Die „Aidacosma“ ist eines von derzeit sechs Kreuzfahrtschiffen, die mit dem etwas umweltfreundlicheren Kraftstoff LNG fahren. Sie wurde erst im April in Dienst gestellt.Foto: dpa/Lars Kle Foto: m/r

Kreuzfahrten gelten als besonders umweltschädliche Reiseform. Doch die Branche unternimmt viele Anstrengungen, um den Abgasausstoß zu mindern. Ein wichtiger Punkt sind dabei Antriebe mit Flüssigerdgas wie auf der nagelneuen „Aidacosma“.

Der Lotse kam leider nicht pünktlich an Bord. Im Hafen von Barcelona startet die „Aidacosma“ daher mit Verspätung. „Keine Sorge“, beruhigt Kapitän Vincent Cofalka via Lautsprecherdurchsage, „wir werden einfach etwas Gas geben und sind pünktlich in Palma de Mallorca.“

 

Die Redewendung „Gas geben“ darf man wörtlich nehmen: Die „Aidacosma“ fährt mit Flüssigerdgas, in Fachkreisen „Liquefied Natural Gas“ genannt, kurz LNG. Im Vergleich zu den immer noch auf Schiffen vorherrschenden Dieselmotoren stoßen LNG-Antriebe 15 bis 25 Prozent weniger Kohlendioxid aus, Stickstoffverbindungen und Feinstaub werden fast vollständig vermieden.

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Flüssigerdgas-Schiffe sind im Trend

Um Flüssigerdgas-Schiffe fahren zu dürfen, mussten der aus Bregenz stammende Kapitän Cofalka (46) und sein Rostocker Chefingenieur Sven Blohm (54) eine Art Führerschein machen. Sie absolvierten verschiedene Kurse auf LNG-betriebenen Frachtern. Zu dem Zeitpunkt hatte Aida Cruises noch kein LNG-Schiff. Der mit einer Länge von 337 Metern recht große Liner „Aidacosma“ ist nach der Schwester „Aidanova“ das zweite Schiff der Reederei Aida Cruises, das sich als „grün“ bezeichnet. Cofalka hat das von der Meyer-Werft in Papenburg an der Ems gebaute Schiff im April in Dienst gestellt.

„In der Frachtschifffahrt ist LNG schon seit fünf Jahrzehnten im Einsatz“, sagt Cofalka, „aber da an ein Kreuzfahrtschiff ganz andere Leistungsanforderungen gestellt werden, sagten viele Experten, dass dieser Antrieb bei uns keinen Sinn ergibt – das wäre zu träge und eine blöde Idee. Aber wir haben es trotzdem gewagt und festgestellt: Es geht.“

Laufruhige und harmonische Schiffsreise

Ein LNG-Schiff fährt sich nach Sven Blohms Beschreibungen anders als ein Liner mit konventionellem Antrieb: „Es ist laufruhiger und harmonischer“, sagt der Chefingenieur. Auch als Gast hat man ein anderes Fahrgefühl als sonst auf einem Kreuzfahrtschiff. Kein Wackeln, kein Rumpeln, bei ruhiger Ententeich-See wie an diesen Tagen im Mittelmeer gleitet die „Aidacosma“ so sanft übers Wasser wie eine Möwe, die sich vom Wind tragen lässt. Den Unterschied sieht man auch am Schornstein: Da kommt nix Schwarzes raus.

Tief im Bauch des Schiffes stehen vier Dual-Fuel-Motoren. „Das heißt, es gibt neben LNG auch Diesel an Bord. Doch der kommt nur ganz selten zum Einsatz“, sagt der Technikchef Blohm und erklärt, dass man das mit einem Hybridfahrzeug vergleichen könne. Beim Schiff ebenso wie beim Auto ist entscheidend, wie oft die umweltfreundlichere Technologie im Vergleich zur konventionellen tatsächlich zum Einsatz kommt. „Wir sind unfassbar effizient. 99 Prozent der Zeit laufen wir mit LNG“, sagt der Kapitän.

LNG ist nur in wenigen Häfen vorhanden

Alle zwei Wochen wird getankt. LNG ist im Moment nur in wenigen Häfen verfügbar. Auf Nordeuroparouten steht daher immer Rotterdam auf dem Fahrplan, im Mittelmeer wird in Barcelona „gebunkert“. Eine aufregende Sache: „Wir müssen das System vorher extrem herunterkühlen – auf minus 150 Grad Celsius. Nur bei solchen Temperaturen ist LNG flüssig und kann in die Tanks gefüllt werden“, sagt Sven Blohm.

Das Gas wird mit einem kleinen Tankschiff angeliefert, das seitlich andockt. Mit 700 Tonnen LNG kommt die „Aidacosma“ dann 14 Tage lang aus.

