Libanesische Zivilschutzhelfer arbeiten in Beirut vor dem Gebäude, in dem Saleh Al-Arouri getötet wurde. Foto: AFP/ANWAR AMRO

Hamas-Experte Ronny Shaked von der Hebräischen Universität in Jerusalem meint, die Hisbollah könne als Rache für den Tod des hohen Hamas-Anführers Terroranschläge auf jüdische und israelische Ziele in Europa planen.

Kurz nach dem Deal zur Befreiung des israelischen Soldaten Gilad Shalit 2011, den die Hamas fünf Jahre lang in Gaza gefangen gehalten hatte, gab der hochrangige Hamas-Mann Saleh Al-Arouri Israels öffentlich-rechtlichem Sender Kan ein Interview. Im Gegenzug für die Befreiung Shalits hatte Israel über Tausend palästinensische Häftlinge entlassen. Dass Israel bereit sei, so viel für einen einzigen Soldaten zu tun, sei „eine Stärke der israelischen Gesellschaft“, sagte Al-Arouri. Am Mittwoch, am Morgen nach Al-Arouris Tod, sendete Kan das Interview in Auszügen noch einmal.

 

Mossad-Chef David Barnea weist auf eine Beteiligung Israels hin

Ob er sein Kompliment ernst meinte, wird man wohl nie erfahren: Am Montagabend wurde Al-Arouri, 57 Jahre alt, in einer Explosion in Beirut getötet. Mit ihm kamen sechs weitere Hamas-Männer ums Leben.

Nach der Tötung Al-Arouris hat Mossad-Chef David Barnea einem Bericht zufolge auf eine Beteiligung Israels hingewiesen. Jede arabische Mutter werde wissen, dass, wenn ihr Sohn an dem Massaker vom 7. Oktober beteiligt gewesen sei, sein Blut an seinem eigenen Kopf sein werde, zitierten israelische Zeitungen Barneas Worte auf der Beerdigung des früheren Mossad-Chefs Zvi Zamir am Mittwoch. Die „Jerusalem Post“ sah darin einen „deutlichen Hinweis“ auf eine israelische Beteiligung an einer gezielten Tötung des Vize-Leiters des Politbüros der Hamas. Barnea erwähnte ihn demnach aber nicht namentlich. Israel hat sich öffentlich nicht zu dem Vorfall geäußert. Nachdem es bislang aber keine Antwort der Hisbollah gegeben habe, fühlten sich israelische Amtsträger womöglich sicherer, spekulierte die Zeitung.

Al-Arouri gilt als Drahtzieher mehrerer Anschläge

Israel sieht Al-Arouri als Drahtzieher von Anschlägen im Westjordanland. Seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober droht Israels Regierung deren Anführern mit dem Tod; und als stellvertretende Leiter des Hamas-Politbüros war Al-Arouri einer der wichtigsten von ihnen. „Einen solchen Anführer zu töten, hat Symbolkraft“, sagt der Hamas-Experte Ronny Shaked von der Hebräischen Universität in Jerusalem, der Al-Arouri selbst 2011 interviewt hat. „Es ist ein moralischer Sieg für Israel und ein moralisches Problem für die Hamas.“

Al-Arouri, geboren in einem kleinen Dorf nahe Ramallah im Westjordanland, trat der Hamas Ende der Achtziger Jahre als Student an der Universität von Hebron bei. Wegen seiner Aktivitäten für die Terrororganisation wurde er Anfang der Neunziger mehrmals verhaftet und verbrachte insgesamt 15 Jahre in israelischen Gefängnissen, bis er 2010 freikam. Bei den Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas um die Freilassung Gilad Shalits spielte er eine tragende Rolle.

Aus der Ferne koordinierte Al-Arouri die terroristischen Aktivitäten der Hamas

Unter den über Tausend Palästinensern, die im Gegenzug freikamen, war auch der heutige Chef der Hamas in Gaza, Yahia Sinwar, der als Planer der Massaker vom siebten Oktober gilt. Dass Israel 2011 bereit gewesen war, für einen einzigen Soldaten einen solch hohen Preis zu bezahlen, dürfte zu Sinwars Entscheidung beigetragen haben, auch bei dem Terrorangriff vom Oktober auf Geiselnahmen zu setzen. Dass Al-Arouri sein Kompliment im israelischen Fernsehen ernst meinte, darf deshalb bezweifelt werden. Er und Sinwar saßen viele Jahre gemeinsam im Gefängnis und galten als Freunde.

Aus der Ferne koordinierte Al-Arouri die terroristischen Aktivitäten der Hamas im Westjordanland. „Er war die Verbindung zur Hisbollah“, sagt Ronny Shaked, „und deshalb eine sehr, sehr wichtige Person für die Hamas.“ Seine guten Drähte nach Teheran nutzte Al-Arouri, um seine Organisation mit Waffen und Munition aus dem Iran zu versorgen.

Womöglich plant die Hisbollah Anschläge auf jüdische Ziele in Europa

Nicht zuletzt wegen Al-Arouris enger Bande zur Hisbollah und ihrem mächtigen Förderer fürchten nun Beobachter in Israel, dass die Hisbollah die Tötung rächen könnte. Deren Raketenarsenal gilt als größer und schlagkräftiger als jenes der Hamas; und auch, wenn Israels Armee sich seit Beginn des Gazakrieges auf eine Eskalation im Norden vorbereitet, könnte ein Zwei-Fronten-Krieg sie stark unter Druck setzen. Um die Hisbollah abzuschrecken, drohen Vertreter der israelischen Regierung denn auch immer wieder mit einer äußerst harten Reaktion. „Was wir in Gaza tun, können wir auch in Beirut tun“, sagte etwa Verteidigungsminister Yoav Gallant im November.

Ronny Shaked meint, anstelle ihren Beschuss auf Israel auszuweiten, könnte die Hisbollah womöglich Terroranschläge auf jüdische und israelische Ziele in Europa planen. Fest stehe nur eines: „Die Hisbollah wird nicht handeln ohne Erlaubnis aus dem Iran.“