Wer schreibt auf der anderen Seite? Eltern müssen ihre Kinder auf die Gefahren im Netz hinweisen Foto: dpa

Die eigene Identität ist im Internet leicht zu verschleiern. Das nutzen Täter, um Kinder dazu zu bringen, sich für sie vor der Webcam auszuziehen. Für die Opfer hat das schwere folgen – wie ein Fall aus Stuttgart zeigt.

Stuttgart - Immer früher kommen Kinder mit dem Internet in Berührung. Viele haben mit zehn Jahren schon das erste eigene Smartphone und wachsen selbstverständlich damit auf, dass sie immer und überall erreichbar sind. Für die Eltern ist es unmöglich nachzuvollziehen, mit wem ihr Nachwuchs den virtuellen Kontakt pflegt. So war es auch bei der zwölfjährigen Connie (Name geändert) aus der Region Stuttgart. Über das Internet kam sie mit einem Mann in Kontakt, der sie über einen längeren Zeitraum sexuell missbrauchte – alles vor dem Computer im Kinderzimmer. „Durch die neuen technischen Möglichkeiten haben solche Fälle in den letzten Jahren stark zugenommen“, sagt Bernd Putze, Kriminalhauptkommissar der Stuttgarter Polizei. Er und seine Kollegen ermittelten in den vergangenen zwei Jahren 23 Täter.

Connie hatte den Mann in einem bei Kindern und Jugendlichen beliebten, sozialen Netzwerk kennengelernt und begonnen, sich mit ihm per Kurznachrichten zu unterhalten. Dem Täter gelang es, sie so zu beeinflussen, dass ihn das Mädchen über die Webcam dabei zusehen ließ, wie sie sich auszog und sexuelle Handlungen an sich vornahm. Auf Drängen des Mannes wurden diese immer extremer. Wie genau der Täter das bei Connie erreicht hat, ist unklar. „In der Regel versuchen sie es bei vielen verschiedenen Kindern und geben sich als Gleichaltrige aus“, sagt Bernd Putze. Die Täter erschleichen sich das Vertrauen des Opfers und üben dann Druck auf das Kind aus.

Connies Mutter fiel irgendwann auf, dass sich ihre Tochter seltsam benahm. Sie traf sich nicht mehr mit ihren Freunden, kapselte sich von den Eltern ab und verweigerte die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Eltern vermuteten hinter dem ungewöhnlichen Verhalten Probleme in der Schule. Sie überprüften den Computer ihrer Tochter und stießen auf Internetprotokolle, in denen die Straftat dokumentiert war. Sie schalteten die Polizei ein, die den Täter ermittelte und ihn in Stuttgart festnahm. Er wurde im vergangenen Dezember zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

Was Connie passiert ist, ist kein Einzelfall, das bestätigt Bernd Putze. Er hat in dem Fall ermittelt. Allein im Jahr 2013 konnten in Stuttgart zehn Fälle aufgeklärt werden, in denen Kinder über das Internet sexuell missbraucht worden sind. 2012 waren es 13 Fälle. Putze vermutet eine Zunahme. „Vor zehn Jahren hat es höchstens einen Fall im Jahr gegeben“, sagt er. „Losgegangen ist das vor drei Jahren.“ Er geht von einer hohen Dunkelziffer aus. „Uns ist zum Beispiel nur ein Fall mit einem Jungen bekannt“, erzählt er. „Vermutlich passiert das aber bei viel mehr Jungen. Die sagen nichts, und dann wird der Fall nicht zur Anzeige gebracht. Scham spielt eine ganz große Rolle.“

