In das Leonberger Krankenhaus wird die nächsten Jahre die komplette Gefäßchirurgie aus Sindelfingen einziehen Foto: Simon Granville

Die Expertise zur Zukunft des Klinikverbundes Südwest stellt die künftige Flugfeldklinik bei Böblingen und Nagold in den als Mittelpunkt der Patientenversorgung. Leonberg behält bestimmte Fachbereiche als Schwerpunkte.

Die Krankenhäuser in Leonberg und Herrenberg werden wohl ihre gynäkologischen Abteilungen und die Geburtshilfen verlieren. Während aber Leonberg als „nördliches Einfallstor“ der Klinikverbundes Südwest als breit aufgestellter Grundversorger im Rund-um-die Uhr-Betrieb erhalten bleibt, wird Herrenberg den Status als Krankenhaus im klassischen Sinne verlieren. 40 Betten im Tagesbetrieb sollen aber bleiben.

 

Das sind zwei wichtige Kernpunkte eines Gutachtens, das das Hamburger Beratungsunternehmen Lohfert & Lohfert im Auftrag des Klinikverbundes Südwest erstellt hat. Weitere wichtige Empfehlung der auf die Krankenhausentwicklung spezialisierten Gutachter: Das im Bau befindliche Flugfeldklinikum zwischen Böblingen und Sindelfingen wird zum Maximalversorger. Eine Aufwertung empfehlen die Gutachter auch für das Krankenhaus Nagold. Die Klinik in Calw bekommt, ähnlich jener in Leonberg, einen Status als Grundversorger. Beide Krankenhäuser sollen ein Doppelzentrum für Geriatrische Frühreha bilden.

Geburten nur noch in Böblingen und Nagold

Im April hatte der neue Geschäftsführer des Klinikverbundes, Alexander Schmidtke, die Zusammenarbeit mit Lohfert & Lohfert verkündet. Das Beratungsunternehmen ist in der Branche bekannt, die meisten Beschäftigten haben einen medizinischen Hintergrund. Schon vor drei Monaten war angeklungen, dass es für einen Normalbetrieb im Krankenhaus Herrenberg in der Zukunft nicht gut aussieht. Dass nun aber die dort sehr erfolgreiche Geburtshilfe auf der Streichliste steht, ist eine echte Neuigkeit.

Jens Peukert, der Vorstandschef des Beratungsunternehmens, räumt ein, dass es bei einem Kreißsaal mit mehr als 1000 Geburten im Jahr „sehr schwer fällt, einen Strich darunter zu ziehen“. Doch um die Gesamtzahlen der Geburten im Klinikverbund stabil zu halten, müsse zentralisiert werden.

Deshalb ist auch die Geburtshilfe in Leonberg auf der roten Liste. Zwar hatte die Klinik erst vor einem guten Jahr, ähnlich wie in Herrenberg, den hebammengeführten Kreißsaal eingeführt, der viele werdende Mütter aus der Region nach Leonberg gezogen hatte. Doch selbst wenn die jetzigen Geburtenzahl von gut 600 noch steigen würde: Der Gutachter hält den personellen Aufwand mit Ärzten und Hebammen für zu groß, um wirtschaftlich zu arbeiten. Auch im Krankenhaus Calw sollen in Zukunft keine Kinder mehr auf die Welt kommen. Geburtshilfen sind im Klinikverbund nur noch in Böblingen und Nagold vorgesehen.

Große Notfälle gehen ans Flugfeld

Geht es nach dem Gutachten, werden Leonberg und Calw außerdem die Kardiologie verlieren. Auch hier werden wirtschaftliche Gründe angeführt: Um einen Herzkatheter, wie er im Leonberger Klinikum vorhanden ist, zu betreiben, seien fünf kardiologische Fachärzte nötig. Die künftige Flugfeldklinik ist dafür als Zentrum für „alle Notfallsituationen“ vorgesehen, wie es der Gutachter Peukert ausdrückt. Dazu zählen neben der Kardiologie die Schlaganfallbehandlung und die Neurochirurgie. Um letzten Bereich am Flugfeld zu etablieren, seien aber noch Gespräche mit dem Sozialministerium nötig, betont der Klinikverbund-Chef Schmidtke. Die nächsten Jahre erhalten bleibt in Leonberg die Gefäßchirurgie. Sie wird sogar vergrößert, weil die Sindelfinger Abteilung nach Leonberg verlagert werden soll. Ausreichend Platz ist im Krankenhaus vorhanden, sagt Schmidtke. Ist aber die neue Großklinik in Böblingen erst fertig, wird die komplette Gefäßchirurgie in diesen Neubau umziehen.

Ob das, wie geplant, in gut zwei Jahren der Fall sein wird, darauf wollen sich der Geschäftsführer und Landrat Roland Bernhard als Aufsichtsratsvorsitzender nicht festlegen. Auch die anderen Veränderungen seien ein Prozess, der sich laut Schmidtke „über die nächsten fünf Jahre erstrecken“ wird.

Gastroenterologie bleibt in Leonberg

Medizinische Schwerpunkte bleiben in Leonberg die erfolgreichen Kliniken für Gastroenterologie und Bauchchirurgie. Auch die Unfallchirurgie und Orthopädie sollen Patienten aus dem großen Leonberger Einzugsgebiet bringen. Vorgesehen ist ein geriatrisches Zentrum mit 60 Betten.

Und Herrenberg? Auch hier könnten geriatrische Reha-Leistungen die Zukunft des Medizinstandorts sichern. „Denkbar“ seine eine „weitere tagesklinische Versorgung“ mit Sprechstunden und ambulanten Operationen. Geprüft werden soll zudem die Etablierung von Kurzzeitpflege.

In Herrenberg kein 24-Stunden-Betrieb mehr

Deshalb will der Chef-Gutachter Peukert auch nicht von einem „Downgrading“ sprechen, zumal nach wie vor 40 Betten dort vorgesehen sind. „Aber ein Notfall nachts um drei Uhr kann dann nicht mehr in Herrenberg versorgt werden“, sagt Peukert klar. „Das ist allemal besser als irgendwann vor einem Scherbenhaufen zu stehen.“

Denn eines ist für die Medizin-Berater aus Hamburg klar: Mit Blick auf die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) betriebene Krankenhaus-Reform gebe es nur im Verbund eine Chance, möglichst viele Standorte zu erhalten. Wie genau die Empfehlungen der Gutachter umgesetzt werden, das muss jetzt die Politik beraten.