Mit einem Lichtermeer aus 150 000 Kerzen soll der Eröffnungsabend des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Stuttgart am Mittwochabend Zeichen setzen Foto: DEKT/Jens Schulze

Der ideelle Wert des Evangelischen Kirchentags für Stuttgart ist nicht zu beziffern. Er ist sogar unbezahlbar, kommentierte Martin Haar.

Stuttgart - „Wer jetzt nicht lebt, wird nichts erleben. Bei wem jetzt nichts geht, bei dem geht was verkehrt.“ Diese Zeilen stammen aus Herbert Grönemeyers Lied „Zeit, dass sich was dreht“. Es steckt eine gewisse Unzufriedenheit darin. Und eine Sehnsucht nach Wandel. So gesehen, passt die Hymne, die Herbie zur Fußball-Welt­meisterschaft 2006 geschrieben hatte, auch zum kommenden Großereignis: dem ­Kirchentag in Stuttgart und dessen Motto „Damit wir klug werden“.

Worin wir klüger werden sollen, ist längst formuliert. Auch – oder gerade – von dieser Stadtgesellschaft. Stuttgarter haben schon lange einen besonderen Sensor für diese Notwendigkeit. Ganz gleich, ob man für das Bahnprojekt Stuttgart  21 ist oder dagegen ist. Man muss auch kein Wutbürger sein, um zu erkennen: diese Stadt stößt an ihre Grenzen. Weiteres Wachstum ist kaum möglich. Geschweige denn sinnvoll. Schlagworte wie Feinstaub, Verkehrschaos, Wohnungsnot verdeutlichen das. Daher klingt es fast so, als hätte ein Stuttgarter Teile des Vorworts im Kirchentags-Programm diktiert. Dort steht unter ­anderem: „Mit natürlichen Ressourcen verantwortungsvoll umgehen“. Oder: „Schöpfung bewahren, Umwelt und ­Klima schützen“.

Auch der Kirchentags-Gedanke, dass Ernährungsgewohnheiten mittelbar den Klimawandel beeinflussen, scheint bei Stuttgartern sehr präsent zu sein. Auch wenn es keine repräsentative Zahl ist. Aber zuletzt besuchten 15 000 Menschen den Vegan Street Day in der City. Nicht alle dieser 15 000 werden und wollen sich vegan oder vegetarisch ernähren, aber sinnvoll und verantwortungsbewusst. Jene vereint ihr ausgeprägtes Bewusstsein für eine ethischere Form des Konsums. Eine klare Haltung gegen Massentierhaltung oder sonstige Besonderheiten der Ernährungsindustrie. Lokal oder Global.

Der Kirchentag nimmt damit das auf, was in der (Stadt-)Gesellschaft längst gärt. Er ist sogar so etwas wie ein kleines Versuchslabor. In den kommenden Tagen werden diese Themen nicht nur besprochen, sondern vertieft. Die Kirchentags-Bewegung will auch zeigen, dass Menschen in dieser Zeit Verantwortung übernehmen können. Zuletzt wird dieses Signal zumindest in das ganze Land gesendet. Das macht einen Teil des Wertes dieser Großveranstaltung aus. Der ideelle Wert ist nicht zu beziffern. Er ist sogar unbezahlbar. Davon werden auch die hohen Damen und Herren, namentlich Angela Merkel oder Joachim Gauck, in ihren Sonntagsreden berichten. Wichtiger wäre jedoch, dass die Entscheider in dieser Gesellschaft jenen Geist, den Stuttgart in diesen Tagen aussendet, mitnehmen.

Daher ist die Meinung von Bürgermeister Michael Föll richtig: Es ist wichtig, dass Stuttgart Forum solcher Diskussionen wird. Auch das ist Mehrwert. Die Frage „Was bringt uns der Kirchentag?“ ist in diesem Sinn eine Frage aus dem vergangenen Jahrhundert. Einer Zeit, in der ungebremstes Wachstum noch als heilsbringende Maxime galt. Nun ist es Zeit, dass sich was dreht. Und Stuttgart kann in der kommenden Woche so etwas wie das Epizentrum dieser Bewegung werden. Das Motto dazu kommt von Grönemeyer. Die Schlusszeilen seines Liedes klingen so: „Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten. Es gibt keine Wahl und kein ­zweites Mal! Die Zeit ist bereit, nicht zu vertagen.“