Weniger Anträge für das neue Angebot – der Landeselternbeirat hält mehr Überzeugungsarbeit für nötig. Foto: dpa

Bis zum Jahr 2023 sollen 70 Prozent der rund 2500 Grundschulen in Baden-Württemberg Ganztagsschulen werden. Doch die Kommunen zögern noch mit dem Ausbau.

Stuttgart - Im nächsten Schuljahr will die Elise-von-König-Schule in Stuttgart auch ihre Grundschule zur Ganztagsschule machen. An vier Tagen pro Woche sollen die Schüler sieben Stunden lang in der Schule sein, am fünften ist früher Schluss. „Wir haben uns für sieben statt acht Stunden entschieden, um alle Eltern für die Ganztagsschule zu gewinnen“, sagt Renate Schlüter, Leiterin der Gemeinschaftsschule. Das ­ermögliche rhythmisierten Unterricht, also einen Wechsel zwischen Unterricht und ­Erholungsphasen. Auch die Hausaufgaben sollen die Kinder erledigt haben, wenn sie nach Hause gehen. Und natürlich gibt es dort Mittagessen.

Die Stuttgarter Gemeinschaftsschule ist eine von schätzungsweise 130 Grundschulen in Baden-Württemberg, die beantragt haben, nach den Sommerferien 2015 als Ganztagsgrundschule zu starten. Genaue Zahlen lägen noch nicht vor, sagte eine Sprecherin des Kultusministeriums. Bei der Verabschiedung des Ganztagsschulgesetzes im Sommer war Kultusminister Andreas Stoch (SPD) davon ausgegangen, dass es in diesem Schuljahr einen starken Ansturm auf das neue Modell geben würde. Denn die Landesregierung stellt den Ganztagsschulen mehr Lehrer zur Verfügung als früher. In der ersten Runde im Sommer hatten 180 der rund 2500 Grundschulen beantragt, Ganztagsschule zu werden.

Norbert Brugger, Dezernent des Städtetags Baden-Württemberg, sieht mehrere Gründe für die derzeitige Zurückhaltung bei den Schulträgern, also den Städten und Gemeinden. Aufgrund der Kommunalwahlen im Mai und der Veränderungen in den Gemeinderäten sei die Zeit zu knapp gewesen, sagt er. Aber es gebe in einigen Punkten auch Verbesserungsbedarf. Schulen und Kommunen wünschten sich weniger Vorschriften, etwa, wenn es um den Einsatz von Personal oder die Verwendung von Geld geht, das die Schulen anstelle von Lehrerstunden beantragen können. Das Land solle den Kommunen mehr vertrauen.

Manche Kommunen zögerten auch, weil das Land bei den neuen Ganztagsschulen die Zuschüsse für die Betreuung vor und nach dem Unterricht streiche, sagt Steffen Jäger, Beigeordneter des Gemeindetags. Auch die Mindestgröße von 25 Kindern in einer Ganztagsklasse oder einer jahrgangsübergreifenden Ganztagsgruppe sei an manchen Grundschulen, vor allem im ländlichen Raum, schwer zu erreichen.

Bei der Debatte um die Ganztagsschule prallen aber auch innerhalb der Kommunen unterschiedlichste Interessen auf­einander. Da sind die berufstätigen Eltern, ein Teil von ihnen Alleinerziehende, die darauf angewiesen sind, dass ihre Kinder am Nachmittag nicht auf der Straße stehen. Andere Eltern hingegen wünschen sich, dass ihre Kinder nach dem Vormittagsunterricht nach Hause kommen und Zeit für Hausaufgaben und Hobbys haben. Wieder andere Familien bevorzugen ein flexibles Nachmittagsangebot an ein oder zwei Tagen.

Um möglichst viele Interessen abzudecken, hat die Landesregierung ein Ganztagsschulgesetz verabschiedet, das unterschiedliche Modelle zulässt. Die Schulträger entscheiden, ob das Ganztagsangebot an drei oder an vier Tagen gilt und ob es sieben oder acht Stunden umfasst. Je nach Umfang erhalten die Schulen pro Ganztagsklasse oder -gruppe sechs bis zwölf Lehrerstunden wöchentlich zusätzlich. Die Kommunen bestimmen auch, ob das Ganztagsangebot für alle Schüler verpflichtend oder die Teilnahme freiwillig ist. Viele Schulen würden es gern für alle Kinder verbindlich machen, damit sie den Vormittagsunterricht entzerren könnten und mehr Zeit für die Förderung einzelner hätten. Davon würden aus Sicht der Wissenschaft vor allem Kinder aus so genannten bildungsfernen Familien profitieren, denen die Eltern kaum selbst helfen oder Nachhilfe finanzieren können.

„Ganztagsschule darf nicht die Verdopplung der Halbtagsangebote sein“, sagt Carsten Rees, Vorsitzender des Landeselternbeirats. Nötig seinen vielfältige Angebote, auch von außerschulischen Partnern wie Sportvereinen, Musikschulen, Jugendarbeit. Nur dann könnten skeptische Eltern überzeugt werden, dass die Ganztagsschule auch ihnen und ihren Kindern Vorteile bringe – zum Beispiel ­weniger Schulstress.

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