Vorbildlich umgebaut: eine Haltestelle in Herrenberg-Mönchberg Foto: factum/Weise

Bis in vier Jahren müssen sämtliche Haltepunkte für Rollstuhlfahrer und blinde Menschen ausgebaut sein. Gerade einmal acht Prozent entsprechen bis jetzt den Vorschriften. Die Kommunen warten auf ein Förderprogramm.

Böblingen - Nur einen Bruchteil der Aufgabe haben die Kommunen im vergangenen Jahr erledigt: Von den 571 Bushaltestellen im Kreis Böblingen sind bisher 47 barrierefrei. Das entspricht einem Anteil von acht Prozent. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Nach dem neuen Personenbeförderungsgesetz müssen die Haltestellen bis zum 1. Januar 2022 für Rollstuhlfahrer und blinde Menschen umgebaut sein. „Die Kommunen sind der Aufgabe nicht mit allzu großer Priorität nachgekommen“, kommentierte der SPD-Kreisrat Peter Pfitzenmaier den Bericht des Landratsamts jüngst in einer Kreistagssitzung. Sein CDU-Kollege Claus-Peter Unger betonte dagegen, dass sich der Kreis aus den Aufgaben der Städte und Gemeinden heraushalten solle. „Ich brauche auch das Geld dazu“, sagte Ehningens Bürgermeister.

Bis zum Stichtag nur 26 Prozent der Haltestellen umgebaut

Für die von der SPD beantragte Umfrage lieferten 21 von den 26 Kreiskommunen Zahlen. Denn sie sind größtenteils für das Thema zuständig. Das Umbauprogramm baut auf einem sehr niedrigen Niveau auf: Im Frühjahr 2017 waren erst ein Dutzend Haltestellen barrierefrei, was zwei Prozent entspricht, am Jahresende waren es dann immerhin 47. In diesem Jahr ist der Umbau von 27 Stationen vorgesehen. Zwischen 2019 und 2021 kommen weitere 73 an die Reihe. Allerdings wäre bei diesem Tempo bis zum Stichtag lediglich ein Gesamtwert von 26 Prozent erreicht. Als „weit weg vom Ziel“ bezeichnete der SPD-Kreisrat Manfred Ruckh den Plan. Und 25 Haltestellen können nach Ansicht der Verwaltungen gar nicht barrierefrei gestaltet werden.

„Es ist Bewegung drin“, befand dagegen der Landrat Roland Bernhard. Die Kommunen dürften nicht überfordert werden, schließlich gehe es um viel Geld. Um eine Haltestelle barrierefrei zu machen, muss der Bordstein mindestens 18 Zentimeter hoch sein. Ein Blindenleitsystem, ausreichend Manövrierfläche für Rollstuhlfahrer und ein weitgehend stufenloser Zugang zu der Haltestelle zählen außerdem zu den Vorschriften. Einige Kommunen haben in der Umfrage angegeben, einen Zeitplan zu haben, was Claus-Peter Unger für Ehningen bestätigte. Andere wollen Straßensanierungen zum Anlass für den Haltestellenumbau nutzen. Und wieder andere warten erst einmal ab. „Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht“, erklärte Gäufeldens Bürgermeister Johannes Buchter: „Oft gibt es am Schluss plötzlich noch Mittel, wenn das Programm nicht gut läuft“, sagte der Kreisrat von den Grünen.

Rollstuhlfahrer haben mehr von abgesenkten Bordsteinen

Jürgen Hall vom Verein für Körperbehinderte im Kreis Böblingen findet, das Geld könnte sinnvoller investiert werden. „Der Witz ist: Die Bushaltestelle ist umgebaut, aber der Bordstein ist nicht abgesenkt, und man kommt nicht hinunter“, sagt der Vorsitzende. Gerade bei den Bordsteinen sieht er großen Nachholbedarf. Seiner Erfahrung nach nutzen Rollstuhlfahrer sowieso kaum den öffentlichen Bus. „Das ist nur ein geringer Prozentsatz, der sich so bewegen kann“, sagt er. Wer selbstständig genug sei, lege sich außerdem meistens einen Elektrorollstuhl zu – und der passe wiederum nicht in einen normalen Bus. Die große Mehrheit nutzt die Fahrdienste, etwa des Deutschen Roten Kreuzes.

Für blinde Menschen sei das Leitsystem allerdings eine große Hilfe, sagt Jürgen Hall. Und die Barrierefreiheit der Haltestellen sei besonders für die zunehmende Zahl an Senioren, die mit Rollatoren unterwegs sind, sinnvoll.

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