Der Kulturbahnhof in Aalen, KUBAA, um- und aufgebaut vom Büro A+R Architekten aus Stuttgart. Dafür gab’s den Preis „Beispielhaftes Bauen 2022“. Foto: Brigida González/n

Bis auf die Mauern heruntergebrannt war der ehemals mächtige Reparaturbahnhof in Aalen. Die Stadt stand vor der Frage – abreißen oder aufbauen.

Die Haartrockner, Glätteisen und Lockenstäbe der vielen Friseure haben kurz für Irritationen bei der Elektrik gesorgt, ansonsten – alles bestens in dem lichtdurchfluteten Saal. Wo heute an manchen Tagen Coiffeure üben und Haarschopfe toupieren, Strähnen glätten, Locken drehen, haben einst Arbeiter Dampflokomotiven gewartet, repariert, geputzt.

 

1861 wurde die Eisenbahnstrecke von Bad Cannstatt nach Wasseralfingen-Aalen eröffnet, 1865 kam eine Reparaturwerkstätte für Lokomotiven in Aalen hinzu; die letzte ostwürttembergische Eisenbahnstation vor Bayern war dreimal so groß wie heute.

Ein vernichtendes Feuer in Aalen

In der Zeit dazwischen hat das Gebäude in Aalen zwei Katastrophen überlebt. Zweimal wurde es selbst ausgebessert, aufgebaut – nachdem 1945 rund 65 Prozent der Hallen zerstört waren und dann noch einmal vor kurzem. Bei einem Feuer 2014 ist das seit 2002 brach liegende Eisenbahn-Reparatur-Werk zum Teil bis auf die Mauern niedergebrannt. Vom Lokschuppen und der Halle blieben nur die Außenmauern und das Stahltragwerksstruktur stehen.

„Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück und habe schon viele Kilometer entfernt die riesige Rauchsäule bemerkt“, sagt Jan Lugtenburg, Ingenieur und Cineast, der die Sanierung eng begleitet hat und Vorsitzender des genossenschaftlich geführten Kinos im Kulturbahnhof Aalen – KUBAA – ist, wie der Ausbesserbahnhof jetzt heißt.

Hinter dem Bahnhof ein Wohnviertel

Auch den Vorführraums haben die Genossen gemeinsam gebaut und ausgestattet, samt Podesten, Sitzen und Leinwand. Die Akustik wurde präzise berechnet und eine Dresdner Spezialfirma mit einer Sitzachsenanalyse beauftragt. Sound und Sicht also: hervorragend.

Die Stadt entschied sich heldenhaft und mit finanzieller Unterstützung durch Förderprogramme der Regierung, nicht einfach die Ruinen niederzureißen und das Grundstück meistbietend an Investoren zu verkaufen, sondern zu reparieren, umzubauen. Der Platz mit Bahnschienen und einer riesigen Drehscheibe hinter dem Reparatur-Bahnhof wird für Wohnbauten, ein Hotel und die Unterbringung des DRK-Kreisverbandes samt Kindertagesstätte für 100 Kinder genutzt.

Bis Ende 2023 soll das Quartier fertig sein, dem man noch mehr solche Wohngebäude wie dem barrierefrei begehbaren Holzbau von den Architekten Manuel Du und Bennet Kayser gewünscht hätte. Im Jahr 2020 gab es für das Mehrfamilienhaus den Hugo Häring Preis, verliehen vom Bund deutscher Architekten.

Das Büro A+R Architekten aus Stuttgart hatte den Wettbewerb für die 25 Millionen Euro teure Sanierung der Ruine gewonnen. Die Architekten haben den Ausbesserungsbahnhof so saniert und zwei Geschosse aufgestockt, dass er die Zeichen der Zeit stolz zeigt, seine Narben, seine Geschichte, dass er aber in Sachen Akustik, Technik auf dem neuesten Stand ist. Und ästhetisch überzeugt. A+R-Architekt Florian Gruner: „Der Bahnhof stand nicht unter Denkmalschutz, wir wollten aber die Geschichte des Ortes weiterbauen und erweitern.“

Nach historischem Vorbild wurden die Dächer der kurzen Quergiebel wiederaufgebaut. Der Längsgiebel des Kulturbahnhofs Aalen wurde durch einen langen, mit gefaltetem Lochblech verkleideten Quader ersetzt. Das Material spricht davon, was das Gebäude ursprünglich war, ein Industriebau. Der Quader mit seinem gefalteten Lochblechmantel ist von weithin sichtbares und selbstbewusstes Zeichen: Hallo, hier ist die Kultur daheim!

