Der 20-jährige Sebastian aus Plieningen kämpft gegen eine akute lymphatische Leukämie und berichtet bei Instagram offen über seinen Zustand. Was ihm seit der Diagnose zu schaffen macht und warum der 12. Dezember für ihn ein wichtiger Tag sein wird.
Starkes Nasenbluten, von jetzt auf gleich. Das kannte Sebastian gar nicht, „außer, wenn ich mal einen Fußball auf die Nase bekommen habe“. Das wird schon, denkt er. Ein paar Tage später kommen die Blutströme aus der Nase wieder und mit ihnen kleine Einblutungen überall am Körper, sogenannte Petechien. „Da war mein erster Gedanke, dass es was mit der Haut ist.“ Er geht zum Arzt, der nimmt sofort eine Blutprobe, schickt den Plieninger ins Marienhospital. Am 16. März bekommt Sebastian nach einer Knochenmarkpunktion die Diagnose: akute lymphatische Leukämie.
Blutkrebs. Mit 19. „Es war schon erst mal ein Schock“, sagt er, und es habe Wochen gedauert, bis er überhaupt realisiert habe, was das bedeutet. Sebastian spricht von einer besonderen Art von Blutkrebs, bei der man rasch handeln müsse. „Ohne Behandlung breiten sich die Leukämiezellen sehr schnell aus“, erklärt er. Entsprechend zügig geht es mit der Chemo los.
Zwölf Wochen lang muss Sebastian im Krankenhaus bleiben. Ununterbrochen. Viel Zeit, um allein die Gedanken kreisen zu lassen. „Ich war neuneinhalb Wochen wegen der Infektionsgefahr im Zimmer eingesperrt. Das hat sehr an der Psyche gekratzt“, erzählt er. Die Chemo verträgt er nach eigenen Angaben gut, bald ist dennoch klar, dass Sebastian fremde Hilfe benötigen wird. „Ohne eine Stammzellenspende wird es nicht funktionieren“, sagt der heute 20-Jährige. Die Spende sei für ihn überlebenswichtig, „ja, definitiv“.
Der Zufall hat ihm wohl böse mitgespielt
Sebastian lebt für den Fußball. 15 Jahre lang hat er selbst gekickt, erst in Plieningen, dann in Plattenhardt. Der VfB Stuttgart ist sein absoluter Herzensverein, seit Kindesbeinen. „Ich hatte mit drei meine erste Dauerkarte.“ Seit Kurzem fiebert er auch für den 1. FC Heidenheim. Sebastian macht ein Duales Sportmanagement-Studium beim Club, „ich habe den Verein sofort ins Herz geschlossen“. Jetzt muss er pausieren, nach gerade mal einem Semester. „Ich bin sportlich, ich habe nie geraucht, ernähre mich gesund. Da fragt man sich schon: Was habe ich falsch gemacht?“, sagt Sebastian. Heute weiß er, der Zufall hat ihm wohl böse mitgespielt. „Irgendwann hat sich eine Zelle entschieden, sich in eine falsche Richtung zu entwickeln, und der Körper konnte sie nicht zerstören.“
Nicht ins Stadion zu können, Freunde meist nur per Video zu sehen – das sei das Schlimmste. „Das ist das zweite Corona für mich“, sagt er. Durch die schwere Zeit hilft ihm vor allem die Familie, und auch der Zuspruch von Freunden, Kommilitonen und aus der Fußballgemeinde ist groß. Fotos, Schals, unterschriebene Trikots und Briefe helfen Sebastian insbesondere durch die ersten Wochen, schmücken sein Krankenhauszimmer, „um mich daran zu erinnern, wofür es sich zu kämpfen lohnt“. Fanclubs halten während VfB-Spielen Banner hoch. „Kämpfen, Seba“ steht groß drauf. „Das war schon ziemlich cool, meinen Namen in der Cannstatter Kurve zu sehen“, sagt er. Riesig ist die Anteilnahme auch bei Aktionen für die DKMS, die Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Bei drei Terminen in Echterdingen und Plattenhardt lassen sich in Summe 228 Personen als potenzielle Stammzellenspender registrieren, über die DKMS-Homepage sind es noch mal 389.
Bei Instagram hat Sebastian das Profil sebas_kampf angelegt. Dort hält er seine Follower auf dem Laufenden. Sie verfolgen, wie seine Haare ausfallen und wieder nachwachsen, wie er durch Fieberschübe geht, wie die Blutwerte sich über die Monate entwickeln. „Anfangs war es als Tagebuch für die Familie gedacht“, erzählt er, schnell habe sich das Ganze über Fußball-Fanclubs rumgesprochen. Mehr als 2000 Menschen haben die Seite heute abonniert, kommentieren immer wieder die Videos und lassen Genesungswünsche da, darunter sogar Profispieler aus Stuttgart und Heidenheim. „Das ist sehr motivierend, wenn so viele Leute schreiben“, sagt der junge Patient. Und nun wurde ein passender Spender gefunden.
Am 12. Dezember bekommt Sebastian die Zellen einer fremden Person, seines genetischen Zwillings. Aktuell wird der 20-Jährige auf die Transplantation vorbereitet, erhält über eine mobile Pumpe Antikörper verabreicht, damit die Leukämiezellen in Schach gehalten werden. Kurz vor dem eigentlichen Termin wird er Ganzkörperbestrahlungen und eine hoch dosierte Chemo über sich ergehen lassen müssen. Weihnachten und Silvester wird Sebastian im Krankenhaus verbringen. Wieder eingesperrt. Doch er ist guter Dinge. „Die Chancen, dass es anschlägt, sind gut“, sagt er. Die Ärzte hätten Sebastian gesagt, dass es gut und gerne sechs Monate dauern könne, bis sich sein Leben normalisieren werde. Eine lange Zeit, aber Sebastian freut sich auf die Zukunft. Er betont: „Weihnachten kann man nachholen.“
Alle zwölf Minuten eine neue Diagnose in Deutschland
Häufigkeit
Alle zwölf Minuten erhält in Deutschland ein Mensch die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs, weltweit alle 27 Sekunden. Das schreibt die DKMS auf ihrer Homepage. Blutkrebs ist demnach die häufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle bei Kindern. Viele Betroffene können ohne eine Stammzellenspende nicht überleben.
Kontakt
Mehr Infos, wie man sich als potenzieller Lebensretter registrieren und wie man ein Testpaket nach Hause ordern kann, findet man online auf www.dkms.de/aktiv-werden/online-aktionen/sebastian.