In der Schule für Kranke wird in kleinen Gruppen gelernt. Foto: Annina Baur

Rund 20 Prozent aller Jugendlichen unter 18 Jahren weisen psychische Auffälligkeiten auf, Tendenz steigend. In der Schule für Kranke am Krankenhaus Bad Cannstatt wird ihnen geholfen, doch es gibt zu wenig Plätze.

Bad Cannstatt - Thilo (Name geändert) ist immer gerne zur Schule gegangen. Zumindest bis zur sechsten oder siebten Klasse. Dann hat sich etwas verändert: „Ich hatte ganz entsetzliche Tage“, sagt der Gymnasiast. Kein Wunder: Thilo hat eine psychische Erkrankung, die ihn einschränkt. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht lernen kann und will. In der Schule für Kranke im Krankenhaus Bad Cannstatt lernt er zurzeit in einer kleinen Gruppe.

Alle fünf Schüler in der Gruppe der Lehrerin Anila Brauchle-Kretz sind ungefähr gleich alt, kommen aber aus unterschiedlichen Schularten und werden individuell betreut und gefördert, zwei Jugendliche bereiten sich zum Beispiel gerade auf die Realschul-Abschlussprüfung vor. „Es ist das beste Beispiel für eine funktionierende Gemeinschaftsschule“, sagt die Werkrealschullehrerin, die seit wenigen Wochen in der Schule für Kranke unterrichtet. Während diese Gruppe Deutsch und Mathe büffelt, wird eine Tür weiter eine Klausur geschrieben und schräg gegenüber im Technikraum gebastelt.

Stuttgart ist vergleichsweise schlecht versorgt

Insgesamt werden an der Schule für Kranke im Zentrum für Seelische Gesundheit in Bad Cannstatt seit April 2012 bis zu 25 Schüler zwischen 15 und 18 Jahren unterrichtet, 15 vollstationäre und zehn teilstationäre Plätze stehen zur Verfügung. Und das ist bei Weitem nicht genug, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günter. „Stuttgart ist eine der am schlechtesten versorgten Regionen Deutschlands.“ Mindestens 110 Plätze wären seiner Meinung nach nötig, um monatelange Wartezeiten zu vermeiden, vorhanden sind aber gerade einmal insgesamt 63. Deutlich zu wenig bei knapp 20 Prozent aller unter 18-Jährigen, die laut dem Robert-Koch-Institut Berlin in der Bundesrepublik psychische Störungen aufweisen.

Dabei haben die Schulen für Kranke mehr zu tun, als die Schüler so zu fördern, dass sie nach ihrem Klinikaufenthalt wieder an ihrer Schule weiterlernen können: „Die Schule ist ein Stück Realität und Alltag, das erhalten bleibt“, sagt der Schulleiter Ulrich Braun. Nicht zuletzt könne neue Lust am Lernen auch helfen, therapeutisch weiterzukommen.

Betroffenen Familien Mut machen

Am Freitag hat sich die Staatssekretärin Marion von Wartenberg in Bad Cannstatt vor Ort einen Eindruck von der Arbeit in der Schule für Kranke gemacht. „Ich möchte wissen, was die Politik berücksichtigen muss“, sagt von Wartenberg. Außerdem wolle sie darauf aufmerksam machen, dass die Zahl psychisch erkrankter Jugendlicher ansteige und betroffenen Familien Mut machen, einen stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt samt dem Besuch der Schule für Kranke als Chance zur individuellen Förderung zu begreifen. „Mit psychischen Erkrankungen sollte genau so wie mit anderen Erkrankungen umgegangen werden“, sagt die Staatssekretärin.

Thilo jedenfalls ist auf einem guten Weg: „Der Unterricht macht mir wieder Spaß.“ Er hat in der Schule für Kranke wieder Lust bekommen, in seinen Lieblingsfächern Mathematik und Französisch besser zu werden und Neues zu lernen – und kann dies hoffentlich bald auch wieder im gewohnten Umfeld an seiner Schule und mit seinen Freunden tun.

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