Im Inneren herrscht angenehme Luftigkeit und Klarheit, Beton, Stäbchenparkett, schwarze MDF-Platten bei Einbauten wie die Garderobe. Neue Betonstürze finden sich da, wo der Bau es benötigt, in mühevoller Handarbeit wurde erhaltenswertes Altes aufgearbeitet, sichtbar gelassen.

Pünktlich zur Coronapandemie war der Umbau fertig – fürs Theater und das Kino in Zeiten von Schließungen der Kultureinrichtungen nicht gerade der optimale Zeitpunkt. So richtig belebt ist der Ort, wirklich freudvoll genutzt erst seit einigen Monaten.

Auf der Empore eine Orgel

Der bis 1955 betriebene Reparaturbahnhof Aalen war der letzte Außenposten Ostwürttembergs an der Grenze zu Bayern und entsprechend bedeutend. Jetzt wird er es wieder, denn nun verfügt die Stadt Aalen über einen Kulturpalast mit einem sehr besonderen Kino am Kocher, dem Stadttheater mitsamt Werkstätten, und im aufgesattelten Neubau eine Ballettschule, eine Musikschule samt schalldichten Übungsräumen und konzerttauglichen Sälen für Konzerte und Vorspiele bei „Jugend musiziert“-Wettbewerben. Fotografien von den Bauarbeiten zeigen den Stolz der neuen Nutzer auf ihre neue Heimat.

Und dann ist da im Erdgeschoss noch der vielfach nutzbare 14 Meter hohe Saal für bis zu 300 Zuschauer, in dem eben auch mal Friseurschulungen abgehalten werden können. Stoffvorhänge schlucken den Schall, wenn hier Vorträge stattfinden. Bei der Akustik wurde darauf geachtet, dass hier sogar Kirchenmusikkonzerte stattfinden können – ein Mäzen, der mit Papier handelt, hat Aalen nämlich auch noch eine Orgel von 1982 gestiftet.

Die findet auf der Empore Platz hinter schwarzen Holzstäben. Was die Orgelfreunde etwas schmerzt, da die kupfernen Pfeifen eigentlich auch optisch etwas hermachen. Abgesehen davon und den fancy weißen Bodenbelägen in den Gäste-WCs, die die Reinigungskräfte, wie Jan Lugtenburg berichtet, wegen ihrer Schmutzempfindlichkeit zur Verzweiflung bringen, herrscht große Einigkeit – dieser Umbau ist gelungen.

Ein Steg von Werner Sobek

Die zahlreichen Preise sprechen ebenso davon – es gab von der Architektenkammer einen Preis für „Beispielhaftes Bauen“ für die Bahnhofsanierung und ebenfalls im Jahr 2022 vom Land den alle zwei Jahre vergebenen Flächenreyclingspreis fürs ganze Stadtoval genannte Viertel samt des Drumherums: ein die Gleise vor dem Kulturbahnhof überspannenden 140 Meter langen Fußgängersteg in 8,5 Metern Höhe von Werner Sobek sowie die neu gestaltete Unterführung vom KUBAA zum Aalener Hauptbahnhof durch das Büro Klaus Marek Architektur, Köber Landschaftsplanung und Candela Lichtplaner aus Stuttgart.

Wünschenswert wäre, auch Politiker und Vertreter der Bauabteilung aus der Landeshauptstadt (und anderswo) reisten nach Aalen zur Besichtigung des geglückten Umbaus im ruinösen Bestand, der zeigt: Man muss nicht immer alles abreißen und neu bauen. Das Klima, und damit ist auch die Atmosphäre in einer Stadtgesellschaft gemeint, dankt.

Info

Stadtoval
Das neu entwickelte Quartier in Aalen ist 6,5 Hektar groß, aus dem Sanierungsprogramm erhielt die Stadt eine Anschubfinanzierung und wurde in ein Bund-Länder-Programm zur Stadtentwicklung aufgenommen. 2014 begann die Abbruch- und Entsiegelung des Geländes. 2015+2016 wurden die Baufelder an Investoren vergeben. Die 4,5 Millionen Euro Förderung wurde auch für die Sanierung des Reparaturbahnhofes verwendet