Die Kriminalität in Stuttgart ist wieder deutlich höher als in manchen Jahren vor Corona. Besonders zwischen Hauptbahnhof und Rathaus wächst die Sorge über zunehmende Gewalt. Wie sieht es drum herum aus?
Stichprobe am Hauptbahnhof: Am Donnerstag gegen 6.20 Uhr wird ein Pöbler im Bereich Gleis 1 gemeldet, der aggressiv und lautstark die Reisenden anmacht. Der 37-Jährige lässt sich auch von einer Polizeistreife nicht beruhigen. Nach einem Platzverweis kehrt der polizeibekannte Karlsruher bald wieder zurück, wird von einer Streife zur Bahnhofsmission gebracht – doch dort pöbelt er erneut. Um 7.20 Uhr muss er in Polizeigewahrsam genommen werden. Die Quartiere Hauptbahnhof, Klett-Passage, oberer Schlossgarten, Stadtgarten, Altstadt und Rathaus werden als Brennpunkte immer problematischer – und das zeigt sich nun auch in der Kriminalstatistik für 2023, die am Freitag für Stuttgart vorgestellt wurde.
Die Polizei registrierte im Jahr 2023 insgesamt 55 577 Straftaten in der Landeshauptstadt, ein Plus von 7,5 Prozent. Das liegt schon wieder erkennbar über dem Vor-Corona-Niveau. Das ungute Gefühl im Stadtzentrum ist dabei nicht nur ein Gefühl: Die Zahl der Straftaten in der City ist die höchste seit dem traurigen Rekordjahr 2015. Mit 17 500 Delikten, plus 16 Prozent, spielt sich mittlerweile jede dritte Straftat in der Innenstadt ab.
Der Stadtatlas der Straftaten
Den prozentual deutlichsten Anstieg der Kriminalität gibt es allerdings anderswo, ganz im Nordosten der Stadt: im Bezirk Mühlhausen. Das neuerliche Plus beträgt sogar 27 Prozent. Mit 1548 Delikten hat Mühlhausen flugs Möhringen überholt. Der Blick in die Stadtbezirke hält offenbar manche Überraschung bereit. Aber nicht überall geht es krimineller als im Vorjahr zu – in neun Bezirken wurde es sogar ruhiger.
Für die Innenstadt, besonders im Bereich des Cityrings, haben die Statistiker im Hause von Polizeipräsident Markus Eisenbraun eine klare Analyse: „Diese Entwicklung ist problematisch“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. „Die zunehmende Alkoholisierung ist nach wie vor ein starker Katalysator für Streitigkeiten und körperliche Auseinandersetzungen.“ Daher habe es 2023 in der Stadt einen erneuten Anstieg der Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum gegeben.
Etwa hinterm Rathaus. Noch unbekannt sind jene Täter, die sich vor wenigen Tagen um 21.20 Uhr im Bereich Stein- und Nadlerstraße eine Auseinandersetzung lieferten. Die von Passanten alarmierte Polizei musste die Opfer erst einmal suchen, fand zwei 21- und 23-Jährige mit Verletzungen. Vom Tätertrio fehlte jede Spur. Immer wieder sind auch Messer im Spiel – am schlimmsten im November, als sich zwei Jugendgruppen im Europaviertel einen blutigen Streit mit vier Verletzten lieferten.
Was hat da die Waffen- und Messerverbotszone bewirkt? Von Februar 2023 bis Februar 2024 wurden 93 Verstöße dokumentiert und 95 Gegenstände sichergestellt. Bei 37 der 93 Verstöße soll auch eine Straftat eine Rolle gespielt haben. Polizeipräsident Eisenbraun sieht einen positiven Effekt: „Jedes beschlagnahmte Messer ist eine verhinderte potenzielle Gewalttat.“
Allerdings gibt es noch andere Delikte auf der Straße, die zur Sorge Anlass geben. Sexualdelikte im öffentlichen Raum erreichen in Stuttgart einen neuen Höchstwert. Allein die Zahl der angezeigten sexuellen Belästigungen ist von 109 auf 160 gestiegen.
Alarm in der City und Rätsel in Mühlhausen
Was aber hat die Delikte im Stadtbezirk Mühlhausen mit den Stadtteilen Freiberg, Mönchfeld, Hofen und Neugereut um 27 Prozent ansteigen lassen? Mehr als 1500 Delikte sind die höchsten der letzten fünf Jahre. Der Einbruch von Tresorknackern in einen McDonald’s mit mehreren Zehntausend Euro Beute, Straßenräuber in Neugereut, Aufbrüche von Geldspielautomaten in Freiberg wirken da als Spitze eines bedrohlichen Eisbergs. Freilich: Meist sind es Ladendiebstähle und Körperverletzungen, die hier das Kriminalitätsmaß bestimmen. 2018 war es noch eine Serie von 119 Fällen der Veruntreuung, die ins Kontor schlug.
Die Anrufbetrüger mit der Masche der falschen Polizisten dürften auch dazu beigetragen haben, dass der Stadtbezirk Stuttgart-Ost an dritter Stelle hinter der Innenstadt und Bad Cannstatt liegt. Immerhin hat es dort eine der wenigen Festnahmen gegeben. Eine 23-Jährige polnischer Herkunft hatte in der Bergstraße Schmuck und Gold für mehrere Zehntausend Euro abgeholt, die man einer 84-Jährigen abnehmen wollte. Kurz danach klickten die Handschellen.
Was die Zahlen in 14 von 23 Stadtbezirken nach oben getrieben hat, muss indes nicht immer mit einer verstärkten Aktivität von Straftätern zu tun haben, sondern mit statistischen Überhängen. „Manchmal“, sagt Polizeisprecher Thomas Ulmer, „stecken noch Fälle aus 2022 drin, die für die damalige Statistik noch nicht abgeschlossen waren.“
Positive Signale in Sillenbuch, Degerloch und Feuerbach
Dagegen gibt es neun Stadtbezirke, die statistisch sicherer geworden sind. Am besten sieht es da in Sillenbuch aus, wo selbst die Werte aus den straftatenärmeren Coronazeiten deutlich unterboten sind. Mit 551 Delikten ging es noch einmal um fast 20 Prozent runter. Rückgänge von über zehn Prozent gibt es in Degerloch und Feuerbach.
Und Zuffenhausen? Dort, wo eine jener schießwütigen Straßenkrieger-Gruppierungen zu Hause sein soll, die seit Sommer 2022 für eine beispiellose Gewaltserie verantwortlich ist und wo die Polizei einzelne Quartiere jüngst zu einem sogenannten gefährlichen Ort gestempelt hat: Dort sind die Kriminalitätszahlen 2023 immerhin nahezu gleich geblieben. Seit Jahresbeginn will ein Arbeitskreis Sicherheit von Bezirksamt, Parteien, Vereinen und Institutionen das Ansehen und Sicherheitsgefühl stärken. 2278 Delikte bedeuten Rang vier. Bis nach Birkach, mit 147 Delikten ganz am Ende der Krimi-Hitliste, ist es freilich ein weiter Weg.