Der renommierte Künstler Tobias Rehberger hat eine Ausstellung über das musikalische Duo Tiefschwarz im Stadtpalais gestaltet. Im Interview spricht er über Kunst auf Privat-Jets, seinen Bezug zur elektronischen Musik und den Kleinen Schlossplatz in den 1980er Jahren.
Stuttgart - 2009 hat Bildhauer Tobias Rehberger auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für sein Werk „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ gewonnen. 2019 hat er die monumentale Probegrube vor das Schauspiel Stuttgart gestellt und nun hat er für das renommierte DJ- und Produzenten-Duo Tiefschwarz die Installation „Dance Tili You Popo“ im Stadtpalais gestaltet. Vor der digitalen Ausstellungseröffnung verrät Rehberger, was aus der Probegrube geworden ist und wie ihn Tiefschwarz musikalisch beeinflusst haben.
Herr Rehberger, ein Club wie das On-U, das im Stadtpalais den Rahmen der Erzählung über Tiefschwarz bildet, ist im besten Fall ein lebender Organismus, ein Zustand aus Schweiß, Schnaps und anderen Substanzen. Wie schafft man es, das alles in eine Skulptur zu transportieren?
Es ging uns nie darum, einen Club nachzubauen, sondern Fragmente der Erinnerung zu schaffen an einen Ort, an dem die Karriere von Tiefschwarz begonnen hat.
Die Ausstellungsgestaltung spiegelt auch wider, dass Sie und Ali Schwarz schon lange befreundet sind. Wie wichtig sind Freundschaften für Sie?
Gute Freundschaften kann man nicht durchs Digitale ersetzen, das lehrt uns die Pandemie gerade. Das Digitale ist immer nur eine Ergänzung und niemals ein Ersatz. Ali und ich kennen uns wirklich schon lange, aus einem Kunst- und Jugendgang-Zusammenhang: Er hat ja mal Malerei studiert.
Wo hat Ihre gemeinsame Gang gewirkt?
Am Kleinen Schlossplatz, Anfang der 1980er Jahre. Dieser Ort war damals ein Sammelsurium für Leute, die subkulturell unterwegs waren, egal ob Punk, Rockabilly oder Mod, noch bevor es dort mit dem 551 die erste Kneipe gab.
Haben Ali und Basti Schwarz Sie später musikalisch beeinflusst?
Ja. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem die beiden in grünen Kawasaki-Stiefeln mit freiem Oberkörper hinter dem DJ-Pult im On-U wie wild auf eine Musik getanzt haben, die andere zu dem Zeitpunkt noch nicht recht verorten konnten. Auch ich nicht, weil ich damals mit der Elektronen-Szene noch nicht so eng war wie heute. Später haben wir uns dann immer wieder auf der ganzen Welt getroffen. Ich bin zum Beispiel aus dem Flieger von Bangkok kommend morgens um 8.30 Uhr ins Robert Johnson, wo die beiden aufgelegt haben.
Das Robert Johnson in Offenbach gilt vielen als der beste Club Deutschlands, Sie haben einst den Namen erfunden. Wie kam es dazu?
Ata Macias, den Gründer des Clubs, kenne ich seit 25 Jahren. Wir haben uns schätzen gelernt, als ich in seinem Shop Delirium Platten gekauft habe.
Für Sven Väth, einen anderen in der Szene der elektronischen Musik weltberühmten Hessen, haben Sie einst ein ganz besonderes Kunstwerk geschaffen: Sie haben die Hülle seines Flugzeugs gestaltet.
Sven hatte zeitweise über den Sommer einen Privatjet geleast, weil das für ihn günstiger und logistisch praktikabler war, wenn er nachmittags in Budapest aufgelegt hat, abends in Bozen und zur After Hour dann in Barcelona. Auf das Flugzeug haben wir ein waberndes Muster appliziert, inspiriert vom Yellow-Submarine-Film der Beatles.
Welche Spielart der elektronischen Musik bevorzugen Sie?
