Kriminächte im Kriegsbergtunnel Stuttgart-21-Baustelle als Krimi-Schauplatz

Von Elisa Beck 

Mit dem Bus hinab in Stuttgarts Unterwelt: „Der dritte Mann“ ist in den Kriegsbergtunnel verlegt worden.

Stuttgart - Abenteuerlich war allein schon der Weg zum Veranstaltungsort, den die Besucher der ­Lesung von Graham Greenes Vorlage zu „Der dritte Mann“ bei den Stuttgarter ­Kriminächten am Dienstagabend zurück­legen durften: Vom Hauptbahnhof wurden die dreihundert Besucher der ausverkauften Lesung mithilfe von einigen Wegweisern in die Baustelle geführt, wo sie Kleinbusse ­besteigen durften und dann mitten in einen Tunnel der Stuttgart-21-Baustelle ver­frachtet wurden.

Dieses „Etablissement“, wie es von Veranstalterin Eva Hosemann mit einem Augenzwinkern bezeichnet wurde, ist natürlich normalerweise gar kein Veranstaltungsort und damit ein sehr besonderer Schauplatz für eine Lesung. In Kombination mit den auftretenden Künstlern konnte dort der Film und gleichnamige Roman „Der dritte Mann“ von Graham Greene besonders gut zum Leben erweckt werden, denn ein wesentlicher Bestandteil des Krimis ist die Wiener Kanalisation.

Mit prominenter Gitarrenbegleitung

Nachdem die Besucher auf im Tunnel errichteten Bierbänken Platz genommen haben, erklingen verzerrte Gitarrenklänge. Mit dem Donauwalzer auf der E-Gitarre stimmt der Böblinger Jazzgitarrist Jo Ambros ein auf das „verzerrte Wien“, Wien direkt nach dem Zweiten Weltkrieg unter den Besatzungszonen. Dann beginnt der aus der ZDF-Fernsehserie „SOKO Donau“ bekannte Schauspieler Gregor Seberg zu lesen: „Man muss immer darauf gefasst sein, dass etwas Unvorhergesehenes passiert . . .“

Gregor Seberg und Jo Ambros präsentieren eine Kurzfassung des Romans, der eigentlich nur als Rohmaterial für den Film geschrieben wurde. Dabei hebt Gregor Seberg mit seiner Stimme – vor allem auch durch den trefflichen, vom Publikum als amüsant wahrgenommenen Einsatz des Wienerischen – deutlich die unterschiedlichen Charaktere der Geschichte hervor. Im Zentrum steht Rollo Martins, der im Film den Namen Holley Martins trägt. Er ist ein armer Billig-Roman-Autor, der auf Geheiß seines Freundes Harry Lime nach Wien reist, da dieser ihm versprochen hat, dort „etwas für ihn tun zu können“. Kaum wird Harry Lime erwähnt, spielt Jo Ambros auf der akustischen Gitarre originalgetreu das berühmte „Harry-Lime-Thema“, das im Film vom Zither-Spieler Anton Karas umgesetzt wird.

Rollo Martins ist seinem Freund treu ergeben, er glaubt alles, was dieser ihm erzählt – zum Beispiel auch, dass Lime die Melodie, die er immer pfeift, selbst komponiert hat. Als Martins bei seiner Ankunft in Wien erfährt, dass sein Freund bei einem Unfall ums Leben gekommen sein soll, ist er erschüttert und fängt an, Nachforschungen anzustellen. Bald findet er sich in wirren Verstrickungen zwischen Schieberbanden und Polizei wieder, er ist jedoch stets von Limes Unschuld und Gutmütigkeit überzeugt. Erst durch handfeste Beweise des Polizisten Calloway wird ihm klar, was für ein Mensch sein Freund eigentlich war: Lime war so geldgierig, dass er mit gestrecktem Penicillin handelte, was bei vielen Patienten zu schweren Behinderungen und Todesfällen geführt hat.

Nachdem Martins davon erfahren hat, will er der Polizei helfen, Lime zu fassen und damit weiteres Unheil abwenden, denn in Wahrheit ist Harry Lime gar nicht gestorben. Gemeinsam mit der Polizei lockt ­Martins Lime in einen Hinterhalt, doch dieser entkommt vorerst in das Labyrinth der ­Kanalisation.

Die Location passt

Die finale Tunnelszene wirkte durch die Ortswahl und deren atmosphärische Beleuchtung natürlich besonders lebendig. Als Gregor Seberg in der Rolle des Rollo Martins lautstark „Harry“ in den Tunnel rief, kam ein echtes Echo zurück, verstärkt durch die echoartigen Grusel-Effekte, die Jo Ambros seiner Gitarre entlockte. Die musikalischen Einwürfe und Untermalungen waren leider etwas sparsam eingesetzt, doch bewirkte das auch eine stärkere Wahrnehmung der ­Musik, wenn sie dann verwendet wurde.

Durch die im Tunnelschacht herrschende Kälte konnten sich die Zuschauer sehr gut in die Protagonisten hineinversetzen, die sich in den Tunnelkanälen eine wilde Verfolgungsjagd mit Harry Lime lieferten. Allerdings führte die Kälte auch dazu, dass die meisten Besucher nach dem letzten Satz ­Sebergs umgehend zu den Bussen zurückstrebten.

Für die Hartgesottenen war der Abend jedoch noch nicht ganz vorbei: Wer sich für das Projekt Stuttgart 21 interessierte, hatte vor Ort die Möglichkeit, einige Ingenieure der Bahn zu Einzelheiten des Tunnelbaus zu befragen und noch ein bisschen weiter in die Tunnel hineinzuspazieren. Insgesamt ergab sich somit ein verfrorener, aber durchaus unterhaltsamer Abend bei den Stuttgarter Kriminächten.

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