Nur das Klingelschild weist auf die Notunterkunft in der Esslinger Altstadt hin. Foto: /e Hauptmann

Im Kreis Esslingen wird es zunehmend schwerer, geeignete Unterkünfte für jugendliche Asylsuchende zu finden. Die freien Träger sind am Limit. Die Kreisverwaltung hat daher eine eigene Notunterkunft in Esslingen geschaffen. Weitere könnten folgen.

Wenn Asylsuchende unter 18 Jahren ohne einen Erziehungsberechtigten nach Deutschland einreisen, dürfen sie von den Behörden nicht wie Erwachsene behandelt werden. Das hat mit den gesetzlichen Vorgaben zum Kinderschutz zu tun. Vorgeschrieben ist eine Unterbringung in vollstationären Einrichtungen oder sozialpädagogisch betreuten Wohnformen. Den Landkreis Esslingen stellt das zunehmend vor Probleme. Denn es kommen immer mehr unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) – 118 sind es in diesem Jahr.

 

Schon jetzt sei die Unterbringung junger Geflüchteter in den Einrichtungen der freien Jugendhilfe „an ihrer Kapazitätsgrenze“, schilderte Landrat Heinz Eininger unlängst im Jugendhilfeausschuss des Kreistags den Ernst der Lage. Das liege vor allem am Personalmangel, aber auch an fehlenden Räumlichkeiten. „Pragmatische Lösungen“ sind laut Eininger das Gebot der Stunde. Eine sieht beispielsweise so aus: Der Landkreis hat für die UMA in der Esslinger Altstadt eine Notunterkunft mit 50 Plätzen geschaffen, die er in eigener Regie betreibt. Das Gebäude in der Hirschstraße steht seit Ende September für die Inobhutnahme der Minderjährigen zur Verfügung.

Es ist aber nicht für eine längerfristige Unterbringung junger Geflüchteter ausgelegt, erläutert Alexandra Nießen, die Sachgebietsleiterin im Amt für Soziale Dienste und Psychologische Beratung für Esslingen und Plochingen des Landratsamtes. Vielmehr fungiere die Einrichtung als „Verteilstelle“: Die zwischen 16 und 18 Jahre alten Jugendlichen bleiben nur so lange im Übergangswohnen, bis für sie ein regulärer Betreuungsplatz gefunden ist. Derzeit stehen im Landkreis rund 76 stationäre Wohngruppen für bis zu 576 Kinder und Jugendliche bereit. Schon jetzt beträgt der Anteil der UMA an der Gesamtbelegung in den Wohngruppen über 30 Prozent.

Betreuung durch pädagogische Kräfte

Die Unterkunft in der Esslinger Altstadt ist in ihrer Art Neuland. „Der Betrieb ist gut und ruhig angelaufen“, zieht der Leiter der Arbeitsgruppe Übergangswohnen, Christoph Feuerstack, ein erstes Fazit. Die 50 Jungen wohnen, verteilt auf zwei Etagen, in schlicht gehaltenen Zimmern mit zwei bis sechs Betten. Sie teilen sich Küche und Sanitärbereiche. In dem Gebäude stehen zudem Gemeinschaftsräume zur Verfügung. Dort finden zum Beispiel Deutschkurse und andere Angebote statt. Betreut werden die Jugendlichen von pädagogischen Fachkräften des Kreises, die unter der Woche von 8 bis 18 Uhr und an den Wochenenden von 10 bis 18 Uhr vor Ort sind. Ein Sicherheitsdienst ist rund um die Uhr im Einsatz. Besucher sind nicht erlaubt.

Feuerstack legt Wert auf eine feste Tagesstruktur: Um 8 Uhr werden alle geweckt, damit sie die Schule und Weiterbildungsmaßnahmen besuchen oder Termine bei Ämtern und Behörden erledigen können. Zwischen 12.30 und 14 Uhr steht das Mittagessen auf dem Plan – die Versorgung hat ein Caterer übernommen. Der Nachmittag steht allen Bewohnern zur freien Verfügung. Und um 22 Uhr ist Bettruhe. Das Zusammenleben sei zwar nicht immer einfach, aber es funktioniere recht gut, betont der Sozialpädagoge. „Die jungen Leute sind sehr motiviert, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen.“

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die unabhängig von der festgelegten Zuteilungsquote direkt im Landkreis Esslingen ankommen, steigt unaufhörlich. „Im Schnitt sind es zwei bis drei Jugendliche pro Woche “, berichtet Nießen. Sie werden zumeist am Flughafen, an den Bahnhöfen oder auf den Autobahnrastplätzen von der Polizei aufgegriffen. Derzeit befinden sich 236 UMA in der vorläufigen Obhut des Kreises, darunter sind nur drei Mädchen. Sie stammen zum großen Teil aus Afghanistan, Syrien, der Türkei und afrikanischen Ländern. Aus der Ukraine sind es 16 Jugendliche.

Rund zwei Drittel der UMA sind augenscheinlich minderjährig. Das tatsächliche Alter ist schwerlich zu belegen: Ausweispapiere haben die wenigsten dabei. Ein Drittel hat das 18. Lebensjahr wohl knapp überschritten, bleibt aber vorerst noch in der Betreuung. Immer wieder kommt es auch vor, dass junge Unbegleitete bei der Angabe ihres Alters schwindeln. „Solche Fälle sind aber die Ausnahme“, betont Nießen. Bei elf Neuankömmlingen habe man in diesem Jahr das Verfahren zur medizinischen Altersfeststellung beantragt. Erst zwei Ergebnisse liegen vor – den zwei jungen Männern wurde die Volljährigkeit bescheinigt.

Das Gebäude in der Hirschstraße hat der Landkreis für mehrere Jahre angemietet. „Wir gehen davon aus, dass wir die Unterkunft noch lange brauchen werden“, räumt Nießen ein. Auch der Landrat hat die Kreisräte auf schwierige Zeiten eingeschworen: Schon heute sei „absehbar, dass die Kapazitäten zur Unterbringung von UMA auch künftig nicht ausreichen werden“, so Eininger. Mit Nachdruck suche die Kreisverwaltung daher nach geeigneten Immobilien, um schnellstmöglich eine zweite Einrichtung als Notunterkunft vorzubereiten.

Daten zur Flüchtlingssituation im Kreis Esslingen

Anzahl
Seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 haben der Landkreis Esslingen und seine 44 Städte und Gemeinden bis Mitte November rund 11 400 Flüchtlinge aus allen Krisengebieten dieser Welt aufgenommen. Das ist deutlich mehr, als bei den großen Flüchtlingswellen in den Jahren 2015 und 2016 zusammengenommen – da waren es insgesamt rund 7500. Allein aus der Ukraine kamen nach Angaben des Landratsamts bislang rund 8550 Personen in den Kreis.

Herkunft
Die Zugangszahlen aus der Ukraine sind inzwischen deutlich rückläufig. Die Hauptherkunftsländer der nun ankommenden Flüchtlinge sind Syrien (plus 66,1 Prozent mehr Erstanträge gegenüber dem Vorjahr), die Türkei (plus 200,2 Prozent) und Afghanistan (plus 65,9 Prozent).

Unterbringung
Zur vorläufigen Unterbringung Geflüchteter stehen im Landkreis Esslingen gegenwärtig 30 Gemeinschaftsunterkünfte in 20 Kommunen zur Verfügung. Es stehen rund 2500 Plätze zur Verfügung. Belegt sind sie überwiegend mit nicht ukrainischen Flüchtlingen.