Mit einer langen E-Klasse punktet Daimler in China und schafft sich seine eigene Konjunktur Foto: Daimler

Der Daimler-Konzern eilt von Rekord zu Rekord. Doch mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie die Geschäfte laufen, falls die Rahmenbedingungen einmal schlechter werden

Stuttgart - Es ist noch gar nicht so lange her, da dürfte die jährliche Versammlung der Aktionäre für Daimler-Chef Dieter Zetsche einer der unangenehmsten Termine des Jahres gewesen sein. Die Anteilseigner, die im Berliner Kongresszentrum ICC das Wort ergriffen, überboten einander mit kritischen, enttäuschten, zornigen Redebeiträgen, bis sie schließlich ermattet und frustriert die Versammlung verließen. Am heutigen Mittwoch werden sich in Berlin erneut die Aktionäre versammeln, und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sie dieses Mal dem Konzernchef an den Lippen hängen. Neue Modelle, neue Rekorde bis hin zur Dividende – die Zahlen stimmen. Sieht man einmal vom Aktienkurs ab, bei dem Daimler allerdings durchaus im Branchentrend liegt.

Noch vor wenigen Jahren waren wichtige Marktsegmente überhaupt nicht besetzt – nach langen Jahren, in denen Daimler und seine besten Leute mit der letztlich gescheiterten Übernahme von Chrysler beschäftigt waren, machte die Konkurrenz gewaltig Boden gut. Doch längst hat Stuttgart mehr Fahrt aufgenommen als die Konkurrenz. An Audi ist man vorbeigezogen und BMW dicht auf den Fersen. Zwischen den Absatzzahlen der Marken Mercedes und BMW lagen im gesamten vergangenen Jahr gerade noch die Verkäufe von drei Tagen. Und – was aus wirtschaftlicher Sicht noch wichtiger ist als die reinen Absatzzahlen: Auch die Kasse stimmt im Autogeschäft – mit einer Rendite von 9,5 Prozent sind die Mercedes-Autos in der Premiumliga inzwischen das Maß der Dinge.

Profitiert von der Abwertung des Euro

Entscheidend für die weitere Entwicklung ist freilich nicht der Blick in den Rückspiegel. Viel wichtiger ist die Frage, wie es mit dem Konzern weitergeht. Hier spielen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. So profitierte das Unternehmen im vergangenen Jahr gewaltig von der starken Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, der dazu führte, dass sich die eingenommenen Dollar in viel mehr Euro verwandelten als im Jahr zuvor. Dass sich dieser Effekt wiederholen lässt, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern gesamtwirtschaftlich auch kaum wünschenswert, käme er doch am ehesten durch eine noch aggressivere Niedrigzinspolitik der Notenbank EZB zustande. Auch die niedrigen Zinsen selbst haben das Geschäft beflügelt – kommt der Konzern, der einen guten Teil seiner Verkäufe über seine Finanzsparte finanziert, dadurch doch extrem günstig an Geld für die Finanzierung von Autoverkäufen und Investitionen.

Doch andererseits ist der Konzern nicht abhängig von günstigen Rahmenbedingungen, wie die Entwicklung in China zeigt, wo Mercedes eine rasante Aufholjagd hinlegt. Mercedes schaffte ein Plus von rund einem Drittel und damit ein Vielfaches der Zuwächse von BMW. Andererseits gilt aber auch: Je wichtiger ein Markt wird, desto stärker ist man von dessen Entwicklungen betroffen. Die bisherige Entwicklung im schwächelnden China zeigt allerdings, dass Daimler sich bisher seine Konjunktur teilweise selbst schaffen konnte. Das gilt nicht nur für die Autosparte, sondern auch für die Nutzfahrzeuge. So musste die Bussparte zwar einen herben Einbruch von 15 Prozent hinnehmen, doch die Marktanteile in wichtigen Ländern stiegen trotzdem – denn die Konkurrenz musste oft noch herbere Einschnitte hinnehmen. Jahrelang auf der Welle des Erfolgs zu surfen ist das eine – auch bei schlechterem Wetter oben zu bleiben ist das andere. Die Erfolge auch in schwierigen Märkten deuten darauf hin, dass Daimler heute wetterfest aufgestellt ist. Das ist mindestens ebenso wichtig wie immer neue Rekordzahlen.

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