Ein Hilferuf, der viral geht: Bereits 1,3 Millionen Mal wurde das Foto von dem Schild angeklickt, mit dem das "Krabba-Nescht" zu mehr Freundlichkeit gegenüber seinen Kellnern bittet. Zuvor hat es einen ungeheuerlichen Vorfall gegeben.
Calw - Am Ende wusste sich Christine Klein-Seeger nicht mehr anders zu helfen, als zum Stift zu greifen und auf ein Schild zu schreiben: "Bitte seien Sie nett zu unserer Bedienung. Noch immer sind Kellner schwerer zu bekommen als Gäste." Denn das, was zuvor passiert war, brachte die Geschäftsführerin des "Krabba-Nescht" in Holzbronn zur Verzweiflung: Eine 22-jährige Kellnerin hatte erst ihren zweiten Tag in dem beliebten Ausflugslokal, war noch in der Einlernphase – und wurde dann so sehr von einem Gast angeschnauzt, dass sie weinen musste. Klein-Seeger: "Das Mädchen hatte wirklich alles gegeben. Und dann meinte der Gast, sie solle mal die Füße in die Hand nehmen und seinen Tisch schneller abräumen."
Kein Sommerloch mehr
Die Corona-Pandemie hat in der Gastronomie viel verändert – beim Personal und bei den Gästen. "Es ist der Wahnsinn. Wir kämpfen jeden Tag. Es gibt kein Sommerloch mehr. Die Leute bleiben jetzt doch eher zu Hause", beobachtet Klein-Seeger und bedauert: "Es ist traurig, dass man überhaupt so ein Schild schreiben muss. Aber die Leute sind seit Corona einfach ungeduldiger geworden."
Noch schwieriger scheint es jedoch beim Personal geworden zu sein. Denn neues zu finden, gestaltet sich für das "Krabba-Nescht" mit seinen 43 Mitarbeitern zunehmend schwierig. "Und das liegt nicht nur an der Bezahlung. Wir zahlen übertariflich und alles an Zulagen, was geht. Die Mitarbeiter dürfen auch das Trinkgeld selbst behalten", erklärt Klein-Seeger und findet: "Seit Corona haben die Leute einfach eine andere Work-Life-Balance."
Noch nie so schlimm
In Calw steht das "Krabba-Nescht" mit dem Problem längst nicht alleine da. Thomas Peter, Ortsverbandsvorsitzender der Dehoga (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) und Chef des "Alt-Calw", unterstreicht: "Personal ist ein Riesenproblem." In den 33 Jahren, in denen er jetzt das Restaurant am Calwer Markt betreibt, sei es noch nie so schlimm gewesen. Bei seinen Gastrokollegen in der Stadt sehe es nicht anders aus.
Und ähnlich wie Klein-Seeger spricht auch Peter von einer neuen Work-Life-Balance. "Früher hatte ich jemanden, den konnte ich am Freitagabend anrufen, wenn viel los war. Das habe ich nicht mehr", zeigt der 59-Jährige auf und verdeutlicht: "Ich hatte 13 Jahre lang eine Köchin. Durch die Corona-Lockdowns hat sie sich jetzt etwas anderes gesucht." Peter ist nun der einzige Koch seines Restaurants.
Verlässliche Arbeitszeiten
Doch welche Wege führen raus aus der Gastro-Krise? Peter: "Ich empfehle meinen Kollegen, es wie wir zu machen: Ruhetage einlegen, Öffnungszeiten reduzieren." Zwei Ruhetage pro Woche hat das "Alt-Calw" jetzt – und nur noch zweimal abends geöffnet. "Verlässliche Arbeitszeiten sind für das Personal exorbitant wichtig. Die müssen pünktlich anfangen, aber auch pünktlich Feierabend haben", stellt Peter heraus.
Ebenso wichtig ist laut dem Calwer Dehoga-Vorsitzenden die Bezahlung. "Mindestlohn ist zu wenig. Das Schnitzel kostet bei mir jetzt 18 statt 16 Euro. Der Gast ist auch bereit, mehr zu zahlen. Billig geht nicht", verdeutlicht Peter. Doch dass die Bezahlung nicht alles ist, merkt der Chef des "Alt-Calw" an seiner eigenen Küche: "Ich wünsche mir einen Koch zur Aushilfe, finde aber keinen. Am Lohn liegt’s nicht. Ich würde für ihn sogar eine eigene Sonderkarte für den Abend machen."
1,3 Millionen Klicks
Immerhin: Oben in Holzbronn melden sich nun täglich Bewerber, die im "Krabba-Nescht" anfangen wollen. Denn das Foto von dem Schild, das Klein-Seeger geschrieben ist, ging viral und wurde auf Facebook bereits 1,3 Millionen Mal angeklickt. "Wir haben eine wahnsinnig positive Resonanz bekommen. Natürlich sind da auch negative Kommentare dabei. Mir ist einfach wichtig, dass die Leute das Schild nicht falsch verstehen. Wir lieben unsere Gäste, aber genauso lieben wir unser Personal", betont die Geschäftsführerin.
Und auch für die 22-jährige Bedienung, die angeblafft wurde, gab es ein Happy End – denn sie hat ihren Job im "Krabba-Nescht" nicht hingeschmissen. Klein-Seeger freut sich: "Wir sind ein Team und bauen uns wieder auf."