Acht Jahre lang war Reinhard Hackl der Beauftragte für Menschen mit Behinderung im Landkreis Böblingen. Mit seinem Einsatz für Barrierefreiheit und Inklusion kann er zufrieden sein, aber eine Sache vermisst er: „Die Haltung der Menschen muss sich ändern.“
Mit 63 Jahren ist für Reinhard Hackl Schluss. Der Behindertenbeauftragte des Landkreises Böblingen ist Anfang Februar in Rente gegangen. Seinen Schreibtisch im Landratsamt hat er bereits geräumt, den Schlüssel zum Büro zurückgegeben. Seit 2016 kümmerte sich Hackl um die Belange der Menschen mit Behinderung. Rund 28 300 Menschen gelten im Kreis Böblingen als schwerbehindert. Hackl hatte nicht nur mit den individuellen Problemen der Betroffenen zu tun, sondern kümmerte sich auch um Belange, die den Landkreis oder einzelne Gemeinden und Städte betrafen.
Hackl war 40 Jahre lang in diversen Ämtern im Landratsamt tätig. „Die Zeit als Behindertenbeauftragter war meine erfüllendste Zeit“, sagt er. „Ich konnte sehr kreativ sein und tatsächlich einige Verbesserungen für Menschen mit Behinderung erreichen.“ Allerdings habe er im Laufe der Jahre festgestellt, dass das Thema Menschen mit Behinderung und das Thema Barrierefreiheit noch nicht wirklich in den Köpfen aller Amts- und Verantwortungsträger angekommen ist. Es gebe zwar durchaus positive Beispiele wie in der Gemeinde Jettingen, aber es sei nicht überall gelungen.
Ein großes Thema ist die Barrierefreiheit
Trotzdem sei in den vergangenen Jahren viel erreicht worden. Ein wichtiges Projekt war laut Hackl der Mitmach-Barrierefrei-Wegweiser, die sogenannte Wheel-Map-App für den Landkreis Böblingen. Zentrales Element war dabei, dass über einen kreisweiten Kartierungswettbewerb Schülerinnen und Schüler einbezogen wurden: Jugendliche suchten gemeinsam mit alten und behinderten Menschen für eine Online-Karte rollstuhlgerechte und weniger rollstuhlgerechte Orte auf und kennzeichneten diese in der Handy-App. Am Schluss seien rund 800 Schüler an dem Projekt beteiligt gewesen, sagt Hackl.
Beteiligung war für Hackl schon immer ein wichtiges Thema in seiner Zeit als Behindertenbeauftragter. Zum Beispiel hat er eine Beteiligungsgruppe für den Neubau des Krankenhauses mit Menschen mit Behinderung ins Leben gerufen. „Wir haben dem Klinikverbund angeboten, wir schauen mal auf eure Pläne und sagen euch dann, was wir davon halten“, erzählt er. So habe man das Bauprojekt mit Menschen mit Behinderung begleitet.
Auch bei den barrierefreien Bushaltestellen ist man im Kreis Böblingen auf dem richtigen Weg, ein Erfolg, den sich Hackl auf die Fahnen schreiben kann. War bis vor acht Jahren nur eine von 50 Bushaltestellen im Landkreis barrierefrei, so sind mittlerweile knapp 40 Prozent der Haltestellen im Kreis rollstuhlgerecht. Jettingen hat bereits alle Haltestellen barrierefrei umgebaut und Herrenberg wird das im nächsten Jahr wohl auch umgesetzt haben. „Ich würde mir wünschen, dass ab und zu mal die ein oder andere Fraktion das Thema im Gemeinderat anspricht“, sagt Hackl. Manchmal brauche es auch einen Behindertenbeauftragten, damit eine Verwaltung merke, dass sie anders mit den Menschen kommunizieren müsse. „Ich habe einen Workshop für einfache Sprache veranstaltet“, erzählt Hackl. Teilweise hätten die Ämter ihre Schreiben daraufhin überarbeitet und in einfache Sprache übersetzt. So nehme man auch Konfliktstoff raus, sagt er. Denn es gebe kaum jemanden, der sich nicht schon mal über unverständliche Behördenschreiben geärgert hätte.
Es gibt noch viel zu tun
Ein Workshop, der Menschen mit Behinderung aufs Wählen vorbereitet, eine gelbe Parkzone vor dem Landratsamt für Menschen, die schlecht zu Fuß sind, aber nicht auf einem Behindertenparkplatz parken dürfen, oder das Projekt Kommunale Inklusionsvermittler (KIV), – also Ansprechpartner die zu Bildung, Wohnen, zum barrierefreien Bauen oder barrierefreien Veranstaltungen beraten – all diese Projekte hat Hackl mit auf den Weg gebracht.
Dennoch ist sich der 63-Jährige sicher, dass seinen beiden Nachfolgern die Arbeit nicht so schnell ausgehen wird. „Ich weiß, dass ich zwei sehr motivierte Nachfolger haben werde, und das macht mich ein bisschen froh“, sagt Hackl, der im Ruhestand ein wenig reisen will. Dafür hat er sich ein Wohnmobil gekauft. Nicht zu weit weg, aber einfach unterwegs sein, wolle er, solange es noch gehe. Denn der 63-Jährige ist gesundheitlich beeinträchtigt und braucht medizinische Versorgung in der Nähe. „Ich würde mir einfach wünschen, dass sich die Haltung der Menschen so verändert, dass Menschen mit Behinderung und ihre Themen wahrgenommen werden“, sagt Reinhard Hackl.
Fast 40 Jahre im Landratsamt
Vita
Reinhard Hackl ist am 22. Mai 1960 in Leonberg geboren. Nach dem Wirtschaftsgymnasium absolvierte er die Ausbildung für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Stuttgart und wechselte 1985 zum Landratsamt Böblingen. Nach Stationen in der Pressestelle, dem Umweltschutzamt, dem Kreisjugendamt und der Stabsstelle Sozialplanung und Controlling war Hackl seit 2016 Beauftragter des Landkreises für Menschen mit Behinderung.
Nachfolge
Lisa Zeller und Utz Mörbe übernehmen die Nachfolge von Reinhard Hackl. Zeller war zuletzt beim Inklusionsunternehmen 1a Zugang in der Projektleitung tätig. Mörbe ist Vorsitzender des Teilhabe-Beirats des Landkreises und arbeitete bisher bei Atrio und als als Co-Behindertenbeauftragter auf einer Inklusionsstelle.