Foto: Heinz Heiss

Bei einer Krise sind sie die ersten vor Ort. Die Helfer der UN trainieren dafür in einem Wald bei Neuhausen auf den Fildern – damit sie im Ernstfall überleben.

Neuhausen - Keiner hat den Tod erwartet in dieser Nacht. Und doch kommt er zu ihnen ins Zelt, drängt sich an ihre Pritschen, beendet ihre Träume. Die Explosion schmerzt in den Ohren wie ein Silvesterböller, der neben dem Kopf explodiert. Michael Dirksen und sein Team springen auf. Die fünf Mitarbeiter des World Food Programm (WFP) der Vereinten Nationen haben wenig geschlafen in den vergangenen Stunden. Sie sind erst seit zwei Tagen im Land Tukastan, das von Überschwemmungen und einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Plündernde Banden ziehen umher. Die Männer um Dirksen sind aus dem Hubschrauber gesprungen, um fernab der nächsten Stadt ein Kommunikationszentrum zu errichten. Ohne Funk und Internet lässt sich kein humanitärer Einsatz koordinieren. Nun bleiben ihnen nur Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen. Keiner weiß, wer geschossen hat. In diesen Momenten des Chaos muss der Kopf klar sein. Ein Griff muss genügen und dann nichts wie weg. Die Tasche ist immer gepackt, sie sind jederzeit bereit zu fliehen.

Es ist kühl in dieser Nacht. Sie sprinten in den nahen Wald, die Blätter im Gebüsch sind feucht, der Boden dämpft die Schritte. Runter auf die Erde, lautet der geflüsterte Befehl. Erst als Teamleiter Michael Dirksen das „Ok“ gibt, dürfen die Mitarbeiter der Vereinten Nationen zurück ins Zelt oder an den Laptop.

Tukastan liegt gleich hinter Neuhausen

Das Zelt steht in Neuhausen auf den Fildern, im Wald, irgendwo zwischen Kirchturm und Kohlrabifeldern. Neuhausen ist ein Ort, den Dirksen und seine Männer bei ihrer Arbeit wohl niemals kennengelernt hätten. Für sie ist es eine Woche lang Teil des erfundenen Landes Tukastan. Organisiert wird die Übung vom Technischen Hilfswerk (THW), das seine Bundesschule auf den Fildern betreibt und seine Leute hier für den Auslandseinsatz ausbildet.

20 Teilnehmer aus dem Irak, Schweden, Kanada, Kenia, den USA, Australien und aus Thailand spielen eine Woche lang den Ernstfall. Sie schlafen in Zelten im Wald, haben keine Duschen und müssen sich selbst verpflegen. Nebenbei ist es ihre Aufgabe, Kommunikationszentren zu errichten. Immer wieder werden sie dabei gestört, von Explosionen, Räubern oder Politikern, gespielt von Schauspielern und Jugendgruppen des THW. „Es ist wichtig zu sehen, wie die Mitarbeiter in verschiedenen Situationen reagieren“, sagt der Amerikaner Dirksen. Die Bewohner von Neuhausen haben sich an die Übungen im Wald gewöhnt. „Ah, spielen sie wieder Kriegerles?“, wird da vom Waldweg aus gefragt.

Michael Dirksen und seine Männer sind Helden in Cargo-Shorts und Trekking-Schuhen. Ob Hungerkatastrophen, Kriege, Erdbeben oder Überschwemmungen – Dirksen und seine Männer sind diejenigen, die bei solchen Krisen als Erste vor Ort sind. „Wir helfen den Helfern“, sagt er. Sie alle sind IT-Spezialisten, können in wenigen Stunden ein Funknetz aufbauen, tragbare Satelliten ausrichten und Internetempfang auch in der Wüste herstellen. Sie gehören zum „FITTEST“-Team, dem Fast IT and Telecommunication Emergency and Support, einer Art Sondereinheit des WFP, die möglichst schnell vor Ort sein muss, damit per Funk oder Internet kommuniziert werden kann.

Zwei Kriegsnarben markieren sein Gesicht

Mit Nerds haben die Männer und die drei Frauen wenig zu tun. Sie müssen in Kriegsgebieten arbeiten. Was sie nach der Landung erwartet, wissen sie meist nicht. Nach dem Erdbeben in der indonesischen Provinz Aceh traf das IT-Team nur wenige Stunden später ein. „Wir mussten zuerst Leichen wegräumen, bevor wir mit unserer Arbeit beginnen konnten“, sagt Dirksen. Er gehört als Gruppenleiter zu einem der zwölf UN-Koordinatoren der Übung. Er beobachtet, gibt Tipps und spielt mit. Seine Schultern sind breit, das schwarze Haar ist kurz, seine Antworten sind freundlich. Er und seine Mitarbeiter zählen Katastrophengebiete so selbstverständlich auf wie andere die Hauptstädte der Welt. Darfur, Pakistan, Haiti, Süd-Sudan, Somalia, Libyen, Aceh, die Liste ist lang, und Dirksen war fast überall. Sein Gesicht teilen zwei Narben, die aussehen, als hätte ihn ein Peitschenschlag auf beiden Wangen erwischt. Er war 2003 im Irak, als das Büro der UN in die Luft gesprengt wurde. Dirksen ist dennoch geblieben. In diesem Jahr arbeitete er im Süd-Sudan, hat einen Verstärkermast auf Haiti installiert, in Libyen und Somalia geholfen. Die Übung ist für ihn ernst. Er weiß, wie wichtig es ist, sich vorzubereiten.

