Das Opernhaus ist geschlossen. Jetzt werden Konzerte gestreamt. In der Kostümabteilung produziert man jetzt Atemschutzmasken für Arztpraxen. Foto: Staatstheater(Matthias Baus

„Überwältigt“ ist die Veranstalterin Michaela Russ, weil viele Kunden kein Geld für ausgefallene Konzerte zurückfordern. Dazu ruft auch der Stuttgarter Kulturbürgermeister Fabian Mayer auf. Die Welle der Solidarität ist groß.

Stuttgart - Alle Konzerte sind gestrichen, Theater machen Zwangspause, Museen bleiben zu. Die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende. Die Lage ist ernst. Auf Geld von Versicherungen können die Veranstalter nicht hoffen, da diese bei Viren nicht einspringen. Michaela Russ, Chefin der Südwestdeutschen Konzertdirektion Erwin Russ (SKS), musste für ihre Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragen. Ihr Großvater Erwin Russ hat vor 75 Jahren das Unternehmen gegründet, das Stuttgarts Kultur mitprägt. So viele Konzertausfälle hat er nie erlebt wie die Enkelin. Ihr tut es weh, nicht nur wegen der finanziellen Ausfälle, dass die Stadt in einem kulturellen Dornröschenschlaf liegt und auf Konzertgenüsse verzichten muss. Bei der Last der Trostlosigkeit dieser Tage richtet sie sich daran auf, wie groß die Welle der Solidarität ist.

Fabian Mayer ruft dazu auf: Auf Rückzahlungen verzichten

„Wir bekommen so viel tolle Post“, freut sie sich und liest eine Mail vor. „Halten Sie durch, ich drücke uns allen die Daumen, dass wir das gut gemeinsam durchstehen“, hat eine Kundin geschrieben. Ein weiterer Abonnent von Russ-Konzerten wünscht, „dass Ihr Betrieb nicht ganz aus den Fugen gerät und Sie für alle Anstrengungen, zu verlegen, belohnt werden.“ Keineswegs kann Michaela Russ die Füße hochlegen, weil nichts mehr stattfindet. Sehr stressig ist es, neue Termine mit Hallenbetreibern und Künstlern zu finden.

Stuttgarts Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) ruft dazu auf, keine Abo- oder Eintrittskarten zurückzufordern. Gerade jetzt könne das Publikum in einer sonst von Kultur verwöhnten Stadt seine Verbundenheit zeigen, indem es auf die Rückzahlungen von nicht in Anspruch genommenen Abonnement- oder Eintrittskarten verzichtet. Dies helfe den Kulturschaffenden in doppelter Hinsicht: finanziell ebenso wie ideell. „Zusammenhalt und Solidarität sind momentan wichtiger denn je“, erklärt Mayer. Auch die Stadt werde ihren Beitrag leisten. „Überwältigt“ ist die SKS-Chefin Michaela Russ, dass so wenig Rückzahlungen gefordert werden. Bei einem Konzert, das sie verlegen konnte, habe es nur vier Stornierungen gegeben.

„60 Prozent der Einzelkunden nehmen den Gutschein“

„Wirklich extrem verständnisvoll“, sagt Musiccircus-Sprecher Arnulf Woock, seien die Kunden. Dies sei selbst dann der Fall, „wenn es bei dem einen oder anderen Konzert vielleicht einen Tag länger dauert, einen Nachholtermin zu finden.“

Über „viele nette und aufmunternde Worte“ freut sich Timo Steinhauer, der Geschäftsführer des Friedrichsbau Varietés. Die Quote derer, die einen Gutschein nehmen und das Geld nicht zurück wollen, liege bei den Einzelkunden über 60 Prozent. „Anders sieht es bei den Firmen und Gruppen aus“, bedauert er, „das senkt den Schnitt dann wieder.“ Auch wenn er dies nachvollziehen könne, schmerze es ihn trotzdem sehr. „Die größte Herausforderung wird es sein, in den nächsten Monaten liquide zu bleiben“, sagt Steinhauer. Der Friedrichsbau ruft nun zum Kauf von weiteren Gutscheinen auf, die man jetzt in der Corona-Krise verschenken solle, „um lieben Menschen eine Freude zu machen“.

Kostümabteilung der Staatstheater stellt Schutzmasken her

Die Staatstheater Stuttgart bitten, das Geld für abgesagte Vorstellungen nicht zurückzufordern, sondern für die John-Cranko-Schule zu stiften. Über Solidarität freut sich der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks: „Die ersten Reaktionen auf unseren Spendenaufruf sind klasse.“ Die Oper stellt Konzerte ins Netz, was so sehr angenommen werde, dass man das Angebot erweitern wolle. Die Kostümabteilung des Hauses produziert nun dringend benötigte Atemschutzmasken – bisher für eine Notfallpraxis für Frühchen und für Hausarztpraxen.

Für Sonntag, 18 Uhr, rufen die Staatsoper und das Staatsorchester zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester und den Stuttgarter Philharmonikern zu „Stuttgart musiziert daheim“. Ob Profis oder Laien – jeder und jeder soll daheim auf seinem Balkon oder aus seinem Fenster Beethovens „Ode an die Freude“ spielen und ein Film davon unter dem Hashtag #stuttgartmusiziertdaheim in den sozialen Medien zu teilen.

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