Krebsdiagnosen bei Kindern sind ein Schock. Eine schnelle und optimale medizinische Versorgung ist überlebenswichtig. Doch für pharmazeutische Unternehmen spielt die Entwicklung neuartiger Therapien kaum eine Rolle. Heidelberger Forscher sind dabei, dies zu ändern.
– Wenn Amelie zeigen möchte, wie lange es bis zu ihrer Genesung gedauert hat, holt sie ihre Perlenkette hervor: Ein bunter Mix an Smileys, Glitzersteinen und marmorierten Kugeln – für jede therapeutische Maßnahme, jeden Piks, jede Chemotherapie gab es eine bestimmte Perle, erklärt die Jugendliche.
Mutmacher werden diese Ketten auf den Kinderkrebsstationen genannt. Amelies Kette misst mehr als zwei Meter. Sie erinnert sich noch gut daran, wann sie jene dicke grüne Perle oder jene orangene erhalten hat – damals vor neun Jahren, als das Mädchen wegen eines aggressiven Neuroblastoms auf der Kinderkrebsstation am Universitätsklinikum Heidelberg und am Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg (KiTZ) behandelt wurde und es lange nicht klar war, ob sie diese Erkrankung überleben wird.
Ihre Geschichte zeigt, wie herausfordernd der Kampf gegen Krebserkrankungen im Kindesalter ist. „Krebs bei Kindern ist zum Glück insgesamt selten“, sagt Stefan Pfister, Direktor des KiTZ. Jedes Jahr gibt es rund 2000 Neuerkrankungen in Deutschland. Zum Vergleich: Im Erwachsenenalter sind es im gleichen Zeitraum bundesweit 500 000 Krebsdiagnosen.
Neuroblastome gehören zu den häufigsten Tumore
Doch da kindliche Tumore bei Erwachsenen fast gar nicht vorkommen, haben sie bezüglich der Entwicklung von spezifischen Therapien und Medikamenten keine Bedeutung. „Für Onkologen ist es ungleich schwerer, eine Therapie zu finden, die auf die Biologie des Tumors eines Kindes abgestimmt ist. Der Markt ist zu klein, sodass sich für die pharmazeutischen Unternehmen eine gezielte Entwicklung für Kinder nicht lohnt“, so Pfister.
Bei Neuroblastomen, der Tumorart, die auch Amelie hatte, ist der Kampf besonders schwer: Sie gehören zu den häufigsten Tumoren bei Kleinkindern und Säuglingen – 90 Prozent der Patientinnen und Patienten sind jünger als sechs Jahre, der Altersdurchschnitt bei Diagnosestellung liegt bei 14 Monaten. Sie treten im Bereich der Nebennieren auf oder entlang der Wirbelsäule im Hals, Brustkorb oder Bauchbereich, und sie beeinflussen das sympathische Nervensystems, das etwa die Herz-Kreislauf-Funktion, Blasen- und Darmtätigkeit und den Energiestoffwechsel steuert.
Eltern dachten erst an Wachstumsschmerzen
Für Amelie begann die Krankheit mit Verdauungsproblemen. Sie ging ungern aufs Klo, sagte der Vater. Später kamen Schmerzen in den Beinen hinzu. „Vielleicht das Wachstum“, sagten sich die Eltern. Als die Schmerzen aber so schlimm wurden, dass die damals Fünfjährige nicht aufstehen mochte, sie nachts anfing stark zu schwitzen und sie auch körperlich abbaute, gingen die Eltern mit ihr zum Arzt. Der überwies sie in die Kinderonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg: „Plötzlich nahm alles seinen Lauf – und wir mussten zusehen, wie wir als Familie damit klarkommen“, erzählt der Vater.
Eine Besonderheit von Neuroblastomen ist ihr extrem unterschiedlicher Krankheitsverlauf: In einigen Fällen bildet sich der Tumor ohne jegliche Therapie komplett zurück. Bei einem weiteren Teil der jungen Patienten gelingt es, die aggressive Verlaufsform zu stoppen – meist mit der etablierten Kombination aus Chemo- und Strahlentherapie, der operativen Entfernung des bösartigen Gewebes und einer Stammzellentransplantation. Bei der Hälfte der Patienten kann jedoch auch eine hochintensive Therapie ein aggressives Wachstum nicht verhindern.
So erinnert sich Amelies Vater noch gut an ein Mädchen, dass eine Zeit lang im selben Zimmer untergebracht war wie die eigene Tochter. Sie war im selben Alter und ebenfalls an einem Neuroblastom erkrankt. Nur bei ihr schlug die Therapie nicht so an wie erhofft. Es gibt ein Foto von den beiden Mädchen, das aufgenommen wurde, als die beiden auf Bobbycars in voller Fahrt durch den Krankenhausflur geflitzt sind. „Da fragt man sich, warum funktioniert es bei der einen und bei der anderen nicht?“, so der Vater.
