Die Rolle der immer Unzufriedenen mit dem eigenen Aussehen, macht Frauen klein. Foto: Welzhofer

Ein Leben lang war unsere Kolumnistin unzufrieden mit ihrer Frisur. Was das mit kindlicher Prägung zu tun hat, und warum sie diese Unzufriedenheit nicht an ihre Tochter weitergeben will, erzählt sie hier.

Stuttgart - Ich lasse mir derzeit die Haare wachsen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Keine Sorge, das hier wird keine Beauty-Ausgabe von „Mensch, Mutter“. Aber am Beispiel meiner Frisur habe ich verstanden, wie frühe Prägungen wirken. Als ich ein Kind war, gab es nämlich in meiner Familie unhinterfragte Glaubenssätze. „Wir schauen uns im Urlaub gern alte Kirchen an“, war zum Beispiel so einer. Oder: „Wir sind schlecht in Naturwissenschaften.“

Auch: „In unserer Familie ist niemand handwerklich begabt“, ist eine angebliche Wahrheit, die ich schon mit der Muttermilch aufgesogen habe. Und eben: „Wir haben fusseliges, also für Langhaarfrisuren ungeeignetes Haar“. Weshalb ich meine Kindheit und Jugend mit einem Bob auf dem Kopf in ziemlich vielen Kirchen verbrachte – und meine Freundinnen um ihre französischen Zöpfen und Urlaube in Ferienclubs beneidete.

Außerdem führe es auch auf diese Familien-Dogmen zurück, dass ich weder Schreinerin noch Quantenphysikerin geworden bin – obwohl ich in Naturwissenschaften immer mindestens eine Zwei in der Schule hatte.

Die Mütter putzten und machten Gartenarbeit

Was prägt Kinder? Welche Botschaften gibt man ihnen bewusst und unbewusst mit? In welche Rollen erzieht man sie hinein? Das sind Fragen, die mich sehr beschäftigen. Denn seit ich Mutter bin, merke ich zum ersten Mal so richtig, wie wirkmächtig und hartnäckig die Skripte sind, die ich aus meiner Kindheit mit mir herumschleppe. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie eine Frau als Mutter zu sein hat, aber auch, wie Kinder zu sein haben.

Meine Mutter und ich haben lange bei meinen Großeltern gewohnt. Und die lebten eben ein sehr klassisches Modell: Mein Opa war als Handlungsreisender tagelang unterwegs und konnte sich tatsächlich nicht mal das sprichwörtliche Spiegelei braten. Meine Oma kümmerte sich um Kinder, Haus und Büro. Auch in den Familien meiner Freundinnen sah es ungefähr so aus. Die Mütter waren zuhause und verbrachten ihre Zeit offenbar hauptsächlich mit Gartenarbeit und Putzen – zumindest schließe ich das aus den geradezu aseptischen Gärten und Häusern, in denen ich damals zu Besuch war. Uralte Rollenverteilungen, wohin ich blickte.

Modell klingt nach Konstrukt

Kürzlich schrieb meine Kollegin Anja Wasserbäch, dass sie sich als Teenager eine Sängerin wie Billie Eilish gewünscht hätte. Eine junge Frau, die in der männerdominierten Popwelt erfolgreich ist, obwohl sie in Sackklamotten und mit grünen Haaren herumläuft und von Depressionen und der schlimmen Welt da draußen singt. Aber in unserer Jugend, also in den 90er Jahren, gab es halt „ausschließlich Männer mit Gitarre oder Boybands und Madonna und Kylie Minogue, die schon perfekt geschminkt aufgewacht sind“, so die Kollegin. Die anderen Vorbilder waren also damals auf der Bühne ebenso rar, wie in meiner direkten Umgebung.

Vielleicht ist es mir deshalb so wichtig, für meinen Kindern das Rollenmodell der starken, selbstbestimmten, gleichberechtigten Frau und Mutter zu sein. Und vielleicht bin ich deshalb so oft erschrocken darüber, dass ich dem eigentlich gar nicht immer genüge. Zum Beispiel, weil ich – obwohl der Mann und ich gleich viel arbeiten – ganz selbstverständlich mehr im Haushalt mache. Weil ich es bin, die dafür sorgt, dass abends etwas zu essen auf dem Tisch steht. Andererseits macht es mir halt mehr Spaß zu kochen als ihm (und ich kann es auch besser, wobei die Frage wäre warum – ach, es ist ein Teufelskreis!)

Vielleicht ist es ja das Problem mit den Rollenmodellen, das darin das Wort Modell steckt. Was für mich auch ein bisschen nach Konstrukt und Reißbrett klingt. Und damit wiederum nicht nach dem echten Leben, Denn das findet ja bekanntlich irgendwo zwischen allen Modellen und Idealen statt.

Vier Jahrzehnte lang unglücklich

Anstatt sich also so eine Rolle vorzunehmen, ist es wahrscheinlich besser, sich den Kindern so zu zeigen, wie man eben ist. Aber sich eben auch immer mal wieder zu fragen, ob das, was man ist, auch das ist, was man sein will. Oder eben nur das Ergebnis irgendwelcher vererbter Glaubenssätze.

Um es mal etwas weniger verschwurbelt zu erklären: Ich war vier Jahrzehnte lang unglücklich mit meinen Haaren, weil mein Großmutter und Mutter unglücklich mit ihren Haaren waren. Ich trug wechselnde Farben und Längen bis maximal zum Kinn, ich wechselte alle paar Monate den Friseur. Aber besser wurde es in meinen Augen nie.

Bis ich vor einem halben Jahr beschloss, dass ich das so nicht mehr will. Weil diese Rolle der immer Unzufriedenen mit dem eigenen Aussehen ja auch eine ist, die Frauen kleiner macht, und die ich deshalb auf gar keinen Fall an meine Tochter mit ihren wunderbaren Stopsellocken weitergeben will.

Deshalb habe ich beschlossen, damit aufzuhören und die Haare einfach mal das tun zu lassen, was ihre natürliche Bestimmung ist: zu wachsen. Und, was soll ich sagen: Mit ein bisschen Spülung und Lockenstab sieht das gar nicht so fusselig aus. Es fühlt sich so an, als habe ich mich mit 41 Jahren tatsächlich mit meinen Haaren versöhnt.

Es liegt jetzt durchaus im Bereich des Möglichen, dass ich demnächst eine Zweitkarriere als Quantenphysikerin starte und meine Kinder in keine alten Kirchen mehr schleppe.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt.

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