Foto: Gabriele Kiunke

Wer auf Fleisch und Milchprodukte verzichtet, findet in Tel Aviv jede Menge Alternativen. Angefangen hat alles mit dem Rendezvous einer rot gelockten Gastrokritikerin.

Tel Aviv - Die Liebe kann bekanntlich einiges bewirken, manchmal sogar einschneidende, alles auf den Kopf stellende Veränderungen, so wie bei Ori Shavit aus Tel Aviv: „Vor sechs Jahren hatte ich ein Date, und es hat mein Leben verändert.“ Die Food-Journalistin (45) mit den rot gelockten langen Haaren sitzt in einem arabischen Imbiss, vor sich vier Variationen von Hummus. In dieser Bar in der Nähe des Carmel Markets, dem größten Gemüse- und Obstmarkt der Stadt, wissen die Köche das Kichererbsenmus auf besonders leckere Art und Weise zuzubereiten, weshalb Shavit auf ihren kulinarischen Touren hier regelmäßig einkehrt. Die Toppings auf dem gelblichen Brei sind sensationell: mit gerösteten Zwiebeln, gebratenen Pilzen und mit Zatar, dem aus Ysop bestehenden beliebten Gewürz. Die gefüllten Hummus-Schalen stehen in der Mitte des Tisches, dazu gibt es das typische runde Pittabrot. Jeder tunkt sein Brot in die Schüsselchen, auch in die des Nachbarn – alles wird geteilt, in deutschen Kantinen undenkbar.

Bis vor sechs Jahren sei sie quasi eine „Allesfresserin“ gewesen, beschreibt Ori Shavit salopp ihr Essverhalten als eine keinen kulinarischen Genüssen abgeneigte und für jede Spezialität offene Gastronomie-Kritikerin. Der neue Mann in ihrem Leben zählte sich dagegen zu den Veganern, die auf alle Lebensmittel tierischen Ursprungs verzichten. Neugierig auf diese extreme Ernährungsweise beschloss Shavit „über Nacht“, auch vegan zu leben, quasi als Pionierin, denn

Cafés, Bars und Geschäfte haben sich auf Diätwünsche eingestellt

Israel war damals „eine vegane Wüste“. Shavit half mit, diese zum Blühen zu bringen. Sie gründete einen Blog, ent­wickelte Rezepte, kulinarische Touren, beriet Köche und Restaurants. „Ein absoluter Erfolg“, erzählt Shavit. Vegane Ernährung wurde immer mehr trendy. Inzwischen reduzieren etwa 40 Prozent der Israelis ihren Konsum von Fleisch- und Milchprodukten. Längst haben sich Geschäfte, Cafés und Bars auf die Diät­wünsche eingestellt. „Jeder Kellner weiß, was vegan bedeutet“, erzählt Shavit.

Essensregeln zu kennen und zu befolgen, ist im Land der koscheren Küche für viele Isrealis selbstverständlich. Shavit benennt noch einen weiteren Grund: „Es ist sehr einfach, in Israel vegan zu leben.“ Gemüse und Obst gibt es das ganze Jahr über in großer Vielfalt, zudem bietet vor allem die arabische Küche jede Menge traditionelle Gerichte, die von Natur aus vegan sind: Hummus, die Sesampaste Tahin, das Reis-Linsen-Gericht Moujadara, die Süßspeise Halva und – natürlich – Falafel. Letztere gibt es in Tel Aviv an jeder Ecke. So flink wie Elad am Carmel Market haut die Kirchererbsenbällchen aber wohl kaum jemand ins heiße Öl. Dabei strahlt der junge Mann übers ganze Gesicht. Elad betreibt einen der vielen Imbissstände entlang der wuseligen Markstraße, an der sich die kulinarische Bandbreite des von Einwanderern aus der ganzen Welt geprägten Landes kosten lässt. „Und überall gibt es eine vegane Option“, betont Shavit. Gekocht wird in einfachen Bretterverschlägen, gegessen aus der Hand, zum Beispiel Bunny Chow. Ebenfalls so ein Traditionsgericht, aus Südafrika stammend und von dem vollbärtigen Koch natürlich auch vegan interpretiert. Das Curry in der Brottasche besteht aus reinem Gemüse.

