Sehr spannend und mitreißend: Das Staatsorchester widmet sich unter Leitung von Gábor Káli in der Liederhalle Schubert, Mozart und Korngold.
Erich Wolfgang Korngolds einzige Sinfonie, komponiert 1952, ist ein spektakuläres Wunderwerk der unterschiedlichsten Klang-, Farb- und Gefühlsräume. Korngold amalgamierte darin Tschaikowskys Schicksalsdramatik und Bruckners Steigerungswellentechnik genauso wie die dissonanzenreiche Avantgarde seiner Zeit oder Hollywoods sinfonischen Klangbombast. Letzteres ist kein Wunder, gehört Korngold doch auch zu den Miterfindern anspruchsvoller Filmmusik. Max Reinhardt hatte ihn 1934 nach Hollywood geholt, wo er für einige Jahre die noch junge Filmmusikbranche entscheidend und oscarprämiert prägen sollte.
Was für ein Teufelsritt!
Selten wird Korngolds instrumentales Opus magnum aufgeführt. Jetzt konnte man seine Sinfonie im Abokonzert des Stuttgarter Staatsorchesters im Beethovensaal in einer mitreißenden Aufführung erleben. Am Dirigierpult der Ungar Gábor Káli, der das riesig besetzte Staatsorchester von seinen sehr genauen Vorstellungen hörbar überzeugen konnte: mit weit ausholenden Armschwüngen im dramatischen Kopfsatz und elegisch-schmerztrunkenen Adagio, mit detaillierter, die Charaktere sehr genau vorspielender Gestik und Mimik im finster-dämonischen Scherzo und eulenspiegelnden Finale. Wenn auch gelegentlich im Zusammenspiel kleckernd, gestaltete das Staatsorchester den Aufbau des riesigen epischen Spannungsbogens straff und brachte die krasse Stilvielfalt des Werks plastisch zur Entfaltung – nicht nur, was den Teufelsritt des Scherzos angeht, der schließlich von Blechbläserfanfaren befeuert in der Klang-Heroik Hollywoods landet.
Jugendliche Sicht auf das Werk
In der ersten Hälfte des Konzerts war es da wesentlich relaxter zugegangen. In Mozarts Klarinettenkonzert stellte der 22-jährige Solist Lewin Kneisel selbstbewusst seine jugendliche Sicht auf das Werk vor: mit lyrischem Ton, natürlich, lebendig, plastisch und luftig artikulierend, vor allem aber mit einem enormen dynamischen Spektrum. Man muss aus diesem Spätwerk ja nicht immer gleich Todesahnungen heraushören, auch wenn Mozart es wohl in vollem Bewusstsein seines bereits desolaten Gesundheitszustands komponiert hat.
Mit Gábor Káli hatte Kneisel genau den richtigen Dirigenten an seiner Seite, der die Kommunikation zwischen dem (hier noch klein besetzten) Orchester und dem jungen Solisten auf ein vorbildliches Niveau brachte – so fein und genau forderte er vom Kollektiv Ausdrucksnuancen, Pointen, Farb- und Stimmungswechsel ein. Sehr spannend, sehr mitreißend.