„Die Kinder denken oft, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, und schämen sich. Viele erkennen den Übergriff nicht“, sagt Gabriele Lieberknecht. Sie arbeitet bei der Fachberatungsstelle Kobra, einer Anlaufstelle für Kinder, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Wichtig sei vor allem, dass Eltern ihre Kinder offen und selbstbewusst erziehen. „Im Grunde kann jedes Kind Opfer eines solchen Falles werden“ sagt Lieberknecht, „aber je gefestigter ein Kind ist, desto eher lernt es auch, Nein zu sagen.“ Die Eltern müssten kontrollieren, was ihre Kinder im Internet machten, sagt der Polizist Putze. „In einem Fall war der Junge acht Jahre alt. Da habe ich mich auch gefragt: ,Was hat ein Achtjähriger auf Facebook zu suchen?‘“

Wird der Missbrauch zur Anzeige gebracht, ist es an Putze und seinen Kollegen, den Täter zu ermitteln – was oft Glückssache ist. „Am Anfang hat man nur die Internetprotokolle“, erklärt der Kripomann, „wenn der Täter da seine Telefonnummer reingeschrieben hat, haben wir ihn ganz schnell. Wenn nicht, wird es schwierig.“ In der Regel geben die Täter im Internet nur falsche Identitäten an und verwischen ihre Spuren. „Wir können bei den Betreibern der Internetseiten anfragen, aber die speichern oft die Daten ihrer Nutzer nicht lange genug oder sitzen im Ausland“, sagt Bernd Putze. Bei Connie war der Täter relativ schnell ermittelt, er lebte in Stuttgart. Auf seinem Rechner fand die Polizei mehrere Tausend Bilder, die Kinderpornografie zeigten. „Die Täter fangen oft mit Kinderpornografie an“, erklärt der Polizist. „Die ist im Internet viel zu leicht zu kriegen. Dann wollen sie das selber ausprobieren und schreiben Kinder an.“

Egal wie der Täter Druck ausübt: Er macht sich strafbar

Auffällig an Connies Fall ist, dass das Mädchen die Initiative ergriff und den Chat mit derber Sprache vorantrieb. „Das war wirklich außergewöhnlich“, sagt Putze. „Aber es ist erschreckend, wie schnell manche Mädchen bereit sind, sich vor der Webcam auszuziehen.“ Er erinnert sich an einen Fall, in dem das Opfer nach fünf Minuten sein Hemd ausgezogen hatte. „Der Täter erzählte ihr, dass er sie liebt und ihren Körper wunderschön findet“, berichtet Putze. Egal in welcher Form der Täter auf sein Opfer Druck ausübt: Er macht sich strafbar. „Die Tat beginnt immer schon dann, wenn das Mädchen sich auszieht“, sagt Putze, „Kinder können solche Dinge oft nicht richtig einschätzen.“ Deswegen sei es wichtig, dass Kinder aufgeklärt werden, sagt Lieberknecht. „Wenn ein Kind keine Worte für seine Genitalien hat, kann es nicht sagen, wenn etwas schiefläuft.“

Das war auch bei Connie der Fall. Sie hat den Missbrauch im Chat zunächst als Spaß aufgefasst. „Viele denken, dass die Folgen eines Missbrauchs im Internet nicht so schwer wiegen, weil keine Berührung stattfindet“, sagt Lieberknecht. „Aber das ist ein massiver Eingriff in die Sexualität des Kindes.“ Karin Gäbel-Jazdi vom Kinderschutzzentrum in Stuttgart sagt: „Die Folgen eines Missbrauchs über das Internet sind oft die gleichen, wie wenn das im echten Leben passiert. Schon leicht erscheinende Fälle können enorme Auswirkungen auf das Kind haben.“ Oft ziehen sich die Kinder zurück, klagen über Kopfschmerzen und schämen sich. Andere werden aggressiv.

Eltern wissen im Fall eines Übergriffs oft nicht, was sie tun sollen. In solchen Fällen rät Gäbel-Jazdi: „Die Eltern sollten in erster Linie darauf achten, was ihr Kind braucht. Die Straftat muss aufgearbeitet werden, und die Eltern sollten ihrem Kind Ruhe und Halt vermitteln.“

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