Für den bunt gefärbten Schönbuch haben die Impfwilligen kein Foto: Simon Granville

In der Sindelfinger Messehalle haben am Sonntag 200 Bürger ihre Erstimpfung gegen Covid-19 bekommen. Damit startet der Kreis Böblingen als letzter von 50 Landkreisen in Baden-Württemberg mit seinem Kreisimpfzentrum.

Sindelfingen - Der Landkreis Böblingen ist der letzte im Südwesten, der sein Kreisimpfzentrum öffnet: Am Sonntag um 9.30 Uhr wurden die ersten Bürger geimpft. Diesen Sonderweg hat der Landrat Roland Bernhard beschritten, da sich ein Betreib bisher nicht gelohnt hätte. Stattdessen impften die mobilen Teams von KIZ und zentralem Impfzentrum in den Pflegeheimen im Kreis. „Damit sind wir im Grunde durch“, sagte der Landrat. Zusätzlich wurden die Mitarbeiter der Kliniken geimpft, sie bekamen 20 Prozent der verfügbaren Dosen.

Ab sofort sollen in Sindelfingen 550 Menschen pro Woche geimpft werden, auch wenn die Infrastruktur im KIZ auf 5600 Impfungen ausgelegt ist. Bernhard: „Wir fahren nur auf rund zehn Prozent unserer Kapazität.“ Der Grund: Es sind nicht mehr Vakzine verfügbar. Nur sonntags, dienstags und freitags öffnet das KIZ seine Tore.

Landrat fordert: Verteilungsquoten bekanntgeben

„Dass wir nicht wissen, wie viele Impfdosen die anderen Kreise erhalten, geht mir schon ein bisschen gegen die Hutschnur“, sagte Bernhard in Richtung des Landesgesundheitsministeriums. Dort werden die Zuteilungen der Impfdosen an die Impfzentren vorgenommen. Dabei ist die Regelung für den Landkreis Böblingen nachteilig: Kreise mit mehr als 500 000 Einwohnern dürfen zwei Impfzentren betreiben und erhalten entsprechend mehr Impfstoff. Die Einwohnerzahl im Landkreis Böblingen lag zuletzt bei 385 888, weshalb nur ein KIZ zulässig ist und daher weniger Vakzine in den Kreis kommen. Bernhard fordert deshalb „Transparenz über die genauen Verteilungsquoten.“

Bis auf Weiteres erhalten die Impflinge in Sindelfingen das Vakzin von Biontech Pfizer, das eine 95-prozentige Wirksamkeit gegen das Coronavirus verspricht. Allerdings sei der Impfstoff von Astra Zeneca „in erklecklicher Menge“ angekündigt, sagt Bernhard. Dieser verspricht eine 70-prozentige Wirksamkeit und soll an Personen bis 65 Jahre verabreicht werden.

Die medizinische Leitung des Impfzentrums obliegt Martina Burchert-Graeve, Fachärztin für Labormedizin bei den Laborärzten Sindelfingen im Vogelhainweg. Sie betont ausdrücklich, die beiden Impfstoffe von Biontech und Astra Zeneca seien „gleichrangig“ zu betrachten. Der eine sei nicht besser oder schlechter als der andere.

Sechs Dosen zu 0,3 Millilistern

Der Biontech-Impfstoff verlangt eine extreme Tiefkühlung bei minus 70 bis minus 80 Grad, da die kostbaren mRNA-Sequenzen in sogenannten Lipid-Hüllen enthalten sind. Würde das Vakzin beim Transport zu sehr geschüttelt, könnten die Hüllen brechen und die Wirksamkeit wäre beeinträchtigt oder gar ganz dahin. Burchert-Graeve: „Die Dosen werden für den Transport mit Trockeneis gekühlt und in Thermobehältern vergleichbar mit einer Pizzabox angeliefert.“ Am Tag vor der Verabreichung kommen sie allerdings in einen großen Kühlschrank, in dem sie auf eine Kühlschranktemperatur zwischen drei und acht Grad aufgetaut werden. „Dann sind sie bis zu fünf Tage haltbar“, sagt die Ärztin.

Beim Aufziehen der Dosen ist höchste Präzision gefragt. Eine Ampulle Biontech-Vakzin enthält tatsächlich nur 0,35 Milliliter des kostbaren Wirkstoffs. „Dieser wird dann vor Ort vorsichtig mit 1,8 Milliliter Kochsalzlösung verdünnt“, sagt Martina Burchert-Graeve. Heraus kommen 2,15 Milliliter fertige Impflösung, aus der dann sechs Impfdosen von jeweils 0,3 Millilitern gewonnen werden.

Gemeinsam mit den Helfern von Rotem Kreuz, DLRG, der Initiative Helfen statt Hamstern, Messe Sindelfingen, Landratsamt und Ärzten, die sich freiwillig gemeldet haben, startet nun der stationäre Impfbetrieb. „Ich habe selbst miterlebt, wie schwierig dies zum Teil sein kann. Für einen einzelnen Impftermin mussten wir es in einem Einzelfall vier Tage lang probieren“, sagt DRK-Präsident Michael Steindorfner. Außerdem bietet das Rote Kreuz einen Fahrdienst zum Impfzentrum für Bedürftige an und eine zusätzliche Impf-Hotline. „Insgesamt 95 DRK-Helfer sind hier im Einsatz und das, obwohl wir ja auch bei den Testzentren im Einsatz sind“, hebt Steindorfner das Engagement des Roten Kreuzes hervor.

Bald mehr Impfstoff aus neuem Werk in Magdeburg

Burchert-Graeve kann sich vorstellen, bis Ende März auf einen Vollbetrieb hochfahren zu können. Dann soll endlich ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen. „Biontech hat kürzlich sein Werk in Marburg eröffnet, es besteht die Hoffnung, dass die ersten Vakzine dann in vier Wochen produziert sind“, sagt die Laborärztin. Bis dahin soll aber noch eine große Menge Astra-Zeneca-Impfstoff eintreffen, so sei es zumindest angekündigt. Und auch der mRNA-Impfstoff von Curevac aus Tübingen könnte bald dazukommen.

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