Eine beispiellose Infektionswelle trifft auf eine angespannte Versorgungslage bei Arzneimitteln. Apotheker im Kreis Göppingen schlagen Alarm. Schmerz- und Fiebersäfte sind ein rares Gut. Die Lage sei katastrophal für ein Industrieland wie Deutschland.
Wenn während des Apotheken-Notdienstes eine Mutter mit einem hoch fiebernden Säugling vor der Tür steht, kann es sein, dass Bernhardus Gropper ein Problem hat. Schmerz- und Fiebersäfte sind derzeit ein rares Gut. Lieferengpässe bei Arzneimitteln treffen auf eine beispiellose Infektionswelle im Land, die Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken an den Rand des Machbaren bringt. „Die Lage ist katastrophal für ein Industrieland wie Deutschland“, sagt Gropper, der Inhaber der Schloss-Apotheke in Donzdorf.
Die Not macht erfinderisch: „In vielen Bereichen behelfen wir uns“, sagt der Apotheker. Die Medikamente werden in anderer Stärke ausgegeben oder von einem anderen Hersteller mit identischer Zusammensetzung. Die Kunden seien vorinformiert und zögen gut mit, sagt Gropper. Problem sei jedoch manchmal das Verständnis, nicht nur, was Sprachbarrieren betrifft. Schließlich gehe es um Medikamente, die – falsch eingenommen – schlimme Folgen haben können. „Das Ganze ist wahnsinnig nervig und zeitaufwendig“, fasst Gropper zusammen. Auch, weil er das ohnehin durch Krankheit dezimierte Personal auch noch stundenweise abziehen muss, um für Notfälle Fiebersäfte im Labor selbst herzustellen.
Schmerztabletten für größere, Fiebersaft für kleinere Kinder
Weil gerade hier der Mangel besonders groß ist, habe er Kinderärzte gebeten, bei größeren Kindern Schmerztabletten aufzuschreiben, die man auflösen könne. „Dann haben wir die Zäpfchen und Säfte für die ganz Kleinen.“ Dafür plädiert auch Philipp Wälde, Inhaber der Bless-You-Apotheken und Vorstandsmitglied in der Landesapothekerkammer. Granulat, halbe Tabletten, Brausetabletten – „die Kunden haben Verständnis für diese Alternativen“, sagt Wälde. Und wenn jemand hamstern will? „Das machen wir nicht“, betont der Apotheker. Derzeit fehlten mehr als 500 Medikamente, da müsse für jeden eines reichen. Die Not sei groß, seit Jahren im Übrigen auch bei Krebsmedikamenten, verdeutlicht Wälde und appelliert wie Gropper an die Vernunft: „Ein Kind mit 38 Fieber und einer Rotznase braucht nicht zum Arzt und keinen Fiebersaft. Da müssen jetzt alle mithelfen“, sagen die Apotheker und erinnern an Wadenwickel.
Die Alb-Fils-Kliniken spüren die Mangellage weniger: „Wir haben, was die Medikamentenversorgung anbelangt, punktuelle Engpässe, die sich aber auf die medizinische Versorgung unserer Patientinnen und Patienten nicht negativ auswirken. Dies gilt auch für die Versorgung in der Kinderklinik. Alles, was medizinisch notwendig ist, steht aktuell zur Verfügung“, berichtet Pressesprecherin Ulrike Fischer.
„Was wir an Fiebersaft kriegen, ist in gefühlt einer Minute weg“, seufzt Galyna Haar, die Inhaberin der Geislinger Wölk-Apotheke und der Apotheke im Nel Mezzo. Dabei habe sie einen großen Vorrat an Fiebersaft und Zäpfchen angelegt gehabt, „aber die Leute kamen aus Ulm, Stuttgart, Göppingen auf der Suche danach“.
Kein Verlass mehr auf Lieferungen
Inzwischen erhielten Apotheken nur noch kleine Mengen und diese nicht mal verlässlich jeden Tag. „Das ist eine Katastrophe“, sagt die Apothekerin. Eigentlich, sagt sie, könne sie den Saft auch selber herstellen, „aber das dauert viel zu lange – nicht wegen der Herstellung selbst, aber weil uns das Personal dafür fehlt, und auch, weil die vorgeschriebene Dokumentation für eine Herstellung sehr zeitaufwendig ist“.
Einen Online-Medikamentenflohmarkt sieht Galyna Haar ausgesprochen negativ. „Das könnte unter Umständen gefährlich sein“, betont sie. Bei falscher Lagerung, etwa in der Sonne, sei es möglich, dass Medikamente wirkungslos oder sogar giftig werden. „Aus diesem Grund dürfen Apotheken ja auch keine Medikamente zurücknehmen.“ Wälde sieht das genauso: „Für einen solchen Aufruf habe ich null Verständnis.“
Eine Katastrophe – das ist auch das Wort, das Nadine Mollenkopf, der Inhaberin der Cosmas Apotheke in Kuchen, zur augenblicklichen Situation einfällt. „Von Fiebersaft erhält man nur noch einzelne Fläschchen, mein Vorrat an Fieberzäpfchen ist gleich null“, sagt sie. Für Kinder ab sechs Jahren und mindestens 20 Kilo nimmt sie inzwischen Paracetamol-Brausetabletten und teilt oder dosiert diese entsprechend um. Oder sie schlägt ihren Kunden die Direktgranulate von Ibuprofen 200 vor, die für ältere Kinder erlaubt seien. Das mache sie alles, weil sie die wenigen Säfte, die sie noch bekommt, „möglichst für Kleinkinder zurückhalten will“.
Aber auch diese Fiebermittel für Erwachsene werden langsam knapp, hat sie festgestellt. Entsprechend unwohl wird ihr deshalb beim Gedanken an den am heutigen Freitag bevorstehenden Notdienst.