Früher selbst erfolgreich im Rennwagen, heute im Kommandostand in der Box: Catharina Golz berät Rennsportteams im Kampf um die entscheidenden Sekunden. Foto: Alisia Sina Wagner

Autorennen werden nicht von Männern oder Frauen gewonnen, sondern von guten Fahrern, bestens eingestellten Autos und genauer Kenntnis der Regularien. Catharina Golz weiß das. Sie verschafft Motorsportteams die nötigen Sekunden im Rennen.

Stuttgart - Catharina Golz hat ihre sieben Monate alte Tochter auf dem Arm. Die Kleine kränkelt momentan etwas und ist darum nicht in der Kinderkrippe. Golz, die 37-jährige Inhaberin einer Unternehmensberatung, scheint ein Paradebeispiel dafür, dass es möglich ist: Frau, Ehefrau und Mutter zu sein – von zwei eigenen und zwei Patchwork-Kindern – und beruflich erfolgreich zu sein. Und das gleich mit doppelter Karriere in der männerdominierten Motorsportwelt, in der Frauen gemeinhin mit leichter Kleidung und sexy Posen auf Motorhauben oder in der Boxengasse assoziiert werden.

 

Power und PS

Unter ihrem Mädchennamen Catharina Felser hat sich die sympathische Powerfrau mit viel PS und fahrerischem Können an die Spitze gefahren. Als eine der erfolgreichsten deutschen Rennfahrerinnen hat sie bereits als 19-Jährige als einzige Frau in der Formel 3 ganz oben mitgemischt. Formel BMW ADAC, Formel 3 und GT3 sind weitere Stationen aus ihrer aktiven Motorsportkarriere. Deren Höhepunkte: 2003 der 6. Platz in der Deutschen Formel 3 und der 3. Platz in der Fia GT4 Sport Light Europameisterschaft im Jahr 2008. Dann war Schluss.

„Eigentlich wollte ich meine Motorsportkarriere nicht beenden, habe es dann aber aus familiären Gründen doch getan, weil meine Mutter schwer erkrankt ist und ich mich um sie und um meinen behinderten Bruder kümmern wollte“, erinnert sich Golz an das Ende ihrer aktiven Zeit in der Welt des Motorsports.

Es geht um Sekundenbruchteile

Was folgte, waren ein – zunächst alibiartiges – Jurastudium und die Gewissheit, dass es mit dem Motorsport vorbei ist: „Ich hätte nie gedacht, dass ich Jura und Motorsport verbinden kann.“ Getan hat sie es dann doch. Hat noch einen Abschluss in MBA Motorsport Management auf die beiden juristischen Staatsexamen obendrauf gesetzt und sich 2008 selbstständig gemacht.

„Ten Tenth“ – zehn Zehntel – heißt ihr Unternehmen. In Anspielung darauf, dass es im Motorsport um Sekundenbruchteile geht. Die Beratung namhafter Automobilhersteller im Bereich Motorsport ist ihre Geschäft. Sportmanagement, Sponsoring und Events gehören da ebenso dazu wie die sogenannten Legal Affairs. Also Motorsportteams zu zeigen, wie sie sich regelkonform durch Grauzonen mogeln können, könnte man etwas flapsig umschreiben, was das bedeutet.

„Das Wissen darum, wie im Motorsport durch das geschickte, juristisch abgesicherte legale Ausnutzen aller häufig weniger bekannten Details im Regelwerk die notwendigen Sekundenbruchteile gewonnen werden können, die es braucht, um statt der Konkurrenz auf Platz eins zu landen“, beschreibt Golz selbst, wofür ihre Kunden sie bezahlen.

Regularien pauken

Ihre Beratertätigkeit ist immer zeitlich begrenzt, projektbezogen und exklusiv. Seit 2018 berät sie Porsche. Davor hat sie vier Jahre lang BMW beraten. „Mit BMW haben wir 2016 beim 24h-Rennen in Spa gewonnen, obwohl wir nur das fünftschnellste Auto auf der Strecke waren. Aber wir wussten, dass beim letzten Boxenstopp nach 24 Stunden, wenn getankt und nur ein Reifen gewechselt wird, keine Standzeit beachtet werden muss. Das hat die notwendigen Sekunden gebracht, um den Konkurrenten Bentley zu schlagen“, gibt Golz einen Einblick in ihre Tätigkeit, die das detaillierte Studium sämtlicher Regularien voraussetzt.

Dass die sehr umfangreich sind, stört Catharina Golz nicht. Im Gegenteil: „Ich liebe es, solche 50 bis 60 Seiten starke Regularien zu lesen“, kommt sie ins Schwärmen und erzählt, dass sie eine Teamworkerin sei und selbstverständlich bei jedem Rennen mit auf dem Kommandostand sitze. Dort kommt ihr dann zugute, dass sie selbst als Rennfahrerin aktiv und erfolgreich war. Die Motorsportszene ist eben doch ein männerdominierter Bereich, in dem sich auch Frauen wie Catharina Golz immer wieder behaupten müssen.

Täglich Ellenbogen einsetzen

„Durch den Rennsport habe ich Durchhaltevermögen und Insiderwissen mitbekommen, das bringt enorm viel“, ist sich Golz sicher und fügt lachend hinzu, sie liebe ihren Beruf so sehr, dass sie es in Kauf nehme, tagtäglich ihre Ellenbogen auszufahren. Das passt zu ihrem Arbeitsmotto: „durchsitzen, aussitzen, abliefern“. Auch wenn sie männliche Skeptiker manchmal zu Beginn einer Beratung erst von ihrer Kompetenz überzeugen muss. Was ihr spätestens dann gelingt, wenn klar ist, dass sie nicht nur Leidenschaft für ihren Job mitbringt, sondern den Motorsport von der Pike auf „gelernt“ hat.

In ihrer aktiven Zeit als Rennfahrerin hat Catharina Golz, respektive Catharina Felser, gezeigt, dass erfolgreich Autorennen fahren auch als Frau geht. Heute zeigt sie ihren Kunden, dass Autorennen mit dem richtigen Auto, mit fahrerischem Können und mit Detailkenntnis der Regularien gewonnen werden.

Der wichtigste aller Boxenstopps

Immer mit dem Fuß auf dem Gaspedal, könnte man beschreiben, wie die Bayerin, die mittlerweile im baden-württembergischen Wiernsheim lebt, erst ihre Rennfahrerkarriere und jetzt ihre Berufskarriere organisiert hat. Langsam machen geht nicht. So lässt sie sich neben der Selbstständigkeit auch immer wieder als TV- und Eventmoderatorin engagieren und ist Mitglied bei den Sport Speakers.

Nur ein täglicher Boxenstopp ist gesetzt, erzählt sie: „Von 16 bis 20 Uhr ist Familienzeit.“ Außer sie sitzt am Wochenende an irgendeiner Rennstrecke auf irgendeinem Kommandostand, mit irgendwelchen Regularien in der Hand.