Die Kunstradfahrerin Viola Brand kämpft um WM-Gold. Weltspitze ist sie bereits, was den Promi-Faktor in ihrer Sportart anbetrifft.
Stuttgart/Basel - Was die besten Kunstradfahrer der Welt drauf haben, ist absolut spektakulär. Handstände, während das Rad rollt, der Sprung vom Sattel auf den Lenker, die mehrmalige Drehung des Körpers über den Lenker: jede Kür ist gespickt mit Höchstschwierigkeiten, lotet das Limit neu aus. Und trotzdem gibt es Grenzen – durch das Reglement. Es erfordert Akrobatik und Ausdauer, Feingefühl und Fokussiertheit, bewertet wird allein die technische Ausführung der Athleten. Ihr Glamour-Faktor? Ihre Ausstrahlung? Ihre Coolness? Spielen keine Rolle. Viola Brand ist angetreten, um dies zu ändern. Außerhalb der Halle.
WM-Silber 2016 und 2017 geholt
Die 25-jährige Kunstradfahrerin gehört zu den Weltbesten. 2016 und 2017 holte sie WM-Silber, an diesem Samstag in Basel ist sie neben ihrer deutschen Konkurrentin Milena Slupina aussichtsreichste Anwärterin auf den Titel. „Beide sind in Topverfassung und zeigen Programme, die mit enormen Schwierigkeiten und Risiken gespickt sind“, sagt Bundestrainer Dieter Maute, „am Ende wird die Tagesform entscheiden.“ Über Gold, das viel wert ist, natürlich auch für Viola Brand. Doch für sie zählt noch mehr.
Das Kunstrad bewegt die Athletin aus Schorndorf seit 19 Jahren. „Ich habe in diesem Sport alles gesehen“, sagt sie, „es gibt keine Erfahrung, die ich nicht gemacht habe.“ Weshalb sie sich vor zweieinhalb Jahren die Sinnfrage stellte. Und entschied, nicht nur einfach weiterzumachen. Sondern sich eine neue Welt zu erobern. Viola Brand schnappte sich ihr Rad und ging hinaus, zeigte ihre Kunst auf sehenswerten Plätzen in Städten und der Natur. Davon ließ sie professionelle Filme und Fotos produzieren, stellte diese ins Netz – und war selbst überrascht, was die neue Perspektive auslöste. Große Unterhaltungsseiten aus den USA teilten ihre Beiträge, das brachte erst viele Klicks und dann rasch eine immense Zahl an Followern. 228 000 sind es mittlerweile alleine bei Instagram, im Kunstradfahren ist das derart konkurrenzlos, dass Bundestrainer Maute sagt: „Sie schafft es als Einzige, dass unsere Sportart weltweit wahrgenommen wird, das nutzt uns enorm. Dem Kunstradfahren würde es absolut guttun, wenn es mehr Influencer wie sie geben würde.“
Die einzige, die mit Kunstradfahren Geld verdient
Viola Brand genießt die Aufmerksamkeit, sie findet großen Gefallen daran, dass es im Sport für sie nicht nur die Jagd nach Medaillen gibt, sondern noch eine zweite glanzvolle Seite. Mittlerweile hatte sie Auftritte beim Supertalent (auf Einladung von RTL) und bei einer Fahrradmesse in Istanbul, sie promotete eine Fahrradbahn in Österreich, bestreitet Schaufahren und ist ab Ende des Jahres einen Monat lang in der Show „Feuerwerk der Turnkunst“ in ganz Deutschland zu sehen. Zudem wirbt sie im Netz für das eine oder andere Unternehmen, womit sie die einzige Kunstradfahrerin ist, die mit ihrem Sport manchmal ein bisschen Geld verdient. Logisch, dass es auch Neider gibt.
Eigentlich kann niemand etwas dagegen haben, wenn der Kunstradsport sich neue Plattformen sucht. Doch es gefällt nie allen, wenn sich die Aufmerksamkeit derart auf eine Person fokussiert. Zumal Viola Brand in den Videos und auf den Fotos stets enge, manchmal sehr kurze Jeans und bauchfreie Oberteile trägt. Das stört den einen oder anderen Traditionalisten, womit die Athletin aber gut leben kann: „Ich laufe auch privat in solchen Klamotten rum. Natürlich bringt dies ein bisschen Aufmerksamkeit, das ist doch aber mit den Outfits in der Leichtathletik oder im Beachvolleyball nicht anders. Ich finde, dass Kunstradfahren auch mal locker und leger sein kann.“ Dieter Maute sieht in den Internet-Auftritten von Viola Brand ebenfalls nichts Anzügliches. „Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er sich zeigen will“, meint der Bundestrainer, „ich finde, dass sie sich und unsere Sportart richtig cool und keineswegs anstößig präsentiert.“
WM 2020 in Stuttgart
Womit nur noch eine Frage unbeantwortet ist: Was wird Viola Brand am Samstag aus Basel posten – ein Selfie der strahlenden Weltmeisterin? Kunstradfahren ist ein Einzelsport, in den fünf Minuten auf der Fläche kann man sich nur selbst helfen. Da ist es durchaus nützlich, sich vorher nicht allzu sehr unter Druck zu setzen. „Mein Ziel ist es nicht, den WM-Titel zu holen“, sagt Viola Brand, „ich will nur zeigen, was ich mir erarbeitet habe und was ich kann. Was dann dabei herauskommt, muss man sehen.“ Und auch, was nach Basel kommt.
Die WM 2020 findet in Stuttgart statt. Ob Viola Brand dann noch dabei ist, lässt sie bisher offen. Sicher ist nur, dass ihre zweite Karriere im Netz weitergeht. Als Kunstrad-Influencerin. Und natürlich auch ein bisschen als Botschafterin in eigener Sache.