Sein Atelier wurde regelmäßig zum Treffpunkt in Münchingen. Jetzt muss der Maler Gvido Esmanis seine Sachen packen. Er zieht um – und bleibt mit einem neuen Atelier doch in dem Korntal-Münchinger Stadtteil. Foto: Jürgen Bach

Gvido Esmanis hat in Korntal-Münchingen aus einer landwirtschaftlichen Scheune und ehemaligen Pferdeboxen ein Kleinod gemacht, das inzwischen Strahlkraft für die ganze Stadt hat. Doch damit it jetzt Schluss. Er muss raus. Doch der Maler lässt sich nicht beirren.

Hätte das irgendjemand gedacht, dass eine Scheune zu einem Zentrum der Kunst, Kultur und des Miteinanders in Korntal-Münchingen werden würde? Der Macher selbst vielleicht schon, zumindest insgeheim gehofft. Hat Gvido Esmanis eine Idee, setzt er sie um, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und die stimmten lange Zeit in der Münchinger Ortsmitte. Jetzt aber hat ihm der Vermieter gekündigt. Das Atelier wird wieder zur landwirtschaftlich genutzten Scheune, also zu dem was es bis vor mehr als 20 Jahren gewesen war. An den November-Wochenenden findet je von 14 bis 16 Uhr ein Abverkauf von Kunst und Atelierausstattung statt. Für Esmanis ist zum Jahresende Schluss.

 

Ein rauschendes Fest zum Abschied

Vergangenen Freitag hat Esmanis zum Abschiedsfest eingeladen. Rund hundert geladene Gäste waren gekommen. Esmanis wählt zunächst begeistert Superlative, um die Atmosphäre des Abends zu beschreiben. Dann sagt er zusammenfassend schlicht: „Es war ein schönes Fest.“ Ehrlich ist seine Freude vor allem aber darüber, dass auch der Eigentümer kam und sich unter die Festgäste mischte, denn das Verhältnis sei wie walle die Jahre nach wie vor „sehr gut, fast freundschaftlich“. Dabei war er es gewesen, der Esmanis gekündigt hatte. Der Eigentümer begründet die Kündigung mit dem Steuergesetz. Der Eigentümer habe „aus steuerrechtlichen Gründen keine andere Möglichkeit, das Anwesen der nächsten Generation weiterzugeben“, sagt Esmanis. Das Atelier gilt steuerrechtlich als Gewerbefläche, nicht als landwirtschaftliches Anwesen. Entsprechend anders sind auch die Konditionen, um es der nächsten Generation zu vermachen. „Ich bedaure das ganz arg“, sagt der Eigentümer selbst über die Entwicklung. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er es bei dem Atelier belassen, sagt der Landwirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Platz zum Arbeiten, Platz für die Kunst

Aus Altersgründen, auch gesundheitsbedingt, hat sich der Landwirt längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Vor 20, 25 Jahren war das anders. Der Landwirt machte sich für die Belange seines Berufsstands stark, ging Diskussionen nicht aus dem Weg und äußerte sich zu gesellschaftspolitischen Themen, wenn es ihm geboten schien: Neuen Ideen und Innovationen war er aufgeschlossen, wenn sie ihn überzeugten. Und er hatte eine große Scheune, die er nicht mehr als Heuschober benötigte, nachdem er nach und nach seine Pferde abgegeben hatte. Gvido Esmanis, der Münchinger mit den lettischen Wurzeln, der spät zur Kunst gefunden hatte, war fasziniert.

Zwei Pferdefreunde hatten sich gefunden. Der eine, der den Ort zur Verfügung stellte, der andere, der ihn fortan mit neuem Leben füllen wollte.

In der Scheune hatte Esmanis Platz, Platz zum Arbeiten, aber auch Raum für seine zum Teil großformatigen, farbintensiven, auch abstrakten Arbeiten. Die Skulpturen und Eichenstelen hatten ebenso ihren Platz. Das filigrane Figürliche und das wuchtige Abstrakte besteht in seinen Arbeiten in der Scheune nebeneinander, ohne gegenseitig die jeweilige Wirkung zu schmälern.

Immer wieder lud Esmanis zu Atelierführungen ein, verknüpfte das mit Auftritten von Künstlern, etwa dem Jazzmusiker Veit Hübner oder dem Autoren Johann Enderle oder auch dem örtlichen Jazzclub.

Derzeit nutzen noch vier Künstler insgesamt drei Ateliers. Sie alle müssen raus. Zum Teil würden sie sich nun an ihren Wohnorten neu orientieren, heißt es. Gvido Esmanis, der Münchinger, schaute sich eben in Münchingen um. Bald hatte er Angebote – „von groß bis ganz klein“. Auch eine Scheune hätte er haben können. Aber noch einmal alles von vorne, nochmals eine Scheune als Atelier nutzbar machen?

Der 70-Jährige zögerte. Nicht allein des Aufwands wegen. Aber das, was war, würde sich nicht wiederholen lassen. Dieses Miteinander mit dem Eigentümer, dieses Vertrauen, gewachsen auf Basis des gemeinsamen Interesses an Pferden. Und würde er – und vielleicht auch das Publikum – nicht doch immer wieder in Verlegenheit kommen, zu vergleichen? Doch der Blick zurück, das Hadern ist nicht Esmanis’ Ding. Er sagt: „Es war toll. Und jetzt kommt etwas Neues.“

Manche Scheune hat in den vergangenen Jahren einen Wandel erlebt. In dem ehemals selbstständigen Bauerndorf gab es viele Hofanlagen. Mit dem Rückzug der Landwirtschaft – entweder kam das völlige Aus oder der Betrieb wandelte sich weg von der Tierhaltung zu anderen Facetten der Landwirtschaft – bestand vor allem für die Scheunen kein Bedarf mehr. Vor vielen Jahren schon machte selbst die Stadt Infoveranstaltungen, um dafür zu werben, die Scheunen etwa in Wohnflächen umzugestalten. Sie konnte nur auf das Mitwirken der Eigentümer setzen, die meisten der teils historischen Bauwerke befinden sich seit je in Privatbesitz.

Esmanis wird nun sein Atelier im Gewächshaus eines Gartenbaubetriebs in Münchingen einrichten. Dessen Eigentümer, der Landschaftsgärtner Rainer Knoch bestätigt die Vermietung. Esmanis weiß, dass er sich im Vergleich zu heute wird beschränken müssen. Aber warum dies nicht als Chance begreifen? Möglicherweise wird der Mann, der seine Bilder auch schon anlässlich internationaler Reitturniere in der Stuttgarter Schleyerhalle zeigte, fortan im digitalen Raum ausstellen. „Warum nicht?“ Es ist mehr eine Aussage als eine Frage.

Seitdem klar ist, dass er in Münchingen weitermacht, laufen auch die Vorbereitungen für die Veranstaltung „Made in Münchingen“. Alle zwei Jahre hatte Esmanis unter Beteiligung zahlreicher Künstler und der Stadt den Ortsteil Münchingen einen Tag lang zur großen Kunstmeile gemacht.