Die Tasche muss immer gepackt sein

„Sind die Taschen gepackt?“, fragt er. „Ja, den Rest werfe ich dann einfach rein“, ist eine Antwort. Die lässt Dirksen nicht gelten. „Ich denke nicht, dass das funktionieren wird“, sagt er, „bitte pack deine Tasche sofort“. Die „Grab-Bag“ gehört zu jeder Mission. „Just grab your bag and go“, schnapp deine Tasche und hau ab, lautet der Merksatz. Darin sollten Essen, Getränke, Batterien und Papiere sein – jederzeit.

Eine Holzhütte im Wald nahe Neuhausen dient als Kommunikationszentrum. Zwei Rentner spazieren mit Walking-Stöcken in der Hand auf dem Waldweg vorbei. Der Kenianer Eric Keruhura schaut ihnen fasziniert hinterher. „Was ist das?“, fragt er und lacht. Auch Katastrophenhelfer können noch Überraschungen erleben. Fast jeder der Teilnehmer war schon bei einem Einsatz dabei, viele kennen sich. Die Gemeinschaft professioneller IT-Leute, die für die UN im Einsatz sind, ist klein. 13 gehören zum festen „FITTEST“-Team im Hauptsitz in Dubai. Die anderen arbeiten meist bei einem Telekommunikationsunternehmen und werden für einen Einsatz freigestellt.

Die Vorräte sind bedroht

In der Hütte im Wald stehen Laptops aufgeklappt auf einfachen Tischen, ein Router und eine Funkstation sind aufgebaut. Zwei weitere Einsatzstationen werden vorbereitet, doch noch sind die Teilnehmer der Übung dabei, sich untereinander zu vernetzen. Warnen können sie sich gegenseitig noch nicht. Dann kommen die Plünderer. Eine Gruppe verkleideter Statisten erreicht die Hütte. Sie spielen Einheimische, die seit zwei Tagen Wasser und Nahrung suchen. Sie wollen Hilfe, aber eigentlich wollen sie das Zelt der Teilnehmer und die Wasserkanister. Nun gilt es zu verhandeln und ruhig zu bleiben. Dirksen wird später bemängeln, dass das Zelt unbewacht war, so konnten die Plünderer einfach hineingelangen. „Wir müssen mit den Leuten reden und uns ihre Sorgen anhören, dann müssen wir mit dem Flüchtlingscamp oder anderen Zuständigen Kontakt aufnehmen und Hilfe besorgen“, sagt er. Auf viele Situationen können sie sich nicht vorbereiten, doch die wichtigsten Szenarien müssen eingeübt werden.

In der THW-Schule, einige Kilometer entfernt von den Geschehnissen im Wald, koordinieren UN-Mitarbeiter die Übung. „23 Uhr: „Rebellen fallen ein“ ist auf einem großen Einsatzplan zu lesen, der in einem Raum hängt, der an ein Klassenzimmer erinnert. Eine geplante Katastrophe. Es ist die erste Übung dieser Art des WFP und es ist ihre erste Übung in Deutschland. „Wir arbeiten schon länger mit den Vereinten Nationen zusammen“, sagt Claus Höllein, der Leiter der Schule. Mit dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen ist der THW bereits seit 12 Jahren in Verbindung. Die Überzeugung, dass regelmäßige Übungen notwendig sind, um Mitarbeiter auf ihren Einsatz vorzubereiten, hat sich erst seit den 90ern verfestigt. Davor wurden kaum Trainings organisiert.

Im Wald sind die Plünderer weitergezogen. Die Tastaturen klackern. Das Internet funktioniert. So können die Mitarbeiter immer mit ihren Familien Kontakt aufnehmen. In ihrem Job sind solche Telefonate per Videochat wichtig. Oft haben sie ihre Frau und Kinder mitten in der Nacht verlassen, um erst nach Wochen wiederzukommen. „Wir sind innerhalb von 24 Stunden abflugbereit und in weniger als 48 Stunden vor Ort“, sagt Dirksen. Das ist ihr Anspruch und ihr Leben. „Unser Zuhause ist dort, wo unsere Tasche ist“, sagt der Amerikaner. Selten ist es an solchen Orten so sicher wie in Neuhausen.

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