Scooter bringen Dadaismus, sinnentleerte Slogans und krachend harte Beats nach Stuttgart. Die Schleyerhalle tanzt sich gemeinsam mit Kirmestechno-Grandseigneur H.P. Baxxter in Extase.
Scooter sind ein Phänomen, wie man es in Musikdeutschland kein zweites Mal findet. Es ist eben nicht nur das Land von Goethe und Schiller, sondern auch von H. P. Baxxter. Die graue Eminenz des Kirmestechno ist unlängst 60 geworden, lässt sich das auf der Bühne allerdings nicht anmerken. Alterslos wirkt er, wasserstoffblonde Haare, enge schwarze Klamotten, das Mikro stets direkt an den Lippen. Damit schreit er seit über 30 Jahren relativ sinnentleerte Botschaften über die harten Beats vom Band, die ihn abwechselnd als „Hardrhymer“, „Supervisor“ oder „Transformer“ ausweisen. Hans Peter ist Legion.
Im Grunde also durchaus eine Farce, etwas, worüber man eigentlich kein Wort verlieren müsste. Und dennoch: 11.000 Menschen folgen dem Ruf von Deutschlands erfolgreichster Techno-Band, füllen das Rund und die Ränge der Schleyer-Halle und sind von Kopf bis Fuß auf Ballermann eingestellt. Scooter, das ist natürlich keine Hochkultur, sondern eher ein Zugunglück, aber das Spannende ist die Transformation, die schon zu Beginn ihres Sets unweigerlich einsetzt: Man kann sich noch so sehr bemühen, das alles entsetzlich zu finden; am Ende kriegen Scooter einen doch.
Scooter ist mehr als H.P. Baxxter
Darin haben sie Erfahrung: Seit ihrem Durchbruch „Hyper Hyper“, an sich ein selten dämliches Lied, in dem H. P. Baxxter wahllos die Namen anerkannter Techno-DJs ins Mikro plärrt, um die Kredibilität einer Szene zu bekommen (hat nicht geklappt), sind ziemlich genau 30 Jahre vergangen. Das feiert er überwiegend mit sich allein, seinen Fans und seinen knapp bekleideten Tänzerinnen. Wer derzeit noch bei Scooter ist und unter den Keyboards so tut, als würde auch nur ein Ton live gespielt werden, ist ihm mehr oder weniger egal. Fürs Protokoll: Es sind zwei Männer namens Jay Frog und Marc Blou.
In der aktuellen, sehr sehenswerten Netflix-Doku über die Band kommen auch die alten Bandmitglieder zu Wort. Der Grundtenor: Scooter sind eine Band, und nicht etwa der Egotrip von H. P. Baxxter. Sie sind mittlerweile nicht mehr dabei, also mag an diesem Tenor durchaus zu rütteln sein. Aber machen wir uns nichts vor: Auch Stuttgart ist es egal, wer da hinter den Synthies steht. Solange Hans Peter da vorn herumspringt und seine Gitarre bei „Fire“ Funken sprüht, ist Techno-Deutschland in Ordnung. Warum er auch 27 Jahre nach Veröffentlichung des Songs dieses höchst simple Gitarrenriff nicht live spielen kann, bleibt unbeantwortet.
11.000 Menschen in Ekstase
Wie so vieles: Warum H.P. das Publikum etwa die Hälfte der Show auf Englisch anspricht, bevor er offenbar feststellt, in Deutschland zu sein. Geschenkt, der Grandseigneur der Kirmestechno steht auf der Bühne wie ein Messias, dem 11.000 Menschen vor der beeindruckenden Bühne mit den gigantischen, versetzt stehenden LED-Screens zu Füßen liegen. Von der allerersten Reihe bis zur hinteren Bar in der Schleyer-Halle ist Volksfeststimmung. Wir sind Techno.
Erst im März haben Scooter ein neues Album veröffentlicht. Mitbekommen hat das kaum jemand, auch in der Schleyer-Halle liefert die Platte nur den strunzdummen Slogan für die Scooter-Pfandbecher: „Open Your Mind And Your Trousers“. Weia. Die 100 Minuten, die sich Scooter durch ihr Repertoire ballern, haben dennoch einen seltenen Unterhaltungswert. Vielleicht muss man seinen Verstand nicht öffnen, sondern eher in Teilen pausieren lassen, um das Spectaculum zu genießen. Aber sich darauf einzulassen, bedeutet letztlich Eskapismus pur. Durchzug.
30 Jahre deutsche Technogeschichte
Und das ist im positivsten Sinne zu verstehen: Es wäre ein Leichtes, das Auftreten des alternden Frontmanns als peinlich, die Tänzerinnen als unzeitgemäß, die Musik als infantil zu bezeichnen. Damit würde man es sich aber zu leicht machen. Scooter, das ist eine Band, die ein Publikum aus allen Altersgruppen und musikalischen Genres begeistern kann. Schlagerfans, harte Heavy-Metal-Jünger, Raver: Bei Scooter tanzen sie Seite an Seite. Völkerverständigung bei 180 bpm.
30 Jahre deutsche Technogeschichte werden an diesem Abend auf ein abendfüllendes Ohrensausen eingedampft. Natürlich gibt es „How Much is The Fish“?, natürlich gibt es „Endless Summer“, natürlich gibt es „Maria (I Like It Loud)“. Millionen Platten haben Scooter verkauft, meist basieren ihre Songs auf Vorlagen oder alten Melodien. Geschenkt. Es knallt, donnert und blitzt, Hans Peter lässt im Kafkajahr die Muskeln seiner denkwürdigen Poesie spielen. „Respect for the man in the ice cream van.“ Genau.
Mark Knopfler hat schon in der Schleyer-Halle gespielt, Herbert Grönemeyer, Elton John, Eric Clapton. An diesem Gründonnerstag übertönt ein Ruf alle Ikonen, die hier vor H. P. Baxxter auf der Bühne standen: Döp, döp, döp, döp, dödödödödöp. Und jetzt alle.