Die Kryotherapie ist eine Behandlungsoption bei Krebs, die unter anderem am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart angeboten wird. Dabei wird Gas über dünne Nadeln in den Körper geleitet, auf minus 40 Grad heruntergekühlt – und der Tumor vereist.
Christian B. (Name geändert) ist krebskrank. Ein Gendefekt führt bei dem 51-Jährigen immer wieder dazu, dass sich bösartige Tumoren in seinen Nieren bilden. Die Folge: Operationen, Chemotherapien, Entfernung einer Niere – eine Belastung für Körper und Psyche. Nun ist erneut ein Tumor gewachsen.
Was tun? Wieder eine OP? Mit dem Risiko, auch die zweite Niere zu verlieren? Nach umfassender Beratung entscheidet sich der Saarländer für die sogenannte Kryotherapie – ein Verfahren, bei dem Krebs mit extremer Kälte der Kampf angesagt wird.
Der Patient ist nur leicht sediert
Christian B. liegt auf dem Bauch auf einer Liege. Um ihn herum stehen Monitore und zwei mannshohe Gasflaschen. Der Eingriff findet aber nicht im OP-Saal statt, es wird ja nicht geschnitten, sondern in der Radiologe, genauer: im Untersuchungsraum der Computertomografie (CT) am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart.
Zur Beruhigung, und damit er sich möglichst wenig bewegt, ist der Patient leicht sediert, aber bei Bewusstsein. Eine starke Narkose braucht es nicht. „Diese Therapieform ist schmerzarm“, sagt Alexander Maßmann, Chefarzt der Abteilung für Radiologie und Nuklearmedizin am RBK. Unter ständiger CT-Kontrolle führt Maßmann nun eine spezielle, ganz dünne Punktionsnadel durch die Haut in den Tumor ein – absolute Präzisionsarbeit. Denn gesundes Gewebe darf nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. „Wir planen daher zuvor ganz genau, welchen Weg wir gehen müssen, um keine Blutbahnen oder Organe zu verletzen“, erklärt Maßmann. Die millimetergenaue Vorarbeit kann bis zu zwei Stunden dauern. „Der Eingriff selbst braucht weniger Zeit“, sagt der Radiologe.
Als die Nadel bei Christian B. richtig platziert ist, wird aus den Kartuschen Argongas eingeleitet. „Die Sondenspitze wird extrem heruntergekühlt“, erklärt Maßmann – zweimal je 15 Minuten lang. Bei minus 40 Grad bildet sich an der Thermonadel eine Art Eisball: „Die Tumorzellen werden so ganz gezielt zerstört.“ Währenddessen überprüfen der Mediziner und sein Team ständig über die Monitore, ob alles passt: Nach weniger als einer Stunde ist es vorbei.
Der Klinikaufenthalt ist kurz
„Eigentlich könnte der Patient nun nach Hause gehen. Viele merken gar nicht, dass überhaupt ein Eingriff stattgefunden hat.“ Zur Beobachtung wird Christian B. aber noch zwei Tage in der Klinik bleiben.
Neu sei die „komfortable und schonende Therapieform“ nicht, sagt Maßmann: „Die Grundlagen wurden in den 80er Jahren gelegt.“ Inzwischen haben sich die bildgebenden Verfahren, die dafür notwendig sind, aber deutlich verbessert und verfeinert. Klar sei: „Der minimalinvasive Eingriff ist weniger belastend für den Körper und mit weniger Nebenwirkungen verbunden als eine große OP.“
Er verursache kaum Schmerzen. Es komme auch zu deutlich weniger Problemen bei der Wundheilung, schließlich ist die Wunde winzig, es fließt kaum Blut. Zudem sei kein langer Klinikaufenthalt nötig. Vor allem für Ältere und Patienten mit schweren Begleiterkrankungen komme die Vereisung somit als Behandlungsmethode infrage. „Sie eignet sich allerdings nur für abgegrenzte und relativ kleine, weniger aggressive Tumore“, schränkt Maßmann ein.
Die Therapieoption ist kein Standard
Die Kryotherapie wird von den Kassen oft bezahlt, trotz so mancher Vorteile gehört sie aber nicht zum Standardprogramm. Nur wenige Kliniken bieten sie bisher an. In Baden-Württemberg etwa das RBK, in Bayern unter anderem das Uniklinikum Augsburg und das Klinikum rechts der Isar in München. „Eine Anwendung ist immer Abwägungssache“, dämpft Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum, zu hohe Erwartungen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei davon auszugehen, dass die Tumorkontrolle „nicht ganz so gut ist wie bei operativen Therapien“, so die Medizinerin.
Klinische Studien, die beide Methoden direkt miteinander vergleichen, liegen nicht vor. „Die bisherigen Daten für die Kryotherapie weisen jedoch auf ein etwas höheres Risiko hin, dass Nierentumoren wiederkehren“, erklärt Weg-Remers. Nach einer Tumorvereisung sei daher eine noch engmaschigere Kontrolle nötig. Es gebe in der Krebsforschung und Krebsbehandlung ständig Entwicklungen: „Die Kryotherapie ist aber keine Wunderwaffe.“ In besonderen Situationen, etwa bei Patienten, denen bereits eine Niere entfernt wurde, könne sie jedoch sinnvoll sein.
So etwa kürzlich bei einem Patienten am RBK, den die Ärzte fast aufgegeben hatten. Der ältere Herr hatte wie Christian B. ein Nierenkarzinom: „Den recht großen, bereits in einer anderen Klinik anoperierten Tumor haben wir mit sieben Nadeln vereist“, erzählt Alexander Maßmann – ein Eingriff mit so vielen Sonden war zuvor deutschlandweit nur dreimal angegangen worden. Nun ist der Tumor entfernt. „Sollte er nachwachsen, kann man erneut vereisen“, sagt Maßmann. Überhaupt ist der Arzt zuversichtlich: „Bildgebende Verfahren können nicht nur zur Diagnosefindung dienen, sondern sind immer häufiger für aktive Behandlungsmethoden nutzbar.“ Nicht nur bei Nierenkrebs.
Tumore kann man vereisen – aber auch mit Hitze behandeln
Kryotherapie
Das Wort „kryo“ kommt aus dem Griechischen, es bedeutet „kalt“. Die Kryotherapie bezeichnet eine Behandlung, bei der Kälte zum Einsatz kommt. Bei dem minimalinvasiven Eingriff in der Krebstherapie werden dünne, innen hohle Nadeln durch die Haut gestochen, direkt am Tumor platziert und darüber Argon eingeleitet. Dieses kühlt extrem ab, bei etwa minus 40 Grad werden die Tumorzellen abgetötet. An der Nadelaußenseite wird es teils bis zu minus 110 Grad kalt.
Tumore
Behandelt werden könnten alle Tumorarten. Derzeit kommt die Methode vor allem bei Nieren-, Leber- und Lungentumoren zum Einsatz. Diese müssen aber deutlich abgegrenzt und sollten nicht größer als fünf Zentimeter sein.
Hitze
Gegen Tumorgewebe kann in ähnlicher Weise auch mit Hitze vorgegangen werden. Es wird bei der Thermotherapie bei etwa 45 Grad quasi „verkocht“.