten, sie sei dafür zu dick und zu unfähig. Es machte „klick“ bei Dorien Motten. Sie fand die Freude am Turnen wieder, spielerisch und ungezwungen. Parallel dazu trieb sie ihr Studium voran – und das sehr erfolgreich: Heute arbeitet Dorien Motten als Tierärztin in einer Praxis in Limburg.
Das Turnen aber ist weiter wichtiger Bestandteil in ihrem Leben – so wie damals, Anfang 2017, als sie den Spaß am Sport neu entdeckte und als ein Anruf aus Stuttgart kam. Am Apparat war Robert Mai, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Marie-Luise Probst-Hindermann seit vielen Jahren die Bundesliga-Frauen des MTV Stuttgart trainiert. Den deutschen Serienmeister plagten damals Verletzungssorgen – und Mai hatte da etwas von einer flexiblen und verlässlichen Belgierin gehört. Es ist Usus in der deutschen Turn-Bundesliga, dass die Clubs ausländische Gastturnerinnen für die einzelnen Wettkampftage verpflichten. Dorien Motten war Feuer und Flamme.
Respekt und Partnerschaft
Erst recht, als sie vor ihrem ersten Einsatz für den MTV das erste Training im Kunstturnforum in Bad Cannstatt miterlebte. „Ich habe meinen Augen und meinen Ohren nicht getraut“, sagt sie heute im Rückblick. „Ich habe gesehen, wie die Trainer ihre Mädchen nicht beschimpft haben.“ Allein das war für Motten ein Kulturschock – es war nicht der letzte. Denn zwischen den Trainingsübungen blühte der Flachs zwischen den Turnerinnen und den Trainern. Die Coaches klatschten ab, ermutigten, korrigierten.
Die Trainerin, die Motten einen neuen Horizont eröffnete, sagt, dass ihr tägliches Arbeiten in der Halle von einem Begriff geprägt ist: Respekt. Marie-Luise Probst-Hindermann betont auch, dass hin und wieder auch mal „ein Anschiss angebracht ist“. Allerdings darf und soll auch viel gelacht werden. Denn Probst-Hindermann sieht sich mit ihrem Lebensgefährten als Partner ihrer Athletinnen: „Man muss sich das ja alles immer vor Augen halten – das sind junge Menschen, die 30 Stunden Schulunterricht in der Woche haben, dazu kommen 30 Stunden Training, und oft leben sie in einem schnöden Internatsdoppelzimmer weit weg von der Heimat.“ Allein das, so Probst-Hindermann, bedinge einen respektvollen Umgang mit den Turnerinnen.
Alte Zustände?
Diese Umgangsformen kannte Dorien Motten aus Belgien nicht. Wenn sie über die „himmelweiten Unterschiede“ zwischen Gent und Stuttgart spricht, dann ist sie nicht nur „immer noch fassungslos“. Diese Unterschiede sind bei ihr auch zu hören. Wenn sie am Telefon über Stuttgart redet, lacht Motten viel, wirkt locker. Wenn die Sprache dagegen auf ihre Zeit in Gent kommt, wirkt sie fokussiert, kühl und strukturiert, wählt jedes Wort mit Bedacht. Das macht auch deutlich: Es geht für sie um einen Kampf, der gerade erst begonnen hat.
Nachdem Motten und einige Ex-Kolleginnen aus Gent die Missstände angeprangert hatten, reagierte der zuständige flämische Turnverband zwar mit der Einberufung einer nach eigenen Angaben „komplett unabhängigen Ethik-Kommission“, die die Missstände untersuchen soll. Für Motten aber ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie prangert an, dass noch immer Trainer aus ihrer Zeit aktiv seien im Zentrum in Gent, obwohl Untersuchungen gegen sie liefen. Und dass sich an der „schrecklichen Atmosphäre“ in Gent nichts geändert habe. Davon konnte sich Motten selbst ein Bild machen, als sie sich 2018 und 2019 wieder in Gent für internationale Wettkämpfe vorbereiten musste.
Der Kampf geht weiter
Der flämische Turnverband versicherte auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung in einer schriftlichen Stellungnahme, dass man den Rat der Ethik-Kommission in all seinen Konsequenzen berücksichtigen werde. Der Verband betonte, dass es derzeit kein laufendes juristisches Verfahren gegen einen Trainer gebe.
Motten und drei ihrer ebenso betroffenen Turnkolleginnen aus Gent – Aagje Vanwalleghem, Gaelle Mys und Laura Waem – kämpfen weiter. Sie bekamen kürzlich einen Termin beim flämischen Sportminister. Der versicherte laut Motten, dass er dafür sorgen werde, dass die Ethik-Kommission zuverlässig handle. Auch das Nationale Belgische Olympische Komitee will alle Beteiligten anhören. Es tut sich was. Mit Dorien Motten als Vorkämpferin.