Kunstobjekt Salzburg Sphaera von Stephan Balkenhol. Im Hintergrund die Festung Salzburg Foto: IMAGO/Lindenthaler/IMAGO/B. Lindenthaler

Die Stadt an der Salzach hat mehr zu bieten als Mozart und „Jedermann“. Salzburg verfügt nicht nur über einige außergewöhnliche Museen, der als konservativ geltende Ort kommt durchaus auch provokant daher.

Einen schöneren Ort für ein Atelier kann man sich kaum vorstellen: Hoch über den Dächern von Salzburg, in einem riesigen Saal mit knarzendem Parkett im oberen Stockwerk der Festung Hohensalzburg hat sich der 19-jährige Felix seinen Arbeitsplatz eingerichtet. Schön gemütlich in einem Eck mit Tisch, Staffelei, Farben und Pinsel sowie einer Gaube, darin eine Dachluke mit Blick auf das winzige, wuselige Salzburg. Unten das Leben, oben die Kunst: beste Bedingungen zum Malen und Sinnieren. Der junge Mann mit den blonden Wuschelhaaren liebt diesen Ort: „Ich kann mich hier ganz auf die Arbeit konzentrieren und weiß doch, das Leben da unten in der Stadt ist in greifbarer Nähe“, sagt der gebürtige Mannheimer.

 

Die besonderer Aura des Standortes

Der Kunststudent ist Teilnehmer der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg. Sie feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Die Wurzeln dieser weltweit renommierten Einrichtung gehen zurück auf die „Schule des Sehens“, die 1953 von dem Künstler Oskar Kokoschka auf der Festung Hohensalzburg gegründet wurde. „Die Schule mit ihren humanistischen Idealen ist damals ins Leben gerufen worden, um Kriegstraumata zu verarbeiten“, sagt die Direktorin Sophie Goltz und erklärt: „Durch die internationale Ausrichtung der Schule wurde auch das Weltbild der faschistischen Staaten konterkariert.“

Daran knüpft die gegenwärtige Sommerakademie an. „Rund 300 Studierende aus 50 Nationen versuchen auch aus feministischer, queerer, non-binärer Perspektive Welten der Gleichheit und des Gemeinsinns zu erforschen“, erläutert die gebürtige Dresdnerin. An den sogenannten Open-Studios-Tagen können Besucher und Touristen dann die Werke der Kursteilnehmer betrachten – und dabei auch die besondere Aura des Standortes erleben.

Man kann dieses Jahr feiern und nächstes Jahr

So viel spannende Modernität und junge, kritische Kunst vermutet man nicht unbedingt hinter der klassisch-konservativen Fassade der Stadt. Denkt man an Salzburg, dann denkt man an Mozart, „Jedermann“, die Festspiele, an hochkarätige und hochpreisige Musik- und Theateraufführungen, an Klassik, Welterbe und Tradition. Dass Salzburg auch eine Kunststadt ist und dazu noch eine höchst innovative, wird leicht übersehen. In diesem Jahr feiern einige Kunstinstitutionen Jubiläen, die einen etwas anderen Blick auf die Stadt an der Salzach gewähren. Zum Beispiel das Museum der Moderne.

Salzburg im Herbst Foto: Tourismus Salzburg/G.Breitegger

Ein schöner, aussichtsreicher, etwa 15-minütiger Fußweg führt von den jungen Künstlern auf der Festung Hohensalzburg hinüber auf den Mönchsberg. Hier befindet sich der imposante Neubau des Museums der Moderne. Diesen zweiten Standort gibt es seit dem Jahr 2004. Der erste und ältere befindet sich im frühbarocken Palais Rupertinum in der Altstadt im Festspielbezirk und wurde bereits 1983 eröffnet. Die Stadt Salzburg fasst diese beiden Jubiläen nun quasi zusammen und so kann man dieses Jahr feiern und nächstes Jahr gleich noch einmal.

Das Museum als sozialer Körper

Harald Krejci ist der Direktor der Häuser und so ziemlich in allem das Gegenteil eines abgehobenen, verkopften Kunsthistorikers. Krejci ist jung, mutig, modern. Er will mehr Sichtbarkeit für internationale Künstler schaffen, den Kanon der europäischen Kunst erweitern und die Diversität der Gesellschaft abbilden. „Die Frage heutzutage ist weniger ‚Was zeige ich?‘, sondern ‚Warum zeige ich es?‘“, meint der gebürtige Linzer und verweist auf den hohen Stellenwert, den Kunstvermittlung in seinen beiden Häusern einnimmt. „Ein Museum ist ein sozialer Körper“, sagt Krejci und fügt hinzu, dass das Thema Nachhaltigkeit vor der Kunst nicht haltmachen darf. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Ausstellungen länger laufen zu lassen. Das spart nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen.“ Einen Gegensatz, hier die klassisch-konservative Musikszene, dort die innovative Kunst, sieht Krejci nicht. „Die Salzburger Festspiele fangen seit jeher den Zeitgeist auf und pflegen einen sehr offenen Kunstbegriff“, meint der Kurator. In Salzburg werde sehr viel getan, damit Menschen zusammenkommen und etwas gemeinsam erleben. „Auch unser Museum soll ein Treffpunkt werden, ein Ort nicht nur für die Kunst, sondern auch für Feste und für den Austausch miteinander“, kündigt der 53-Jährige an.

