Die Inhaberinnen des O’Donovans im Böblinger Künstlerviertel hören schweren Herzens auf. Weitergehen soll es trotzdem. Sie erzählen, warum sie ihr Kneipendasein geliebt haben und was ihnen fehlen wird.
Seit fast 30 Jahren gibt es das O’Donovans im Böblinger Künstlerviertel, die meiste Zeit davon waren Sinéad O’Leary und Yvonne Morgenthaler dabei. Schweren Herzens haben die Inhaberinnen beschlossen, dass für sie bald Schluss ist. Doch sie setzen alles daran, dass es mit dem Irish Pub in der Breiten Gasse weitergeht. „Wir suchen einen Nachfolger, der in unserem Sinne weitermacht und neue Energie mitbringt, die wir nicht mehr haben“, sagt O’Leary. Die 51-Jährige wollte sich altersbedingt ohnehin langsam zurückziehen, ausschlaggebend für den Schlussstrich war zuletzt aber die Krebserkrankung von Yvonne Morgenthaler, die während der Behandlung mit ihren Kräften haushalten muss.
Leicht fällt der Schritt den Geschäftspartnerinnen, die längst Freundinnen geworden sind, nicht. „Der Irish Pub ist mein Zuhause“, sagt Yvonne Morgenthaler. Sinéad O’Leary nickt und ergänzt: „Und für unsere Stammgäste auch. Sie sind über die Jahre unsere Freunde geworden.“ Als die beiden vor Kurzem bekannt gaben, dass es mit der Böblinger Kultkneipe anders weitergehen muss, seien viele Gäste enttäuscht gewesen, hätten aber Verständnis gezeigt und gesagt: „Danke, für die tolle Zeit.“
Geselligkeit, wie es sie nur in Irish Pubs gibt
Denn ihr Pub, da sind sich die Wirtinnen einig, sei etwas Besonderes. Nicht nur, dass er abends so voll wie kaum eine andere Kneipe in der Gegend sei, sondern es gebe eine Offenheit, Geselligkeit und Durchmischung, die man so nur in Irish Pubs finde. Vom Studenten bis zur Rentnerin, vom Sozialhilfeempfänger bis zur Managerin – „alle sitzen zusammen und kommen ins Gespräch“, sagt Sinéad O’Leary.
An der Theke werde manches Herz ausgeschüttet, Freundschaften entstünden – und auch mehr. Zuletzt seien einige Pärchen mit Babys in den Pub gekommen und hätten dem Nachwuchs gezeigt, wo Mama und Papa sich kennengelernt haben. „Das fand ich so süß“, sagt Sinéad O’Leary und lacht. „Und ich hab neulich jemanden getroffen, der zu seiner Freundin gesagt hat: ,Schau, bei ihr hab ich mit 16 mein erstes Bier getrunken‘“, erzählt Yvonne Morgenthaler.
Viele Erinnerungen und Anekdoten haben sich in all den Jahren angesammelt. Sinéad O’Leary erinnert sich an die Vor-Handy-Zeit, als Gäste bei ihr auf Zetteln Nachrichten hinterlassen hätten für Leute, von denen sie wussten, dass sie in den nächsten zwei, drei Tagen die Kneipe aufsuchen würden. Oder an Bestellungen bestimmter Spezialitäten, wenn ein Gast eine Reise nach Großbritannien plante. „Solche Sachen gab’s“, sagt die Irin, die aus Limerick stammt. 1993 war die studierte Umwelttechnikerin der Liebe wegen nach Deutschland gezogen und hatte zunächst in Irish Pubs in Stuttgart gejobbt, bis sie 1999 als Managerin im O’Donovans in Böblingen eingestieg. „Gegründet hatte den Pub 1994 ein irisches Pärchen namens O’Donovans. Als ich eingestiegen bin, hat es zwei irischen Männern gehört“, erzählt sie. Als die beiden 2003 verkauften, wurde sie zur Inhaberin – seit 2012 mit Yvonne Morgenthaler an der Seite, die aber auch schon während ihres Studiums als Minijobberin Guinness und Whiskey im O’Donovans ausgeschenkt hat.
Im Künstlerviertel ist nicht mehr viel los
In Erinnerung bleiben wird vielen Gästen der dienstägliche Pub-Quiz, die Live-Musik – in den Wintermonaten drinnen, im Sommer beim Stadtfest draußen auf einer Bühne – und auch der O’Donovans-Ziehwagen beim Faschingsumzug, bei dem die Wirtinnen anfangs mit einer Mitarbeiterin, später zu zwanzigst mitgelaufen sind. „Da waren auch Gäste von uns dabei, die sich extra frei genommen haben“, erzählt Sinéad O’Leary.
Sie hätten einiges auf die Beine gestellt, da sind sich die Frauen einig. Und bedauern beide, dass rundherum immer weniger los sei. Der Pächterwechsel sei teils massiv, einige Kneipen hätten zu gemacht. „Ich hoffe, dass was mit dem Künstlerviertel passiert“, sinniert Sinéad O’Leary und träumt von einer Fußgängerzone. Immerhin würde die Stadtverwaltung, die es Gastronomen vor Corona mit unterschiedlichen Auflagen immer schwieriger gemacht hätte, manche Maßnahmen inzwischen wieder lockern. Zum Beispiel dürften sie ihre Gäste wieder bis Mitternacht draußen sitzen lassen, zeitweise sei das nur bis 22 Uhr erlaubt gewesen.
Den Knochenjob hinter der Theke, den beide Wirtinnen nun nicht mehr packen, haben sie über all die Jahre geliebt. „Es war ein bisschen Party, ohne dass wir mitgetrunken hätten“, sagt Sinéad O’Leary. Yvonne Morgenthaler liebte die Energie, die es in einer brechend vollen Kneipe gebe. Als Frauen dumm angemacht worden seien sie nie. Ganz früher, „das ist lange her“, habe es mal die ein oder andere Schlägerei gegeben, „aber da war es fast einfacher, als Frau dazwischen zu gehen“, sagt sie.
Von einem Nachfolger – Anfragen gibt es bereits – erhoffen sich die Wirtinnen ganz uneitel, „dass er uns toppt und noch eins oben drauf setzt“, sagt Yvonne Morgenthaler. Zum Beispiel könnte der Außenbereich im Sommer noch schöner gestaltet werden. Am wichtigsten ist ihnen aber, dass die Kneipe ihre Seele behält. O’Leary, die den Pub als ihr Lebenswerk bezeichnet, in das sie 24 Jahre lang Herzblut gesteckt hat, wünscht sich, „dass er weiter ein Platz für jeden ist“. Wenn alles nach Plan läuft, peilen sie eine Schlüsselübergabe zu Neujahr an. Silvester soll ihr letzter großer Abend werden. Aber auch danach werden die beiden Frauen im O’Donovans anzutreffen sein – als Gäste vor der Theke oder zum Aushelfen dahinter. „Wir sind nicht weg, definitiv“, sagt Sinéad O’Leary und Yvonne Morgenthaler nickt.