Die arabische Nachbarn Israels suchen nach dem Ausbruch des Gaza-Krieges nach neuen Positionen. Das Emirat Katar bietet sich als Vermittler an, Ägypten befürchtet eine Flüchtlingswelle.
Kein arabischer Staat hat nach Ausbruch des neuen Gaza-Krieges so schnell seine Rolle gefunden wie Katar. Das kleine Emirat am Persischen Golf etablierte sich innerhalb weniger Tage als Scharnier zwischen internationalen Unterstützern und Feinden Israels: Emir Tamim bin Hamad al-Thani besuchte am vorigen Donnerstag Bundeskanzler Olaf Scholz, der die „Mittlerrolle“ von Katar lobte. Am Tag darauf flog US-Außenminister Antony Blinken zu Gesprächen in das Emirat. Kaum 24 Stunden später erlaubte Katar ein Treffen von Hamas-Chef Ismail Haniyeh und dem iranischen Außenminister Hossein Amirabdollahian.
Katar will seine Kontakte zu den verfeindeten Seiten im Nahen Osten nutzen, um einen Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas zu organisieren. Dabei kommt den Kataris zugute, dass sie seit Jahren die islamistische Muslimbruderschaft unterstützen, aus der die Hamas hervorgegangen ist, aber auch mit Israel reden können. Gleichzeitig ist Katar ein wichtiger Verbündeter der USA und Standort des größten US-Truppenstützpunktes im Nahen Osten.
Saudi-Arabien friert die Gespräche mit Israel ein
Die schnelle Reaktion der katarischen Diplomatie unterscheidet sich auffallend vom Zögern anderer arabischer Autokratien. Vor dem Gaza-Krieg bemühten sich Länder wie Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) um ein engeres Verhältnis zu Israel und ignorierten die Palästinenserfrage. Sie betrachteten den Hamas-Unterstützer Iran als größten Rivalen in der Region.
Der Krieg und die Sympathie der arabischen Bevölkerung für die Palästinenser erzwingen jetzt Kurskorrekturen. Saudi-Arabien, das noch vor Kurzem von großen Fortschritten bei der Annäherung an Israel gesprochen hatte, legt seine Gespräche mit dem jüdischen Staat auf Eis. Kronprinz Mohammed bin Salman telefonierte stattdessen mit dem iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi und sagte, er sei besorgt wegen der humanitären Lage im Gazastreifen. Der Hamas-Angriff ist laut Gerad Feierstein, einem ehemaligen US-Botschafter in der Region, ein Horrorszenario für Staaten wie Saudi-Arabien, die sich von engen Beziehungen zu Israel sicherheits- und wirtschaftspolitische Vorteile versprechen. Die Führung in Riad und andere arabische Regierungen machten zwar Israel für den Ausbruch des Krieges verantwortlich, wollten die Brücken zum jüdischen Staat aber nicht abbrechen.
Jordanien befürchtet eine Destabilisierung im Land
Bei den VAE wird das Bestreben, das gute Verhältnis zu Israel über den Krieg zu retten, besonders deutlich. Die Emirate, die vor drei Jahren einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen hatten und die Muslimbruderschaft als Terrorgruppe verfolgen, gaben der Hamas die Schuld am Ausbruch der Gewalt. Ähnlich äußerte sich Bahrain, das ebenfalls Frieden mit Israel geschlossen hat.
Für Jordanien, das schon seit 1994 einen Friedensvertrag mit Israel hat, ist die Lage besonders schwierig. Viele der elf Millionen Jordanier haben palästinensische Vorfahren, zudem leben zwei Millionen palästinensische Flüchtlinge im Land. König Abdullah befürchtet, dass der Krieg und neue Vertreibungen sein Land destabilisieren könnten. Die jordanische Polizei löste in den vergangenen Tagen propalästinensische Kundgebungen auf. Der König begann am Wochenende eine mehrtägige Rundreise durch Europa, bei der er um Hilfe zur Beilegung der Krise werben will.
Auch Ägypten als direkter Nachbar des Gazastreifens befürchtet eine neue Flüchtlingswelle. Nachdem Israel mehr als eine Million Zivilisten im nördlichen Teil von Gaza aufgefordert hatte, das Gebiet zu verlassen, könnten schon bald Flüchtlinge auf der Sinaihalbinsel eintreffen. Ägypten gehört zu den Feinden der Hamas und der Muslimbruderschaft, doch das Regime von Präsident Abdel Fattah el-Sisi muss auf die Stimmung in der eigenen Bevölkerung achten, in der die Palästinenser viel Sympathie genießen.