Fahrzeuginterieur-Mechatroniker Foto: dpa/Daimler AG

Im Kreis gibt es keine Klasse für Fahrzeuginterieur-Mechatroniker. Der Landrat hatte das anders geplant.

Böblingen - Die Nachricht ist schlecht für den Landkreis Böblingen: Angehende Fahrzeuginterieur-Mechatroniker/-innen (bisher Fahrzeuginnenausstatter) werden auch weiterhin ausschließlich in der Kerschensteinerschule in Stuttgart ausgebildet. Ein Antrag des Landkreises Böblingen, die Landesfachklasse an die Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule 1 (GDS 1) zu holen, wurde vom Stuttgarter Regierungspräsidium und dem Kultusministerium nicht angenommen.

Ein Sprecher des Kultusministeriums sagt zu den Gründen: An der Kerschen­steinerschule gebe es die etablierten Fachlehrer, und die neuen Bereiche seien „nicht so umfangreich, dass sie zwangsläufig eine Verlagerung an einen anderen Standort mit dem Bereich Mechatronik wie zum Beispiel in Sindelfingen erfordern“. Für eine zusätzliche Klasse an der GDS I gibt es im Moment nicht genügend Auszubildende. So viel zur nüchternen Nachricht, deren Kommunikation allerdings einen gehörigen Wirbel ausgelöst hat.

Pressegespräch kurzfristig abgesagt

Das Landratsamt hatte für den vergangenen Montag zum Pressegespräch zu diesem neu geordneten Ausbildungsgang eingeladen. Alle Landtagsabgeordneten des Landkreises und Vertreter des Unternehmens Daimler waren ebenfalls eingeladen worden. Schon zuvor sprachen Beteiligte von einer „tollen Sache“; das Engagement des Autokonzerns ein ein Pfund, mit dem zu wuchern ist.

Dann wurde das Pressegespräch wegen der verschärften Pandemieregeln kurzfristig am Montag per Mail abgesagt, weitere Informationen dazu wurden nicht bekannt gegeben. Einen Tag darauf folgte dann doch eine Mail aus dem Landratsamt mit folgender Äußerung des Landrats Roland Bernhard (parteilos): „Ich bedaure, falls die Kultusministerin beim Ausbildungsgang Fahrzeuginterieurmechaniker/-in gegen den Standort Gottlieb-Daimler-Schule 1 entschieden haben sollte. Aber noch hat die Ministerin dem Landkreis Böblingen nicht offiziell geantwortet.“

CDU-Abgeordneter wusste Bescheid

Darüber hinaus wurde eine Pressemitteilung des CDU-Landtagsabgeordneten verlinkt: Paul Nemeth, der im Parlament den Wahlkreis Wahlkreis Böblingen-Sindelfingen-Schönbuch vertritt, hatte bereits am Freitagvormittag eine Pressemittelung verschickt und über die Entscheidung des Kultusministeriums informiert, nachzulesen auf der Homepage der CDU Ehningen. Paul Nemeth zeigte sich gegenüber unserer Zeitung verärgert. Die Informationen aus dem Kultusministerium, – dort ist die Entscheidung laut einem Sprecher in der vorigen Woche gefallen – seien zeitnah weitergegeben worden, auch ins Landratsamt.

Eine Sprecherin des Landrats sagte, dass die Mitteilung des CDU-Abgeordneten im Landratsamt nicht vorlag, als das Pressegespräch am Montag abgesagt wurde. Der Landrat habe er erst am Dienstagabend offiziell eine Antwort aus dem Kultusministerium bekommen. Seine Stellungnahme am Mittwoch zu dem Thema lautet: „Ich bin über die Entscheidung der Kultusministerin enttäuscht. Der Landkreis Böblingen ist wie kein anderer mit der Automobilbranche verbunden. Den Ausbildungsberuf hätten wir gerne in unser Konzept eines technischen Ausbildungszentrums integriert.“

Daimler: „Wir respektieren die Entscheidung.“

Es ist nicht zu klären, ob Nemeths Mitteilung im Landratsamt drei Tage unentdeckt blieb, nie ankam oder ignoriert wurde. Tatsache ist, dass es Roland Bernhard eine Herzenssache gewesen ist, diesen neugeordneten Ausbildungsgang in seinen Landkreis zu holen. Ein öffentlicher Auftritt mit Abgeordneten und Vertretern des Automobilkonzerns hätte möglicherweise den Fokus nochmal auf Böblingen/Sindelfingen legen können.

Bei Daimler gibt man sich diplomatisch. Eine Sprecherin teilte mit: „Wir sind davon überzeugt, dass die Gottlieb-Daimler-Schule 1 in Sindelfingen aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Bereich der Montageberufe beste Voraussetzungen bietet. An welcher Berufsschule der Theorieteil unserer Ausbildungsberufe vermittelt wird, legen die zuständigen Behörden fest. Diese Entscheidung respektieren wir.“ Kurzum: In welche Schule die Daimler-Azubis gehen, ist für den Konzern nicht entscheidend. Für ein Ausbildungszentrum zur Mobilität der Zukunft ist die Absage jedoch ein Rückschlag.

Fahrzeuginnenausstatter werden Fahrzeuginterieur-Mechatroniker

Bisher gab es den Beruf des Fahrzeuginnenausstatters, der Fahrzeuginnenausstatterin. Die Azubis kümmerten sich um die Fertigung von körpergerechten Sitzen, installierten und prüften elektrische sowie pneumatische Bauteile und kleideten den Innenraum mit Leder, Textilien und Kunststoffen aus. Fahrzeuginnenausstatter/-innen arbeiten bei großen Automobilherstellern oder bei Zulieferbetrieben. Die Fahrzeuginnenausstatter/-innen werden an der Kerschensteinerschule als Landesfachklasse geführt, das heißt, sie haben Blockunterricht. Zum bisherigen Schwerpunkt kommt nun noch der Bereich der Mechatronik dazu, der in der E-Mobilität an Bedeutung gewinnt. Der Kreis Böblingen hatte im Rahmen der regionalen Schulentwicklung an beruflichen Schulen einen Antrag auf Einrichtung einer Landesfachklasse gestellt.

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