Nach Angaben des Branchenverbandes Clia (Cruise Lines International Association) sind derzeit weltweit sechs Schiffe mit LNG als Hauptantrieb in Fahrt, 20 weitere sind im Bau. „Nach Abschluss des derzeitigen Auftragsbestandes werden 17 Prozent der weltweiten Kapazitäten mit LNG betrieben werden können“, heißt es in einem Statement. Man habe bisher 18,5 Milliarden Euro in eine moderne Flotte investiert – und das trotz der erheblichen finanziellen Einbußen wegen der Coronapandemie. Bis 2050 will die gesamte Kreuzfahrt CO2-frei sein.

Suche nach klimaneutralen Kraftstoffen

Schon jetzt wird einiges versucht, um die als „Dreckschleudern“ verschrienen Schiffe umweltfreundlicher zu machen: Neubauten verfügen über Landstromanschlüsse, allerdings ist diese Energiequelle weltweit erst in 18 Häfen verfügbar. Innovative Beschichtungen der Schiffsrümpfe sollen bis zu fünf Prozent Treibstoff einsparen. Fortschrittliche Abgasreinigungssysteme filtern Ruß und Schwefel. Ältere, weniger effiziente Schiffe werden ausgemustert.

Das Schlüsselproblem der Kreuzfahrtbranche aber ist die Suche nach klimaneutralen Kraftstoffen. Man diskutiert über Wasserstoff und Ammoniak, Bio-Kraftstoffe und sogenannte E-Fuels wie Methanol, dessen Verbrennung zwar CO2 freisetzt, bei dessen Herstellung zuvor aber massenhaft CO2 gebunden wird. Doch nichts davon ist zurzeit in großem Stil marktfähig.

Branche ist nur mit neuen Antrieben zukunftsfähig

LNG-Antriebe gelten in der Schifffahrt als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität. Denn auch Erdgas zählt zu den fossilen Brennstoffen. Nachhaltigkeitsexperten wie der Tourismusforscher Harald Zeiss (50) von der Hochschule Harz in Wernigerode heißen die Bemühungen trotzdem willkommen: „Ohne Innovationen und Entwicklungen beim Antrieb wird die Branche nicht zukunftsfähig. LNG ist deutlich sauberer als Schweröl.“ Nach seiner Meinung gehört die Zukunft aber weitergehenden Innovationen wie der Brennstoffzelle, die beispielsweise mit grünem Wasserstoff betrieben werden könnte.

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Auch Stefan Gössling (52) findet LNG im Prinzip gut. Der Professor für nachhaltigen Tourismus an der Universität von Kalmar in Schweden gibt aber auch zu bedenken: „Wir müssen die absoluten Zahlen sehen. Solange die Branche insgesamt wächst, nutzen relative Verbesserungen nur dann etwas, wenn LNG mit erneuerbaren Energien erzeugt wird.“

Gäste stehen hinter den Umweltbemühungen

Nach Studien des Kieler Tourismusforschers Martin Lohmann fließen Klimaschutzfragen immer öfter in die Urlaubsplanung ein: „Ganz klar, das Thema Nachhaltigkeit ist für immer mehr Urlauber ein wichtiger Aspekt ihrer Reise, und zwar in ökologischer wie in sozialer Hinsicht.“ Allerdings klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander: 47 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich einen möglichst ressourcenschonenden Urlaub wünschen. Bei der Buchung berücksichtigen das nur zehn Prozent.

Auch die meisten Gäste auf der „Aidacosma“ finden die Bemühungen der Reederei für mehr Umweltschutz gut, haben sich aber aus anderen Gründen für die Reise entschieden. Die einen wollen das neue Schiff kennenlernen, die anderen interessieren sich für die Route. „Für mich ist wichtig, dass die Crew auf Aida-Schiffen so herzlich und hilfsbereit ist“, sagt Heike Kellerberg (42) aus dem hessischen Gernsheim. Sie ist ein treuer Fan und war schon mehr als 40-mal mit der Kussmundflotte auf großer Fahrt.

Info: Liner mit LNG

In Dienst gestellt
: Derzeit sind sechs Kreuzfahrtschiffe mit Flüssigerdgas unterwegs: „Aidanova“ und „Aidacosma“ von Aida Cruises (www.aida.de), „Mardi Gras“ von Carnival Cruise Line (www.carnivalcruiseline.de), „Costa Smeralda“ und „Costa Toscana“ von Costa Kreuzfahrten (www.costakreuzfahrten.de) und „Iona“ von P&O Cruises (www.pocruises.de).

Geplant:
MSC Cruises hat für Oktober 2022 das LNG-Schiff „MSC World Europa“ angekündigt. 2023 wird die „MSC Euribia“ erwartet (www.msccruises.de).Tui Cruises hat zwei LNG-Schiffe bestellt: „Mein Schiff 8“ und „Mein Schiff 9“ sollen 2024 und 2026 in Dienst gestellt werden. Die für 2023 erwartete „Mein Schiff 7“ wird noch mit Schweröl angetrieben (www.tuicruises.de).

Weitere Infos:
www.cliadeutschland.de

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