Publikumsnah: Felix Kummer von Kraftklub Foto: Steffen Schmid

Von null auf hundert in kurzer Zeit. Nach nur zwei Alben füllen Kraftklub schon die großen Hallen. Warum ist die Band aus Chemnitz eigentlich so erfolgreich? Eine Spurensuche beim wunderbar unpeinlichen Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle.

Stuttgart - Es gibt da diese dreieinhalb Minuten am Freitagabend in der Schleyerhalle, an denen alles fast so ist wie noch vor ein paar Monaten. Vier der fünf Herren von Kraftklub eilen im Schutz der Dunkelheit in die Mitte der Halle zum Mischpult, um hier „Deine Gäng“ zu spielen. Das ist es wohl, was sie wollen: eine Gang sein. Und ganz nah dran an den Fans.

Kraftklub sind fünf Freunde aus Chemnitz, die Musik machen und damit eben auch die Massen erreichen. Da stehen sie auf der kleinen Bühne. Keinen Meter entfernt die Fans, die sich schon vor Konzertbeginn vor der Halle in Stimmung gebracht haben. Das Publikum ist vornehmlich dunkel gekleidet. Die derzeitige große Kraftklub-Tournee heißt wie das aktuelle Album „In Schwarz“.

Im Vorprogramm von Die Ärzte, Beatsteaks oder Fettes Brot

Dazu muss man wissen, dass es gerade mal das zweite Album ist. Das Debüt „Mit K“ erschien vor gut drei Jahren, landete auf Platz eins der deutschen Charts. Das ist es wohl, was man den Durchbruch nennt.

Sie spielen viele Konzerte, eigene, kleine Gigs, treten im Vorprogramm von Die Ärzte, Beatsteaks oder Fettes Brot auf. Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Erfolg lässt sich nicht nur in Chartplatzierungen messen, sondern eben auch an der Größe der Hallen, in denen sie spielen. „Das ist das größte Konzert der Tour bis jetzt“, sagt Sänger Felix.

Er sagt das nicht ohne Stolz. Macht aber, wann immer es geht, klar, dass das irgendwie nur ein Zufall sein kann, und kokettiert mit dem neuen Status: „Ja, jetzt spielen wir in der Schleyerhalle, das ist unpersönlich, riesig, da geht die Bindung verloren.“ Über das neue Startum hat er auch ein lustiges Lied geschrieben.

In „Unsere Fans“ heißt es: „Ich hab unsere Fans schon gekannt, da kannte die noch keiner / damals ging es nicht um Uhren, schnelle Autos oder Weiber / Früher, als noch jeder von den’n was zu sagen hatte, / da ging’s um Ideale, da ging es um die Sache.“ Diese Selbstironie steht ihnen so gut wie die eng geschnittenen Polohemden.

Keine peinlichen Anbiederungsversuche

Wer der Band Kraftklub Ausverkauf vorwerfen will, kann das natürlich machen, weil sie nach so kurzer Zeit in der größten Halle der Stadt spielt. Es gibt aber bei dieser zwei Stunden langen Show keine peinlichen Anbiederungsversuche zu beobachten. Und was wollen sie auch machen, wenn so viele kommen wollen?

Punkt 20.30 Uhr geht es los. Hinter dem schwarzen Vorhang, auf dem in großen, weißen Lettern Kraftklub steht, erklingen die ersten Takte von „Für immer“. Es geht ums Verlassen-Werden und um Liebeskummer. Und es ist ein gutes Beispiel, wie der zackige Indierock von Kraftklub funktioniert. Frontmann Felix Kummer sprechsingt die Zeilen ins Rund, der Refrain wird von Gitarrist Karl Schumann gesungen. Die Musik ja, sie könnte abwechslungsreicher sein.

Aber sie ist eben auch das, was 9000 Fans wollen: Partymusik. Es gibt Zeilen zum Mitsingen. Zeilen, die als Slogans taugen. „Ich will nicht nach Berlin“, „Ich wär gern weniger wie ich“ und „Wenn du mich küsst, ist die Welt ein klein bisschen weniger scheiße“ sind solche. Es gibt zackige Gitarrenriffs, zu denen man sich schnell bewegen kann.

Immer wieder entstehen sogenannte „Moshpits“ unter den Fans. Es sind große Kreise, in denen die Fans wild herumtanzen. Wahrscheinlich kann niemand genau erklären, wie die wo entstehen. Es passiert aber bei schneller, tanzbarer Musik.

Die Bühne von Kraftklub ist entsprechend der Halle groß, die Lightshow beeindruckend. Auch wenn bei einem Pyroeffekt nur ein Knall zu hören, aber nichts zu sehen ist. Links und rechts von der Bühne ragen zwei riesige aufblasbare Hände gen Bühnendecke. Viel mehr ist da nicht an Show. Und dennoch kann Kraftklub auch über 120 Minuten gut unterhalten.

Von Träumen, Sehnsüchten und der Tristesse

Da wird mal eine Freundin von einem Fan-Handy aus den ersten Reihen angerufen, die angeblich wegen Grippe nicht zum Konzert kommen konnte. Da ­erzählt Felix vom nachmittäglichen Spaziergang in Stuttgart, von einem Besuch an der Baustelle, wo früher die Röhre stand, und widmet dem Club das Gentrifizierungslied „Meine Stadt ist zu laut“.

Da werden die Fans mit Sitzplatzkarten aufgefordert, doch, bitte schön, hinzustehen. Mit einer Taschenlampe leuchtet Sänger Felix in die einzelnen Reihen, um zu zeigen: Wir kennen euch noch alle. Wir sind die, die wir immer waren.

Während andere Bands in zerschlissenen Jeans auf der Bühne stehen, treten Kraftklub – wie immer – uniformiert auf, tragen schwarze Polohemden, enge schwarze Jeans und rote Hosenträger. Sie singen von Träumen, Sehnsüchten und der Tristesse des Alltags: „Drei Schüsse in die Luft (bäng, bäng, bäng) / Die Revolution oder Berlin Tag und Nacht“. Und alle können sie irgendwie verstehen.

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