Geiselnahme in Nuneaton (England), Axt-Angriff in St. Gallen (Schweiz), Messerstecher-Attacke in München: Am Wochenende häuften sich willkürliche Verbrechen.    Foto: dpa

Besteht die Welt nur noch aus Verwirrten und Gefahr? So einfach ist es nicht, sagt der Psychologe Adolf Gallwitz.

Stuttgart - Wie unverhersehbar Verbrechen und unberechbar Verbrecher sind, zeigt sich an den Vorfällen des vergangenen Wochenendes. So hat in St. Gallen ein psychisch gestörter Jugendlicher sieben Menschen aus bisher unbekannten Gründen mit einer Axt angegriffen und dabei zum Teil schwer verletzt.

Herr Gallwitz, die Welt scheint derzeit komplett aus den Fugen. Beruht irgendetwas daran auf Tatsachen oder ist das ein Gefühl?
Es ist ein Gefühl. Das sind nun mehrere Einzelfälle gewesen, die zwar nicht ganz unabhängig voneinander gewesen sind, aber dennoch Einzelfälle. Sie treffen allerdings auf ein unheimlich hohes Niveau an Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung. Noch nie herrschte derart viel Angst vor der Zukunft wie im Augenblick. Dazu kommt der Aspekt, dass diese Ereignisse den Verdacht auf schwere psychische Störungen erwecken.
Sie würden nicht unterschreiben, dass mittlerweile „mehr Verrückte“ unterwegs sind?
Nein, es waren schon immer gleich viele Verrückte unterwegs. Sie können davon ausgehen, dass Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen einen Bevölkerungsteil von zwei Prozent ausmachen. Menschen, mit Zwangsstörungen, über die wir im Kino bei Jack Nicholson gerne lachen, das sind ungefähr 20 bis 24 Prozent. Es ist also nicht selten, dass auf jemanden trifft, der nicht in der psychischen Mitte ist. Da hat sich aber nichts geändert.
Besteht die Gefahr der Nachahmungstäter?
Nicht direkt. Wir haben seit geraumer Zeit eine Situation – das liegt auch an der Berichterstattung über solche Ereignisse – die Menschen zunehmend destabilisiert. Wenn man nicht mehr in der Lage ist, einzuschätzen was die Zukunft bringt, dann entsteht ein höheres allgemeines Angstniveau. Menschen, die bereits psychisch angeschlagen sind, reagieren darauf und werden akut krank. So lässt sich erklären, weshalb jemand ein Messerattentat nicht bereits vor einem Vierteljahr verübt hat.
Die Wahrnehmung derzeit scheint: entweder ein verwirrter Einzeltäter oder terroristischer Akt. Ist das der Versuch, das nicht Greifbare zu vereinfachen?
Menschen suchen immer nach einfachen Erklärungen. Seit der RAF-Zeit haben wir gefühlt auf einer Insel der Seligen gelebt. Und nun haben wir seit einigen Jahren eine Zunahme von Gefährdungen und eine neue Form des Terrors. Wir haben den Bundesinnenminister der immer wieder davon spricht, dass wir eine allgemeine Gefährdung haben. Nichts daran ist konkret. Doch wir müssen uns mittlerweile Fragen stellen, die wir uns vor einigen Jahren noch nicht hätten stellen müssen. Nehmen Sie die Weihnachtsmärkte: können wir da mit einem guten Gefühl hingehen, wenn keine Lastwagen-Blocker aufgebaut wurden?
Aber es gibt doch keinen richtigen Schutz.
Das stimmt, aber es gibt viele Gefährdungssituationen, die weit gefährlicher sind und gegen die es auch keinen Schutz gibt. Es sei denn man nimmt zum Beispiel nicht mehr am Straßenverkehr teil. Wir führen eine Art Rangliste und bei der „allgemeine Sicherheitslage“ fühlt man sich zur Zeit am empfindlichsten getroffen. Da ist das Bedürfnis, dass man von der Politik mehr über konkrete Maßnahmen hören möchte als Bagatellisierungen wie verstärkte Grenzkontrollen oder „Finden Sie sich damit ab“.
Aber trägt nicht genau das dazu bei, dass bei den Bürgern mehr Angst entsteht?
Die Leier, dass wir in einer allgemeine Bedrohungslage leben, macht die Leute nur noch nervöser. Unter diesem erhöhten Angstniveau leiden besonders Menschen, die psychisch nicht aus der Mitte kommen.
Wie reagiert man als Zeuge eigentlich richtig, wenn so etwas passiert?
Nicht einmischen, sondern so schnell wie möglich Hilfe holen und so gut wie möglich die Situation beobachten, um später als Zeuge zur Verfügung stehen zu können.

Zur Person: Adolf Gallwitz

Der 1951 geborene Adolf Gallwitz studierte von 1970 bis 1973 Erziehungswissenschaften. 1977 absolvierte er in Erlangen die Diplom-Hauptprüfung für Psychologie.Von 1996 bis 2013 war er Dozent an derPolizeihochschule in Villingen-Schwenningen. Der Psychologe und Profiler erstellte zahlreiche Gutachten.
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