Ich war nie ein Fan der dunklen Seite der Macht, sondern habe immer das Fröhliche bevorzugt. Inhalten, die zu schwer rüberkommen, stehe ich skeptisch gegenüber. Sowohl in der Schwere als auch in der Leichtigkeit fühle ich mich bei den lustigen Leuten besser aufgehoben.
Fühlen Sie sich deshalb Tiefschwarz musikalisch verbunden?
Ja, wobei es einen Unterschied gibt zwischen lustig und Quatsch. Auch wenn etwas lustig ist, muss es sich der Schwere, der Substanz bewusst sein. Techno war am Anfang sehr düster. Das, was Tiefschwarz in Stuttgart veranstaltet haben, war eher hedonistisch in einem fröhlichen und bejahenden Sinn. Man wollte anders und schräg sein. Es ging nicht um Style oder Festlegungen, es musste nur jeder geistig nackig über die Königstraße rennen wollen, dann war das in Ordnung.
Was für Musik läuft bei Ihnen im Atelier?
Gar keine, da höre ich lieber Deutschlandfunk und lasse mich dabei überraschen.
In einem Interview haben Sie mal gesagt: Man geht in den Club leer hinein und kommt mit Kunst wieder raus. Wie haben Sie das gemeint?
Das hatte ich nicht nur auf die Kunst bezogen. In guten Clubs geht es um Andersartigkeit und um Dinge, die woanders nicht vorstellbar sind, um eine Befreiung. Man kommt idealerweise anders wieder heraus, als man hineingegangen ist: verwandelt.
Haben Sie Angst, dass die Pandemie all diese Orte der Verwandlung verschwinden lässt?
Ja. Es fühlt sich gerade ein bisschen so an, als würde einem der Fuß fehlen, das Bein, oder wenigstens ein Zeh, weil diese hoch entwickelten Orte der Andersartigkeit fehlen. Es wird aber immer Leute geben, die Wege finden, diese Andersartigkeit herzustellen und erlebbar zu machen. Dieser Prozess passiert ja auch in einem guten Theater oder in einer guten Ausstellung.
Rechnen Sie mit einer Renaissance der Clubs nach der Pandemie?
Kommt darauf an, wie lange das Ganze noch geht. Wenn ich mit jemandem wie Ata Macias spreche, sagt der, er weiß nicht, ob das Robert Johnson noch einmal aufmacht. Nicht weil es die Besucher nicht mehr wollen, sondern weil die Crew in alle Winde zerstreut ist. Der eine arbeitet jetzt als Schreiner in Hamburg, der nächste als Fahrer in Augsburg. Vieles wird einfach nicht mehr da sein, deshalb kann man derzeit schon ein bisschen traurig sein. Andererseits wurde Rom auch zerstört, Spaghetti Carbonara gibt es aber trotzdem noch. Das muss halt alles wieder gebastelt werden, was immer mit viel Leid und Tränen, aber zum Glück auch mit Lachen verbunden ist.
Was ist eigentlich aus der von Ihnen gestalteten Probegrube geworden, die 2019 vor dem Schauspiel Stuttgart stand?
Die wurde aufgeteilt und befindet sich heute bei zwei Menschen, die ich schon lange kenne, also nicht in Gänze, aber Elemente daraus. Beim einen ist es ein Aufenthaltsraum geworden, beim anderen ein Konferenzraum.
Erst die Probegrube, jetzt die Tiefschwarz-Installation im Stadtpalais. Wäre es nicht langsam Zeit für eine größere Solo-Ausstellung in Stuttgart?
An der arbeiten wir tatsächlich schon fleißig. Sie wird im Kunstmuseum zu sehen sein und hätte im September dieses Jahres eröffnen sollen. Nun ist die Eröffnung für März 2022 geplant.
Schließt sich dann der Kreis? Einst ging alles am Kleinen Schlossplatz los und dort endet es nun auch wieder?
Es wäre schade, wenn das schon das Ende wäre. Ich hoffe, ich drehe auch danach noch ein paar Schleifen.
Werden Tiefschwarz bei der Vernissage im Kunstmuseum auflegen?
Es wird eine Installation geben, bei der jeder Besucher auflegen kann. Tiefschwarz und ein paar andere Freunde sind für die Eröffnungsparty aber schon eingeplant.