Oder wie wäre es mit Arepa? Die mit Avocado, Bohnen, Käse (vegan!) gefüllten Maisfladen sind sogar glutenfrei und machen pappsatt. Dazu ein Kombucha, wahlweise mit Erdbeer- oder Birnengeschmack. Auch im Angebot: ein Beer Bazaar, wie das israelische Craft Beer heißt.

Urban Gardening ist beliebt

Traditionelles weiterzuentwickeln, darauf hat sich auch Anouk in ihrem Café Levinsky 41 am gleichnamigen Markt besonnen. Ein ausrangierter Pritschen­wagen dient als Sitzgelegenheit für die Gäste, die an der Theke zur Straße hin ordern. Dahinter sieht es aus wie in Omas Vorratskeller, Regale bis zur Decke voller von Hand beschrifteter Sirupflaschen und eingeweckter Früchte: Äpfel, Pfirsiche, Birnen, Erdbeeren. Sie bilden die Basis für fruchtige, alkoholfreie Cocktails. Ganz vegan, ganz ohne Chemie. Natürlich produzierte Lebensmittel sind auch das Ziel verschiedener Initiativen zum Urban Gardening. So wachsen auf dem Dach des einzigen Einkaufszen­trums Tel Avivs, dem Dizengoff-Center, in Hydrokulturen Salat und Gemüse, das dann in Kühlschränken zur Selbstbedienung an Kunden verkauft wird. Auch die Stadtverwaltung ermuntert zum Gemüseanbau auf dem Balkon. Am zentralen Rothschild-Boulevard informieren sich Bürger in einem Gewächshaus, wie sie ohne Erde Kohlrabi und Brokkoli ziehen können. Was daraus dann gekocht wird, da hören die Israelis gerne auf den aus Deutschland stammenden Tom Franz, der dank einer gewonnenen Kochshow im Fernsehen berühmt geworden ist. Von Haus aus ist er eigentlich Anwalt, betreibt nun auch ein Catering-Unternehmen und schreibt Kochbücher, die sogar in Deutschland erscheinen. Er ist kein Veganer, hat aber auch erfahren, dass Liebe durch den Magen geht. Seine Frau gewann er mit einem selbst kre­ierten Essen. Bis vor den Traualter reichte es bei Ori Shavit dagegen nicht. „Wir sind heute gute Freunde, aber ohne ihn hätte ich meinen Mann nicht kennen­gelernt.“

Hinkommen, anschauen, unterkommen

Anreise

Nach Tel Aviv z. B. mit Lufthansa (www.lufthansa.com) von Frankfurt aus. Ein Visum ist nicht erforderlich.

Unterkunft
Tal Hotel Tel Aviv, in Strandnähe, DZ ab 200 Euro. http://tal-hotel-tel-aviv-atlas.h-rez.com/index_de.htm Cinema Hotel im Bauhaus-Gebäude am Dizengoff Square, DZ ab 150 Euro, www.hotelsone.com/tel-aviv-hotels-il

Vegane Restaurants und Produkte
Meshek Barzilay Restaurant: gemütlich, Lebensmittel von eigener Farm: www.meshekbarzilay.co.il Anastasia Restaurant (Frishman Street 54): viele traditionelle Gerichte vegan interpretiert, moderne Einrichtung.Sehr bekannt für seine Kichererbsen­spezialitäten, günstig und gut: Falafel Hakose: www.falafelhakosem.com Eine Auswahl veganer Produkte: Taschen, Gürtel und vieles mehr aus schwarzer Reifenplane bei Neutra (neutraatelier.com). Vegane Mode aus Soja, Bambus, Seide: www.tooshaaya.com Hochwertige Yogakleidung ohne Syn­thetik: www.tlvstyle.com Bunte Taschen aus Kunstleder: www.me-dusa.co.il

Kulinarische und andere Touren
Mit Veganerin Ori Shavit unter www.vegansontop.com Alternative Touren, auch nach Palästina, bieten Green Olive Tours an: www.toursinenglish.com

Allgemeine Informationen www.goisrael.com

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