Tumore entstehen während der Schwangerschaft
Welches der erkrankten Kinder zu welcher Gruppe gehört, lässt sich für Experten bislang schwer vorhersehen: „Es gibt kein international anerkanntes einheitliches Verfahren, um Hochrisikopatienten bei der Erstdiagnose zuverlässig von denen mit einem günstigen Krankheitsverlauf zu unterscheiden“, so Frank Westermann, Forschungsgruppenleiter für Neuroblastome am KiTZ und am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ).
Das wollen die Wissenschaftler ändern: Am KiTZ und dem DKFZ hat man sich schon mit der Entwicklung der Kinder im Mutterleib befasst – und herausgefunden, dass die meisten Neuroblastome unabhängig vom späteren klinischen Verlauf vermutlich bereits im ersten Trimester der Schwangerschaft entstehen. Bereits zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich auch, ob sie sich später spontan zurückbilden oder aggressiv voranschreiten. „Anhand der Entstehungsgeschichte der Krebszellen lassen sich dann auch Prognosen zum Krankheitsverlauf treffen“, sagt Westermann.
Die Forscher entwickelten hierfür ein mathematisches Modell. Bei Kindern mit Neuroblastomen könnte eine genaue Analyse des Tumorgenoms vor Therapiebeginn dabei helfen, junge Hochrisikopatienten von Kindern zu unterscheiden, die gar keine Therapie benötigen. „Im Idealfall würden wir allen Kindern mit einer Neuroblastom-Diagnose noch vor Therapiebeginn zuerst eine Probe entnehmen, diese analysieren und nach etwa zwei bis drei Wochen eine individuelle Therapieempfehlung geben können“, sagt Westermann. „Wir propagieren eine umfassende Tumorgenom-Analyse, das für die betroffenen Kinder eine präzisere und damit auch nebenwirkungsärmere Therapie ermöglichen würde.“ Dazu müsste aber unter anderem die Kostenübernahme einer solchen Analyse flächendeckend geklärt werden.
Forscher drehen Tumore den Hahn ab
Die Forscher suchen gleichzeitig aber auch nach Lösungen für jene Fälle, bei denen aktuelle Therapien wie Chemo-, Radio- oder Stammzellentherapie nicht greifen: „Wir haben festgestellt, dass eine bestimmte Aminosäure namens Cystein eine wichtige Rolle für das Wachstum der Tumore spielt“, sagt Westermann. Zudem braucht der Tumor die Aminosäure auch als Selbstschutz – um sich gegen giftige Moleküle zu wappnen. Nun versuchen Forscher die Aufnahme dieser Aminosäure zu unterbinden und auch den Tumor daran zu hindern, diese selbst herzustellen. Dann – so haben es Laborversuche gezeigt – leiten Krebszellen ihre Selbstzerstörung ein. Die Tumoren schrumpfen. Ob sich das Prinzip in der Therapie von Patienten bewährt, muss weiter getestet werden.
Wie wichtig diese Entwicklungen sind, belegen die Schilderungen von Amelies Familie, die sich noch allzu gut an die kräftezehrenden Behandlungen des Mädchens erinnert: Sie erhielt Chemotherapien, wurde bestrahlt, operiert und unterzog sich zusätzlich einer Immuntherapie. „Wir können von Glück sagen, dass Amelie dies alles ohne große gesundheitliche Folgen weggesteckt hat“, sagt der Vater.
Eltern versuchen ein gewisses Maß an Normalität zu erhalten
Was der Familie half, den Therapie-Marathon auch seelisch zu verarbeiten, waren Routinen: das gemeinsame Frühstück im Krankenhaus mit Amelie und ihrem kleinen Bruder, bevor der Junge in die Kita im Krankenhaus und ein Elternteil zur Arbeit ging. In der Zeit zwischen den Klinikaufenthalten organisierten befreundete Familien Spielenachmittage. Sie hielten penibel Hygieneregeln ein, damit Amelie trotz ihrer schwachen Immunabwehr ihren Freundeskreis sehen konnte. „So haben wir uns ein gewisses Maß an Normalität erhalten.“
Amelie ist nun 14 Jahre alt. Sie hat die „Challenge“, wie sie ihren zwei Jahre dauernden Kampf gegen Krebs nennt, für sich entschieden. In den Kontrolluntersuchungen, die sie zweimal pro Jahr in Heidelberg absolvieren muss, ist der Tumor nicht mehr nachweisbar. Deshalb konnte sie jetzt endlich die große Perle, die das Ende der Krebstherapie signalisiert, als letztes Glied auf ihre Mutmacher-Kette auffädeln.