Vor allem private Galerien stützen den Kunststandort Stuttgart Foto: Leif Piechowski

Mehrere Hochschulen bieten jungen Künstlern eine gute Ausbildung im Land. Doch was treibt sie nach dem Abschluss weg aus Baden-Württemberg? Eine Studie der Kunststiftung Baden-Württemberg ist der Sache nachgegangen und fand Erstaunliches heraus.

Mehrere Hochschulen bieten jungen Künstlern eine gute Ausbildung im Land. Doch was treibt sie nach dem Abschluss weg aus Baden-Württemberg? Eine Studie der Kunststiftung Baden-Württemberg ist der Sache nachgegangen und fand Erstaunliches heraus.

Die Vorurteile

„Schwaben sind engstirnig“ oder „Schwaben haben keine fröhliche Grundstimmung“: Das sind Meinungen von jungen Künstlern. Immer mehr von ihnen zieht es weg aus Baden-Württemberg und etwa hin nach Berlin. „Die Städte im Südwesten sind fertig und böten aus ­diesem Grund keinen Raum für künstlerische Intervention und Aktion“, heißt es in der Studie „Baden-Württemberg: Ein Ort für junge Künstler“.

Die Studie

Das Kunstbüro der Kunststiftung beobachtet schon seit längerem das Phänomen und hat deshalb diejenigen befragen lassen, die sich damit beschäftigen: Künstler zwischen 25 und 35 Jahren, die entweder ihren Abschluss schon in der Tasche haben oder gerade dabei sind, ihr Studium zu beenden.

Durchgeführt hat die Studie die Agentur Urban Media Project mit Sitz in Offenbach. Der zeitliche Rahmen dafür war ein halbes Jahr. Das finanzielle Budget betrug 12 000 Euro, wobei viel ehrenamtliche Arbeit der Künstler eingeflossen sei, sagt Anna-Sofie Ruckhaberle vom Kunstbüro .

Fragestellungen

Oliver Kremershof hat die Forschungsleitung der Studie inne. Mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Kunstakademie in Karlsruhe sowie der Staatlichen Hochschule für Gestaltung und Medienkunst in Karlsruhe und der privaten Stuttgarter Merz-Akademie (Hochschule für Gestaltung und Medien) bietet das Land renommierte Ausbildungsorte, sagt er. Vielmehr sei es das künstlerische Umfeld, das Studierende kritisieren. Deren Meinung nach gibt es zu wenig junge Galerien. Der Wohn- und Schaffensraum ist entweder zu teuer oder gar nicht verfügbar, weil Vermieter entweder überhaupt nicht oder nicht für einen gewissen Zeitraum vermieten.

Die Studienteilnehmer beschreiben, dass sie mit ihrem Berufsstand im Süden nur schwer eine Mietwohnung bekommen. Künstlerisches Tun wird als unsichere Einnahmequelle gesehen. Nebenjobs, mit denen sich Künstler ihren Lebensunterhalt finanzieren, werden als Mietsicherheit nicht toleriert. Dazu sind die Lebenshaltungskosten im Süden verhältnismäßig hoch.

Widersprüche

40 Prozent der Befragten empfinden die ­Atmosphäre am Studienort in Baden Württemberg als schlicht langweilig, so Oliver Kremershof. Durch Fördermittel bietet das Land seinen Studierenden zwar eine Vielzahl an Möglichkeiten. Viele ihrer Professoren aber leben nicht in Baden-Württemberg – das verweist zusätzlich darauf, dass es andernorts für Künstler attraktiver ist.

Informationslücken

Ein Punkt, den Forschungsleiter Oliver ­Kremershof überraschte: 75 Prozent der ­befragten Künstler geben an, dass sie nach dem Studium „in ein Loch fallen“ und ein funktionierendes Netzwerk vermissen. Dabei sind Netzwerke vorhanden in Form von Kunstvereinen, die in Baden-Württemberg sehr aktiv sind, sowie Kunstmuseen und Galerien. „Junge Künstler wissen sie nur nicht zu nützen“, sagt Kremershof. Zu wenig von ihnen besuchen Ausstellungen, die ein Kunstverein organisiert hat oder nehmen mit solchen Kontakt auf. Gleichzeitig kristallisiere sich heraus, dass die Hochschulen versäumten, den jungen Künstlern zu zeigen, welche Möglichkeiten es für sie nach dem Studium gibt. Etwa, dass sie durchaus ins Ausland gehen können, um dort Erfahrungen zu sammeln. Im Anschluss daran ­biete ihnen Baden-Württemberg ein attraktives Umfeld, so Kremershof.

Kleinverdiener

„Künstler sind wahnsinnig bescheiden – das hat mich sehr überrascht“, sagt Anne-Sofie Ruckhaberle vom Kunstbüro. Erfolg ist etwas, das alle Teilnehmer ganz unterschiedlich definiert haben. Nicht der finanzielle Erfolg ist vielen wichtig. Die Künstlersozialkasse gibt an, dass unter 30-Jährige im Schnitt 11 063 Euro im Jahr verdienen, unter 40-Jährige durchschnittlich 14423 Euro. Manche sind schon zufrieden, wenn sie überhaupt Kunst schaffen können, so ­Ruckhaberle. Sie erwarten gar nicht, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Nirgendwo glücklich

Übrigens beschreiben Künstler, die sich für einen Umzug nach Berlin entschieden haben, ebenso eine Sattheit, die sie gegenüber der Kunst erfahren haben, wie sie auch Künstler über die untersuchten Städte Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg beschreiben, wenn auch auf eine andere Art. In Baden-Württemberg fühlen sie sich isoliert, in Berlin vermissen sie gemäß der Studie eine gewisse Individualität. „Man müsste eigentlich einen Ort kreieren, der irgendwo dazwischen liegt“, sagt Kremershof und lacht.

www.kunststiftung.de