Das Publikum setzt immer stärker auf Events. Davon profitieren auch die immersiven Ausstellung wie zu Gustav Klimt. Foto: Simon Granville

Einige Kulturinstitutionen stehen besser denn je dar. Aber selbst wenn Theater und Museen bestens besucht sind, hat sich das Publikum seit Corona verändert.

Als vor einem Jahr Silvester anstand, war die Stimmung im Kulturbetrieb schlecht. Ob Schauspieler oder Museumsleute, Musiker oder Kunsthändler – kaum einer, der nicht insgeheim über einen Plan B nachdachte, weil sicher schien: Das pulsierende Kulturleben, das lange so selbstverständlich in Deutschland war, ist am Ende. Energiekrise und steigende Kosten waren das Eine, schmerzlicher aber wog das Signal des Publikums, das der Kulturszene signalisierte, dass es Oper, Schauspiel, Kunst nicht mehr braucht.

 

Ein Jahr später staunt man, wie schnell sich das Blatt gewendet hat. Ob in der großen William-Turner-Ausstellung in München oder einer gewöhnlichen Vorstellung im Maxim-Gorki-Theater in Berlin – der Kulturbetrieb brummt mehr denn je. Ist man also mit einem blauen Auge aus der Krise gekommen? Alles auf Anfang?

Einige Museen haben nach Corona mehr Besucher als vorher

In vielen großen Institutionen kann man zumindest nicht klagen. Dabei muss zum Beispiel die Schirn-Kunsthalle Frankfurt einen großen Teil ihrer Kosten selbst einspielen. Während Corona konnte man, anders als andere große Museen und Theater, also nicht darauf hoffen, dass die öffentliche Hand einen durchfüttert. Aber Frankfurt ist eine außergewöhnlich kunstsinnige Stadt – und engagierte Förderer, Partner und Freunde sprangen kurzfristig in die Bresche. Die Marc-Chagall-Ausstellung hat der Schirn sogar den größten Publikumserfolg aller Zeiten beschert.

Wie an vielen Stellen in der Gesellschaft hat Corona im Detail aber doch sehr vieles im Kulturleben verändert. Aus Sicht von Marc-Oliver Hendriks nicht nur zum Nachteil. Er ist der geschäftsführende Intendant der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, die durch Kurzarbeit nicht nur einen finanziellen Schaden abwenden, sondern die Dinge „betrieblich“ sogar ins Positive wenden konnten, so Hendriks. Die Digitalisierung wurde vorangebracht, und man habe, nachdem das Publikum inzwischen in Scharen zurückgekehrt ist, in den vergangenen Monaten „die höchsten Erlöse aus Eintrittskartenverkäufen in der Betriebsgeschichte“ erzielt. Hendriks Fazit ist rundherum positiv: Die Staatstheater in Stuttgart stehen nach Corona „stärker da denn je“.

Den Kunsthandel belastet auch die hohe Mehrwertsteuer

Auch der Kunsthandel hat dank finanzieller Unterstützung vom Staat die Krise überwunden und die Zeit genutzt, um sich digital besser aufzustellen und auch auf den diversen Online-Kanälen unterwegs zu sein. Wenn es aber um Kunstverkäufe geht, herrscht alles andere als Optimismus, meint Birgit Maria Sturm, die Vorsitzende des Bundesverbandes der deutschen Galerien und Kunsthändler. Hier ist nach der Krise vor der Krise – statt Corona machen den Galerien nun Energiekrise, Inflation, Kriege und gesellschaftliche Spannungen das Leben schwer. Pech für den künstlerischen Nachwuchs, denn der Markt für ihn stagniert – auch, weil vor zehn Jahren die ermäßigte Mehrwertsteuer im Kunsthandel abgeschafft wurde. Seither gebe es eine „steuerliche Ungleichbehandlung zwischen Künstlern und Galerien“, so Sturm, die den Galerien besonders zu schaffen mache.

Junge Künstlerinnen und Künstler können also nicht mehr auf engagierte Galerien setzen, die ihnen den Weg zum Markt ebnen, aber auch beim Publikum lässt das Interesse an ihrer Arbeit nach. Ein Phänomen, das auch die Kinos zu spüren bekommen. An sich hat sich deren Lage entspannt – obwohl die Konkurrenz durch die Streamingdienste ungleich größer als in anderen Sparten ist. Finanziell sei man mit den Einnahmen 2023 ganz gut hingekommen, sagt Margarete Söhner, die Sprecherin der Stuttgarter Innenstadtkinos. Jetzt machen den Kino der Mindestlohn zu schaffen, der Personalmangel und Städten wie Stuttgart zudem die hohen Mieten.

Aber immerhin: Das Publikum geht wieder ins Kino – interessiert sich aber kaum noch für junge, kleine oder künstlerisch ambitionierte Produktionen. Was läuft, das sind die „großen“ Filme, die gerade in den Medien und in aller Munde sind. Da aber strömt es in Massen – zumindest am Wochenende. Unter der Woche seien die Kinos oft leer, hat Margarete Söhner festgestellt. Deshalb werden die Räume immer öfter vermietet – für Firmenveranstaltungen oder private Kinovorführungen zum Geburtstag oder Gaming im Kinosaal.

Die Schere geht auch im Kulturbetrieb stärker auseinander

Bloß, was macht es mit dem bisher so vielfältigen deutschen Kulturleben, wenn das Publikum nur noch an Events, Blockbustern und Stars interessiert ist? Wie können sich Stars überhaupt noch entwickeln, wenn jungen, unbekannten Künstlern das Publikum fehlt? Eine Frage, die vor allem dem Theater Sorgen macht, zumal man hier auch ächzt unter den Tarifsteigerungen, dem Fachkräftemangel und dem Ruf nach mehr Familienfreundlichkeit im Theaterbetrieb. Beim Landesverband der freien Tanz- und Theaterszene Baden-Württemberg sieht man die Lage sehr düster und ist überzeugt, dass viele Veranstaltungsorte, Festivals und Ensembles ihren Betrieb kurz- bis mittelfristig nicht mehr aufrechterhalten können.

Glück hat, wer auf mehr Unterstützung durch die öffentliche Hand setzen kann. In klammen Ländern und Kommunen muss man sich dagegen durchaus Sorgen um die kulturelle Vielfalt machen. Letztlich wird auch hier die Schere größer werden. Aber auch an wirtschaftlich stärkeren Standorten müssen sich Kulturschaffende durchaus der Frage stellen, wie sie in Zukunft mit einem Publikum umgehen, wenn sich das nur noch für Events, Glamour und Populäres interessiert.