Am Demonstrator: Der Akkuschrauber prüft mittels KI-gestützter Datenanalyse, ob die Schraube im richtigen Winkel und mit dem vorgesehenen Drehmoment angezogen wurde. Foto: /Ludmilla Parsyak

Schon in wenigen Jahren wird praktisch jeder am Arbeitsplatz in irgendeiner Form mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben. In Stuttgart wurde nun ein KI-Studio eröffnet, in dem Firmen KI-basierte Anwendungen selbst ausprobieren können.

Pflegerin Sarah ist für 20 Seniorinnen und Senioren im betreuten Wohnen zuständig. Da ist es nicht leicht zu überblicken, wer gerade Unterstützung braucht. Auf einem Monitor sind alle Bewohner zu sehen. Neben dem Bild von Frau L. blinkt ein Ausrufezeichen. Die ältere Dame leidet an Demenz; der Bewegungssensor, den sie trägt, hat ungewöhnliche Aktivitäten festgestellt. Als Sarah bei Frau L. vorbeischaut, sieht sie, dass diese sich etwas zu essen macht und nicht zurechtkommt. Künftig wird die Pflegerin darauf achten, dass sie beim Kochen Unterstützung bekommt.

 

Von der Pflege bis zur Schraubenkontrolle

Frau L. und Sarah sind keine echten Menschen, sondern Figuren in einer Computeranimation, die zeigen soll, wie Künstliche Intelligenz im Bereich der Pflege eingesetzt werden könnte. Der Pflege-Demonstrator steht im zweiten KI-Studio des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart, das am Donnerstag auf dem Uni-Campus in Stuttgart-Vaihingen eröffnet wurde. Das erste KI-Studio hatte bereits im September 2023 in München seine Türen geöffnet.

An einem anderen Demonstrator kann man einen Akkuschrauber ausprobieren, der mittels KI-gestützter Datenanalyse prüft, ob eine Schraube im richtigen Winkel und mit dem vorgesehenen Drehmoment angezogen wurde. Ein Monitor zeigt, ob die Werte in der Norm liegen. Wenn sich Fehler häufen, empfiehlt das System dem Nutzer, mal Pause zu machen.

Das Ziel: KI anfassbar machen

Hinzu kommen weitere Anwendungsbeispiele – etwa der schnelle Vergleich der Angebote von Zulieferern mittels KI-basierter Sprachmodelle oder ein KI-Bildgenerator, mit dem ein Schreiner seinen Kunden per Tastaturbefehl zeigen kann, wie ein Möbelstück mit dieser oder jener Lackierung oder unterschiedlichen Türgriffen aussehen würde. Gezeigt wird auch der Einsatz von Sprachmodellen im Kundenservice oder die KI-basierte Produktionsplanung.

Die beiden KI-Studios in Stuttgart und München sowie das KI-Infomobil, das durch Deutschland tourt und bei etlichen Unternehmen haltmacht, sollten „KI anfassbar machen“, sagte Institutsleiterin Katharina Hölzle. Schon im Jahr 2035 werde es keinen Job ohne Berührungspunkte zur KI mehr geben. In allen Branchen biete KI die Möglichkeit, die Produktivität zu steigern und so auch die immer knapper werdenden Fachkräfte zu entlasten. Es gebe aber auch Bedenken: „Viele Menschen betrachten die aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt und insbesondere den Einfluss der Künstlichen Intelligenz mit Sorge.“

Beschäftigte und Arbeitnehmervertreter von Anfang an beteiligen

Für den erfolgreichen Einsatz von KI in Unternehmen sei es daher entscheidend, Beschäftigte und Arbeitnehmervertreter von Anfang an zu beteiligen und deren Erfahrungswissen zu berücksichtigen, so Hölzle. „Es liegt an uns allen, die Technologien so zu gestalten, dass es zum Wohle aller ist.“ Tatsächlich könnte etwa der oben erwähnte KI-Akkuschrauber auch für die elektronische Überwachung von Arbeitsleistung und -qualität genutzt werden.

Ana Dujic, Leiterin der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft im Bundesarbeitsministerium, verwies auf hohe gesetzliche Standards und eine funktionierende Mitbestimmung in Deutschland, die Arbeitnehmer vor der missbräuchlichen Nutzung von KI-Systemen schützten. Auf der anderen Seite dürfe man bei der Regulierung in der EU mit Blick auf die Konkurrenz aus den USA und China nicht überziehen.

Die KI-Demonstratoren sollten auch zeigen, was KI-Systeme bislang nicht könnten, und Unternehmen und Beschäftigte dafür sensibilisieren, wo mögliche Risiken lägen, sagte Institutsleiterin Hölzle. Ein beispielhaftes Szenario ist im Pflege-Demonstrator zu sehen: Der Bewegungssensor von Herrn K. zeigt an, dass der alte Mann gestürzt ist. Nun hat Pflegerin Sarah die Möglichkeit, die Kamera in seinem Zimmer einzuschalten, um sofort zu sehen, was passiert ist. Hier müsse man darüber diskutieren, was wichtiger sei: der Schutz der Privatsphäre oder die schnelle Hilfe für Herrn K, meint Fraunhofer-Forscherin Verena Pohl, die den Demonstrator mitentwickelt hat.

KI zum Ausprobieren

Projekt
 Hinter den KI-Studios stehen das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und die Universität Stuttgart. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützt die Aktivitäten mit insgesamt 4,1 Millionen Euro. Nach der Eröffnung des ersten KI-Studios in München im September 2023 sowie dem Start der bundesweiten Roadshow mit dem KI-Infomobil wurde nun in Stuttgart ein zweites KI-Studio eröffnet.

Ziele
Die KI-Studios und das KI-Infomobil sollen Firmen und Beschäftigte den Einsatz von KI in der Arbeitswelt mithilfe sogenannter Demonstratoren näherbringen. Insgesamt soll es im Rahmen des Projekts, das noch bis Ende 2024 läuft, 250 Veranstaltungen mit Beschäftigten aus rund 2300 Unternehmen geben.

Kontakt
Unternehmen, welche die KI-Studios oder das KI-Infomobil nutzen wollen, können sich unter folgender Mailadresse für einen Workshop anmelden: ki-studios@iao.fraunhofer.de.