Vor vier Jahren wurde die Martinskirche zum letzten Mal leer geräumt, um verschiedenen Kulturformen Raum zu bieten. Foto: Archiv/Simone Ruchay-Chiodi

Ab dem 16. Oktober wird die Sindelfinger Martinskirche wieder für einen Monat wieder zur „leeren Kirche“. Der ohne die Stuhlreihen gewonnene Freiraum wird für verschiedene Kunst- und Kulturformate genutzt und lässt die Kirche in einem neuen Licht erscheinen – und macht sie zum Ort eines Perspektivwechsels.

Wenn in der Sindelfinger Martinskirche die Stuhlreihen ausgeräumt werden, löst das bei den Anwohnern, Gläubigen oder Pfarrer Jens Junginger keineswegs für Verwunderung oder gar Verärgerung aus. Vielmehr ist dann klar, dass die nächste Auflage der Kulturreihe „Leere Martinskirche“ ansteht. Wo sonst Stühle Kirchgängern oder Gottesdienstbesuchern Sitzmöglichkeiten bieten, entsteht vom 16. Oktober an für einen Monat wieder reichlich Freiraum. Freiraum, den die Künstler zur eigenen Entfaltung und die interessierten Veranstaltungsbesucher ausdrücklich nutzen sollen, um das Dargestellte mal aus anderer Perspektive zu betrachten.

 

Seit 1999, initiiert vom damaligen Bezirkskantor Matthias Hanke, schafft die romanische Kirche alle drei Jahre in ihrem Innenraum Platz für diesen Sichtwechsel – für die Chance, Kunst, Kultur, aber auch Religion nicht statisch, sondern in der Bewegung, nicht im Sitzen, sondern im Gehen und Stehen mitzuerleben. Dafür machen sich die Künstler – ob durch Vorträge, Lichtinstallation, Bildende Kunst, Konzerte oder Gottesdienste – die besondere Architektur und Akustik des fast 1000 Jahre alten Gotteshaus zu nutzen. Der gewonnene Raum dient den Künstlern zur besseren Entfaltung, den Kulturinteressierten gewährt das Fehlen der Sitzreihen die Freiheit, umherzuwandeln und das Gebotene von unterschiedlichen Perspektiven auf sich wirken zu lassen.

2021 fiel die „leere Martinskirche“ aus

Auf den Effekt einer leeren, aber ausdrucksstarken Kirche baut vom 16. Oktober bis zum 20. November auch Gesamtleiter und Bezirkskantor Daniel Tepper, der die Kulturreihe „Leere Martinskirche“ zum zweiten Mal federführend begleiten wird. Weil im Jahr 2021 aufgrund der schwierigen pandemischen Lage keine Veranstaltung stattfinden und der dreijährige Turnus nicht eingehalten werden konnte, warten Tepper und seine Organisationskollegen diesen Herbst mit einem bunten Rahmenprogramm auf. „Die organisatorische und inhaltliche Ausgestaltung war keine leichte Geburt. Wie in den Jahren zuvor, steckt jetzt auch wieder viel Arbeit drin“, sagt Tepper bei einer kleinen Pressekonferenz im Stiftshof, nur einen Steinwurf vom Ort des Geschehens entfernt. Immerhin muss eine aus Künstlersicht riesige Bandbreite an Ideen dem diesjährigen Motto „Visionen – zwischen Traum und Wirklichkeit“ gerecht und miteinander in Einklang gebracht werden.

„Das Konzept der leeren Kirche ist bekannt. Dennoch erfindet sich das Format jedes Mal neu. Das hängt immer von den Künstlerinnen und Künstlern ab, die das Programm mit Leben füllen“, betont Daniel Tepper. Diese Aufgabe wird unter anderem der Sindelfinger Objekt- und Konzeptkünstlerin Birgit Wilde zuteil. Orientiert an das diesjährige Thema hat Wilde 700 kleine Papiere mit Flausen beschriften lassen, die ab dem 16. Oktober in speziellen Keramikgebilden wie Wölkchen von der Decke der Martinskirche hängen werden. „In jedem Zettelchen haben Menschen völlig frei von jeder Beeinflussung ihre Flausen notiert. Das waren unter anderem Ideen, Wünsche, aber auch Ängste, die in den Köpfen der Leute umherschwirrten“, erklärt Wilde. „Ohne Flausen hätten Köpfe wie Albert Einstein oder Archimedes keine bahnbrechenden Erkenntnisse in der Physik oder Mathematik geliefert“, misst Wilde den unzähligen blitzartigen Gedankengängen, die täglich durch unsere Köpfe schießen, einen hohen kreativen Wert bei.

Orchestermusik und Tanz

Trotz zahlreicher, künstlerisch hochwertiger Programmpunkte stellt das insgesamt siebenmal während der Veranstaltungsreihe angebotenen Orchesterkonzert mit Tanztheater einen Höhepunkt dar. Das befasst sich musikalisch und choreografisch mit nichts geringerem als der „Vision vom Frieden – eine Illusion?“ Im Dialog mit der kraftvollen Sinfoniemusik von Komponisten wie dem Italiener Tomaso Albinoni oder dem Franzosen Francis Poulenc werden die Tänzer unter der Anleitung von Monika Heber-Knobloch eine zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankende Gefühlsskala aufbieten. Dafür hat Heber-Knobloch zwei Gruppen gebildet, wie sie erläutert: „Fünf Frauen werden die Hoffnung und die Sehnsucht nach einem friedlichen Leben darstellen. Die andere Gruppe besteht aus vier Frauen, deren Träume zerbrochen sind und die als Andersdenkende und Störenfriede bezeichnet werden können.“ Mit der Inszenierung soll an jene Gesellschaften erinnert werden, die zwischen der Sehnsucht nach Frieden auf der einen und der Bedrohung durch Krieg auf der anderen Seite leben.

Führungen durch Turm und Glockenstuhl

Weniger dramatisch, aber nicht minder interessant sind die weiteren Programmpunkte, die die „Leere Martinskirche“ anbietet. Neben Chor- und Fusionskonzerten, Gottesdiensten, Lesungen und einem Film mit den als Friedensstifter bekannt gewordenen südafrikanischen Bischof Desmond Tutu und dem Dalai Lama aus Tibet, eröffnen Führungen durch den Turm, die Glocken und die Orgel interessierten Besuchern ebenso neue Perspektiven. „Die Kirche kann hier als spiritueller Ort neuen Raum bieten und durch das Konzept der leeren Kirche alle Sinne ansprechen“, unterstreicht Martinskirchen-Pfarrer Jens Junginger.