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Die Telekom zieht sich aus der Fläche zurück. Von der Entwicklung profitiert Stuttgart.

Stuttgart - Seit Jahren zieht sich die Deutsche Telekom aus der Fläche zurück und konzentriert ihr Personal an ausgewählten Standorten. Jetzt ist die Geschäftskundensparte an der Reihe. Von der Entwicklung profitieren soll die Landeshauptstadt Stuttgart, die Verlierer sind die übrigen Standorte im Südwesten.

Das Stühlerücken beim Telekommunikations-Platzhirsch Deutsche Telekom ist in vollem Gange. Nachdem der Bonner Konzern bereits 2008 in anderen Unternehmensteilen, etwa beim Betrieb von Call-Centern, einen umfangreichen Umbau der Konzernstrukturen angestoßen hatte, trifft die Entwicklung nun weitere Unternehmensteile. Bereits vergangene Woche hatte die Telekom angekündigt, die Organisation im Geschäftskundenbereich zu straffen. Dabei lautet das Motto: Raus aus der Fläche und Konzentration des Personals an Zentralstandorten. Von den derzeit 140 Service- und Vertriebsstandorten und Außenbüros bundesweit soll nach Telekom-Plänen bis Ende 2012 nur ein Bruchteil übrig bleiben. Bundesweit sind mehr als 5000 Beschäftigte betroffen und müssen an andere Standorte wechseln, wenn sie ihren Job im Konzern behalten wollen.

Auch für den südwestdeutschen Raum konkretisieren sich jetzt die Telekom-Umbau-Pläne. Danach umfasst die Groß-Rochade des Konzerns rund 1000 Vertriebsstellen zwischen Saarbrücken und Konstanz. Diese Mitarbeiter sind bisher auf 19 Standorte, hauptsächlich in Baden-Württemberg, zu einem kleinen Teil aber auch im Saarland und in Rheinland-Pfalz verteilt. 17 dieser Telekom-Standorte sollen nun bis Ende 2012 aufgelöst werden, die betreffenden Mitarbeiter schwerpunktmäßig in Stuttgart zusammengezogen werden. Telekom-Angestellte in grenznahen Standorten, etwa in Ulm, Ravensburg oder Weingarten, sollen dem bayrischen Telekom-Zentrum in Augsburg zugeschlagen werden. In der Region Stuttgart sollen die Mittelstandszentren für Vertrieb bzw. Service in Reutlingen, Göppingen, Schwäbisch Hall und Heilbronn aufgelöst werden. Gleiches ist für die größeren Telekom-Zentren Mannheim, Karlsruhe, Offenburg und Freiburg geplant.

"Jobabbau durch die Hintertür"

Der große Profiteur des Stühlerückens ist nach Telekom-Plänen Stuttgart. Durch Personalzufluss aus kleineren Standorten sollen im Geschäftskundenbereich hier 750 neue Stellen entstehen, sagte ein Telekom-Sprecher dieser Zeitung. Die Gesamtzahl der Stuttgarter Telekom-Jobs soll damit von rund 3100 auf 3850 anwachsen, so der Sprecher. Die Gewerkschaft Verdi indes bezweifelt, dass sich überhaupt so viele Mitarbeiter finden, die von den teils entlegenen Telekom-Dependancen, etwa in Konstanz oder Kaiserslautern, in die baden-württembergische Landeshauptstadt wechseln. Betroffen seien sehr viele Innendienstmitarbeiter, oft Frauen mit Halbtagsstellen, die vor Ort gebunden seien, sagt Joachim Reiter, Landesfachbereichsleiter Telekommunikation. Für sie komme ein Umzug oder stundenlanges Pendeln nicht infrage.

Reiter hält die Umstrukturierung, der nach Telekom-Angaben keine Jobs zum Opfer fallen sollen, daher für ein "Stellenstreichungsprogramm durch die Hintertür". Dass die Telekom nicht wechselwilligen Mitarbeitern Ausweichsarbeitsplätze vor Ort in anderen Konzernteilen anbieten will, sei für die Masse der Betroffenen "keine realistische Option". Der Grund: Auch in anderen Firmenteilen sei die Aufstellung schon derart dünn, dass die verbliebenen Büros eine große Anzahl an Mitarbeitern gar nicht mehr aufnehmen können. Als Blaupause für die jetzt eingeleitete Entwicklung sieht der Gewerkschafter die 2008 begonnene Umstrukturierung der Telekom-Call-Center. Nur wenige Mitarbeiter seien damals zu anderen Standorten gewechselt. In Summe seien Stellen abgebaut worden, sagt Reiter. Verdi werde in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Betriebsräten daher "alles versuchen, was das Betriebsverfassungsgesetz hergibt", um die Pläne zu verhindern.

Gut möglich also, dass nur ein kleiner Teil der für Stuttgart versprochenen Mitarbeiter in der Landeshauptstadt ankommt. Ein neuer Standort, der die zusätzlichen Telekom-Beschäftigten in Stuttgart beherbergen könnte, existiert nach Firmenangaben denn auch noch nicht. Bis die Maßnahmen in einem Jahr anlaufen, werde man das aber hinkriegen, heißt es.

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