Eine Zahnspange wird angepasst. Foto: Milan Markovic/stock.adobe.com

Einzelne Kieferorthopäden kritisieren die Überversorgung von Kindern und Jugendlichen. Zu viele würden zu lange mit Zahnspangen malträtiert, sagen sie. Die Schulmedizin weist das scharf zurück.

Stuttgart - Etwa zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen eines jeden Altersjahrgangs werden in Deutschland mit Zahnspangen behandelt. 1,2 bis 1,7 Millionen junge Patienten sind ständig betroffen. International sei das eine einmalig hohe Rate, kritisieren die Kieferorthopäden Henning Madsen (Ludwigshafen/Mannheim) und Alexander Spassov (Rostock). Zudem sei die Dauer der aktiven Behandlung mit durchschnittlich drei Jahren zu lang.

Madsen und Spassov werfen ihren Berufskollegen vor, Kinder und Jugendliche unnötig zu pathologisieren und damit Krankenkassen und Eltern finanziell zu belasten. „Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass die meisten kieferorthopädischen Behandlungen ästhetisch motiviert sind und nicht gesundheitlich“, sagte Madsen unserer Zeitung. Die meisten der jungen Patienten hätten keine Probleme mit dem Kauen und Beißen. Zudem gebe es keine größeren medizinischen Risiken, die etwa mit Zahnfehlstellungen verbunden seien. Dennoch würden Eltern vor den Folgen einer Nichtbehandlung gewarnt, ohne dass diese konkret benannt würden.

„Jedes Fach hat schwarze Schafe“

Kritisiert wird zudem, dass die Behandlung des Nachwuchses mit medizinischen Risiken verbunden ist. So seien laut einer Statistik der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung 2014 fast zwei Millionen Röntgenaufnahmen des Kopfbereichs von Kindern und Jugendlichen gemacht worden, obwohl dies nach neuesten Studien gar nicht erforderlich sei.

Thomas Miersch, Landesvorsitzender des Berufsverbands deutscher Kieferorthopäden, wies die Kritik als „unsäglich“ zurück. „Alle Behandlungen haben eine ausschließlich medizinische Indikation, die Ästhetik ist in der Regel ein Nebenprodukt“, erklärte er. Jede Fehlstellung der Zähne habe Konsequenzen, beispielsweise könnten die Kiefergelenke schaden nehmen.

Bärbel Kahl-Nieke, ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, wies den Vorwurf der Überversogung zurück. Dem sei durch Richtlinien, die Ärzte und Krankenkassen gemeinsam beschlossen haben, ein Riegel vorgeschoben. Jedes Fach habe allerdings schwarze Schafe, sagte Kahl-Nieke.

Auch Eltern sind übervorsichtig

„Die geltenden Richtlinien eröffnen den Behandlern gewisse Ermessensspielräume“, sagte Ute Maier, Vorsitzende des Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Wie jedes medizinische Fach sei „die Kieferorthopädie gut beraten, von Zeit zu Zeit das, was man tut, zu überprüfen“. Hierzu bedürfe es belastbarer Studien.

Maier führt die im internationalen Vergleich hohen deutschen Behandlungszahlen auch auf die Übervorsicht sowohl von Eltern als auch von Ärzten zurück. „Eltern sind heute aufmerksamer als früher und auch schneller alarmiert. Wenn ein Kind keine Spange hat, gilt das fast schon als unnormal. Die Spange gilt auch als Zeichen dafür, dass Eltern sich besonders um ihre Kinder kümmern“, so Maier.

Eine verstärkte Sensibilisierung gebe es auch bei Ärzten und Zahnärzten. Maier: „Man geht lieber auf Nummer sicher und schickt das Kind zum Kieferorthopäden, weil man sich nicht vorwerfen lassen möchte, eine wichtige Behandlung versäumt zu haben.“

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