Das Museum der Moderne auf dem Mönchsberg Foto: Tourismus Salzburg/Bryan Reinhart

Schon jetzt sind das Museum mit den Skulpturen vor dem Gebäude und dem Wald dahinter sowie das feine Speiselokal mit der großzügigen Terrasse eine Art Gesamtkunstwerk und beeindrucken Natur- wie Kunstliebhaber gleichermaßen.

Fragen aufwerfen, Antworten suchen

Noch mehr Kunst im öffentlichen Raum gibt es auf dem „Walk of Modern Art“ in der Salzburger Innenstadt. Dieser Kunst- und Skulpturenparcours umfasst 13 Stationen und führt zu den schönsten Plätzen Salzburgs, aber auch zu Un-Orten wie zum Beispiel einer Stelle am Rudolfskai, die zuvor von einer viel befahrenen Straße dominiert war. Führerin Inez Reichl erklärt, dass sich die Künstler die Orte selbst aussuchen durften. „So ist ein in ganz Europa einzigartiger Rundgang mit zeitgenössischer Kunst entstanden“, erklärt Reichl und fügt hinzu: „Die meisten Touristen nehmen das Angebot dieser Auseinandersetzung zwischen Tradition und Gegenwart neugierig an.“ Man könne sich Salzburg von einer unbekannten Seite nähern, Fragen aufwerfen und Antworten suchen.

Mitten in der Altstadt, an der Staatsbrücke, befindet sich die interaktive Skulptur „Spirit of Mozart“ der serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramovic. Ein riesiger, rund 15 Meter hoher Edelstahlstuhl steht vor acht weiteren, von Passanten benutzbaren Stühlen. Sie laden die Betrachter zur Meditation ein mitten in der hektischen und lauten Innenstadt. Hier ist sie besonders gut spürbar: die Verbindung von Kunst und Musik, von Tradition und Innovation. „Salzburg war doch immer schon am Puls der Zeit“, sagt Inez Reichl und klingt fast ein wenig trotzig. Das werde heute hinter all der barocken Herrlichkeit und gut situierten Bürgerlichkeit oft übersehen. „Die Mäzene der Stadt haben unterschiedlichste Kunstformen und Künstler gefördert. Ist nicht gerade Mozart dafür das beste Beispiel?“, fragt Inez Reichl.

Salzburg

Anreise
Mit der Bahn direkt oder über München. www.bahn.de, www.oebb.at

Unterkunft
Modernes Design in alten Gemäuern: Das Hotel Stein liegt direkt an der Salzach und wurde zuletzt 2018 aufwendig renoviert. Das Hotel empfängt nur Erwachsene, die legendäre Dachterrasse ist auch für Nicht-Hotelgäste geöffnet. DZ ab 210 Euro, www.hotelstein.at. Das Small-Luxury-Hotel Goldgasse liegt mitten in der Altstadt und verfügt auch über ein ausgezeichnetes Restaurant. DZ ab 199 Euro, www.hotelgoldgasse.at.

Essen und Trinken
Im Stiftskulinarium kann man in unterschiedlichen Gaststuben österreichische Spezialitäten genießen: www.stpeter.at.Für den kleinen Hunger und Geldbeutel: die Salzburger Tapas in der Sternlounge sind ein Augen- und Gaumenschmaus, www.sternbrau.at.Im Hangar-7 am Salzburger Airport kann man beim Essen in der Mayday-Bar auf die Sammlung historischer Flugzeuge der Flying Bulls hinunterschauen. www.hangar-7.com

Aktivitäten
Bis zum 12. November ist die Jubiläumsausstellung „Das Rupertinum und seine Geschichten“ zu sehen. www.museumdermoderne.at. Die Ausstellung „100 Jahre Residenzgalerie Salzburg“ läuft noch bis zum 7. Januar 2024: www.domquartier.at. Der „Walk of Modern Art“ führt quer durch die Altstadt. www.salzburg.info/stadtwandern

Allgemeine Informationen
www.salzburg.info