Von Barock bis Moderne: In der Kirche St. Peter und Paul gibt es einen bunten Mix der Kunstgeschichte. Darunter auch ein umstrittenes Fenster.
Egal aus welcher Richtung man sich der ehemaligen freien Reichsstadt Weil der Stadt nähert: Immer ist das ortsbildprägende Gebäude der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul mit ihren markanten drei Türmen zu erkennen. „Bei ihrer Errichtung um das Jahr 1200 besaß die Kirche zunächst nur die beiden kleineren Osttürme, 1388 wurde dann der große Westturm angebaut, in dem bis ins 20. Jahrhundert noch ein Türmer mit seiner Familie wohnte“, erzählt Pfarrer Anton Gruber, der seit 13 Jahren an der Stadtkirche tätig ist.
Beeindruckender Chorraum im Osten
Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Kirche im gotischen Stil vergrößert und der beeindruckende Chorraum im Osten angebaut. „Betritt man die Kirche, befindet man sich in dem Baukörper, wie er 1519 fertiggestellt war. Zwar war beim großen Stadtbrand Weil der Stadts 1648 auch die Kirche betroffen, da das Dach des Kirchenschiffs einstürzte. Es wurde allerdings Mitte des 19. Jahrhunderts wieder stilgerecht aufgerichtet“, erzählt Pfarrer Gruber.
Ein Mix der Epochen Für ihn besticht das Innere der Kirche durch Harmonie. Und das, obwohl in der Ausstattung des Raumes beinahe jede künstlerische Epoche der Vergangenheit bis hin zur Neuzeit anzutreffen sei. Zudem betont er: „Diese Kirche ist kein Museum.“ St. Peter und Paul sei das typische Beispiel einer Kirche, die ein lebendiger Raum eines aktiven Gemeindelebens ist. „Generationen von Gläubigen haben hier gebetet und Gottesdienste gefeiert und haben bis zum heutigen Tag an der Ausstattung ihrer Kirche mitgearbeitet.“
Von dieser langen Tradition zeugen auch etliche mittelalterliche Ausstattungsstücke. Das prominenteste davon ist die gotische Kreuzigungsgruppe Ulmer Schule vorne in der rechten Turmkapelle. Sie zeigt Jesus mit den zwei Schächern rechts und links an seiner Seite. Wer genauer hinschaut, der sieht, dass die Figuren Echthaarperücken tragen - eine Modeerscheinung jener Zeit.
Was ist besonders wertvoll? „Wohl das wertvollste Ausstattungsstück der Kirche stellt das Sakramentshaus aus kunstvoll behauenem Sandstein im Chorraum vorne links dar. Es stammt aus der Renaissance und ist mit der Jahreszahl 1611 datiert. Noch heute dient es als Tabernakel zur Aufbewahrung des Heiligen Brotes“, erzählt der Weiler Pfarrer.
Vorne im Chorraum fällt der Blick auf den barocken Hochaltar mit zwei seitlich stehenden überlebensgroßen Figuren. „Es handelt sich um die beiden Namensgeber der Kirche: Links der Heilige Petrus mit dem Schlüssel, rechts der Heilige Paulus mit dem Schwert“, ist von Pfarrer Gruber zu erfahren.
Weshalb Petrus einen Schlüssel trägt, erkläre das große Altarbild in der Mitte. Es zeige Petrus inmitten der Apostel und wie Jesus ihm die Schlüssel zum Himmelreich übergibt, so Pfarrer Gruber. Das etwas kleinere Bild darüber stelle die Szene der Bekehrung des Paulus vor Damaskus dar. „Paulus, der zunächst ein überzeugter Christenverfolger war, stürzt - auf dem Bild deutlich sichtbar – vom Pferd und hört die Stimme Jesu: ‚Saulus, warum verfolgst du mich? Das Sprichwort ‚vom Saulus zum Paulus‘ stammt von dieser Begebenheit“, erklärt der Geistliche.
Hitler in der Kirche? Eine Darstellung, die der Weil der Städter Pfarrkirche zu überregionaler Berühmtheit verholfen hat, ist das sogenannte Hitlerfenster in der rechten Turmkapelle. Man findet es rechts oben im Bilderzyklus des öffentlichen Wirkens Jesu. Der gelb gewandete Teufel, der Jesus in der Wüste verführen wollte, trägt die Züge Adolf Hitlers. „Ob dies mit Absicht gemacht wurde, ist nicht endgültig gesichert. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, da der ausführende Künstler Jokarl Huber im Nationalsozialismus mit einem Berufsverbot belegt worden war. Er fand Unterschlupf beim damaligen Weiler Stadtpfarrer August Uhl“, weiß der katholische Pfarrer. In dieser Zeit schuf Huber 1938/39 das Glasfenster und auch die noch heute sichtbare Bemalung des Gewölbes der Kirche mit Pflanzen der Umgebung.
3D-Brillen und Corona verewigt Ein Ausstattungsstück aus neuester Zeit findet sich an der Rückwand der Kirche: der Dreikönigsaltar. Während in der Mitte eine gotische figürliche Darstellung der Anbetung der Heiligen Drei Könige zu sehen ist, findet man an den Seitenflügeln moderne Bemalungen. Im offenen Zustand der Altarflügel erkennt man links die drei Weisen aus dem Morgenland auf der Suche nach dem Stern des neugeborenen Königs.
Ein Weiser aus dem Morgenland – mit den Zügen Johannes Keplers
Einer der Männer trägt dabei unverkennbar die Züge Johannes Keplers, dem berühmten Sohn Weil der Stadts. Darunter eine Reihe junger Menschen mit 3D-Brillen, die tastend auf der Suche sind. Auf der linken Flügelseite sieht man in einer Wüstenlandschaft einen riesigen Flüchtlingsstrom. Selbst die Coronapandemie wird im unteren Bereich des Altars verarbeitet. Entstanden ist der Altar in den Jahren 2017 bis 2021 durch den Stuttgarter Künstler Dieter Groß.
Dass am Marienaltar meist Opferkerzen brennen, ist für Gruber Zeichen dafür, das die Kirche auch aktiv besucht wird. „Vielleicht haben Besucher am Ende einer kunsthistorischen Besichtigung der Kirche noch Zeit, Platz zu nehmen und sich innerlich in den Kreis der Beterinnen und Beter der vergangenen Jahrhunderte einzureihen“, hofft Pfarrer Anton Gruber. Nicht nur für kunsthistorisch interessierte Menschen gibt es in der Kirche St. Peter und Paul viel zu entdecken – sondern auch für Kinder.
Unterwegs in der Region
Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass für Sie etwas dabei ist?
Besuch
Mit der S 6 kommt man von Stuttgart nach Weil der Stadt. Die St.-Peter-und-Paul-Kirche ist tagsüber geöffnet. Beim Schriftenstand ist ein ausführlicher Kirchenführer und ein eigener Führer zum Dreikönigsaltar erhältlich. Demnächst wird auch eine Kirchenführungsapp zum Download angeboten. Die Gottesdienste der Kirche werden im Internet gestreamt unter: www.netzgottesdienst.de.
Einkehr
Wer vom Schauen hungrig geworden ist, findet in Weil der Stadt mehrere Cafés und zwei Eisdielen. Das Lokal „Samowar“ lädt unweit der Stadtkirche zu russischen Spezialitäten ein – sonntags ist es geschlossen.