Der Solist Dionysios Tsaousidis besetzt die Doppel-Rolle mit Bravour. Foto: Nicklas Santelli

Das Volksoratorium von Mikis Theodorakis begeistert rund 650 Zuhörer in der Alten Kelter in Fellbach. Eine mutige, ambitionierte Entscheidung, das Werk als „Fellbacher Eigenproduktion“ im Rahmen des Europäischen Kultursommers – auf Griechisch gesungen – anzubieten.

Fellbach - Dieser Abend wird in die Annalen des Europäischen Kultursommers und des Fellbacher Kulturlebens eingehen. Der Stoff, der im griechischen Volksoratorium Axion Esti erzählt wird, ist bewegend. Er handelt von der Genesis, der Passion und dem Leben. Mikis Theodorakis hat die gleichnamigen Texte des Dichters Odysseas Elytis vertont. Der in Deutschland auch durch die Musik zu Alexis Sorbas bekannte Komponist nennt es „Eine Bibel des griechischen Volkes“.

Eine Premiere für beide Chöre in zweierlei Hinsicht

Eine mutige, ambitionierte Entscheidung, das Werk als „Fellbacher Eigenproduktion“ im Rahmen des Europäischen Kultursommers – auf Griechisch gesungen – anzubieten. Eine gute Entscheidung, wie sich am Samstag in der Alten Kelter zeigte. Rund 150 Sängerinnen und Sänger des Philharmonischen Chors Fellbach unter der Leitung von Tilman Heiland und des Elternchors „Gustaphon“ des Gustav-Stresemann-Gymnasiums unter der Leitung von Nele Gerhard haben sich darauf eingelassen und in dem ehrwürdigen Fachwerkgebäude griechische Geschichte dargeboten, die unter die Haut ging. Eine Premiere für beide Chöre in zweierlei Hinsicht. Beide sangen zum ersten Mal das Werk, beide standen erstmals gemeinsam auf der Bühne. Dazu hatten sie sich mit der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen ein großartiges Orchester zur Seite geholt. Dieses war der Aufgabe perfekt gewachsen und hat die Empathie der griechischen Volksmusik wunderbar umgesetzt – mit Mandoline, Gitarre, Hackbrett und Bouzoukis. Auch die Stimme von Michael Stiller als Sprecher hatte das richtige Timbre.

Besser als mit Solist Dionysios Tsaousidis mit griechischen Wurzeln hätte die Doppel-Rolle nicht besetzt werden können

Monumental, mächtig, mitreißend, zuweilen melancholisch, dann wieder majestätisch – Axion Esti bedient viele Gefühle. Und sie kamen alle zum Tragen. Das lag auch an Solist Dionysios Tsaousidis. Besser als mit dem in Bad Cannstatt lebenden Bass-Bariton mit griechischen Wurzeln hätte die Doppel-Rolle des Psalmisten und des Volkssängers nicht besetzt werden können. Souverän, warm und inbrünstig. Ein Genuss.

Dieser Stimme erlagen zuweilen die Techniker am Mischpult, sie gaben Tsaousidis oft mehr Volumen als dem bravourösen Chor, der oft in seiner Stärke zurückgenommen wurde. Erdrückt hätten weder die bestens vorbereiteten Chöre noch das Orchester den Sänger, dem die Freude, dieses Werk aufführen zu dürfen, förmlich anzumerken war.

Alle Beteiligten waren mit vollem Einsatz, großem Können und viel Leidenschaft dabei. Dafür gab es wohlverdiente Standing Ovations, auch von Oberbürgermeisterin Gabriele Zull und dem Fellbacher Tenor Matthias Klink in der ersten Reihe. Ein Lob an das Kulturamt, das diese wohl kostspieligste Inszenierung des 6. Europäischen Kultursommers angestoßen und möglich gemacht hat. Schade nur, dass Axion Esti in dieser Besetzung wohl nur einmal zur Aufführung kommt. „Wir haben es jetzt drauf“, sagte Nele Gerhard und zeigte sich keineswegs abgeneigt, das Werk erneut aufzuführen – wo auch immer.

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